Von Franziska Hundseder

Kameraden! Spruht das A-H-Symbol mit der 100 an die Mauern, nutzt jede Gelegenheit zum 100. Geburtstag des Führers, des deutschen Zeitenwenders, an Adolf Hitler zu erinnern, der unvergessen ist im deutschen Unterbewußtsein.“ So appellierte Michael Kühnen, prominenter Anführer bundesdeutscher Neonazis, an seine Gesinnungsgemeinschaft. Für die ist der diesjährige 20. April „ein ganz besonderer Tag“ – es sei, so Kühnen, die Ehrenpflicht eines Nationalsozialisten, an der zentralen Großkundgebung zu Adolf Hitlers 100. Geburtstag teilzunehmen. Die soll am 22./23. April „im europäischen Ausland“ stattfinden, wo genau, darüber schweigt sich Kühnen noch aus. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen wird Spanien der Hauptaktionsort sein. Eine weitere Gedenkfeier wird im elsässischen Hagenau veranstaltet.

Organisator der braunen Jubelfeiern von Skandinavien bis Portugal ist das „Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers“ (KAH). Die Planung für das „Jahrhundertereignis“ läuft seit fünf Jahren. In einer Pizzeria im Herzen der Madrider Altstadt wurde das KAH am 26. Mai 1984 aus der Taufe gehoben. Michael Kühnen, sein Stellvertreter Thomas Brehl, Dieter Weißmüller und ein weiterer Kamerad, der mittlerweile abtrünnig geworden ist, hatten sich getroffen mit León Degrelle, dem ehemaligen SS-General und wallonischen Faschistenführer, der 1945 in Belgien zum Tode verurteilt wurde. Als Ehrenpräsident des Hitler-Komitees wird der 83 Jahre alte Degrelle bei der Geburtstagsshow eine Hauptrolle spielen. Außerdem ist es ihm aufgrund seines einträglichen Export-Import-Handels auch möglich, das KAH mit saftigen Spenden zu unterstützen. Degrelle, der die Existenz von Gaskammern wie die Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich bestreitet, nennt Hitler einen „Genius größer als Napoleon“ – was nicht verwunderlich ist, schließlich soll ihn der Führer einstmals als Wunschbild eines Sohnes bezeichnet haben.

Seit 1984 sammelt das Komitee Spenden zur Finanzierung, auch für die Koordinierungstreffen. Eines davon fand in den Räumen des „Collegium Humanum – Akademie für Umwelt und Lebensschutz“ in Vlotho an der Weser statt. Den Veranstaltungsort besorgte der damalige Kühnen-Anhänger Michael Krämer, der heute Buchhändler im oberbayerischen Miesbach ist und Bezirksvorstandsmitglied der Republikaner.

Für Spanien als Hauptschauplatz der Feier sprachen mehrere Gründe. Einmal finden dort alljährlich am 20. November die Gedächtnisfeiern für Generalissimo Franco und den Falange-Gründer José Antonio Primo de Rivera statt. In der Madrider Innenstadt versammeln sich dazu bis zu einer Million Franco-Nostalgiker, und in der Krypta der Gedenkstätte für die „Kämpfer für ein vom Bolschewismus befreites Spanien und die Neuordnung Europas“ sind es auch etliche tausend, unter ihnen noch viele ehemalige Mitglieder der „Division Azul“, die mit der Hitler-Wehrmacht im Osten kämpfte. Im letzten Jahr marschierte die bundesdeutsche Abordnung als Block geschlossen in die Krypta ein und erwies dem töten Diktator mit dem Hitler-Gruß die Reverenz.

Enge Verbindungen gibt es auch zwischen dem 1965 in der Bundesrepublik gegründeten „Circulo Espanol de Amigos de Europa“- („Cedade“) und deutschen Rechtsextremisten. So traf Michael Kühnen am 11. Dezember 1988 mit dem „Cedade“-Präsidenten Pedro Varela in München zusammen, um Einzelheiten der Hitler-Geburtstagsfeiern zu besprechen. Die nazistische „Cedade“ verfügt über einen großen Apparat: Sie hat Ortsgruppen in ganz Spanien, aber auch in vielen süd- und mittelamerikanischen Ländern. Die „Cedade“ brachte es fertig, schon wenige Tage nach dem Tod des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess die spanischen Städte mit Gedächtnisplakaten zu bepflastern („Hess ahora ya es libre“ – Jetzt ist Hess frei). Das Hauptquartier in Barcelona versorgt Hitlerfans zum Beispiel mit reproduzierten Aufklebern aus dem Dritten Reich.

Eine Schlüsselfunktion im deutsch-spanischen Neonazi-Dialog spielt der „schon fast legendäre ‚Capitan Walter‘, ein Ordensjunker und glühender Nationalsozialist“. Hauptmann a.D. Walter Matthaei lebte fast dreißig Jahre lang in Spanien. Er leitet die militante „Juventud Vikinga“ und die NS-Kameradschaften auf der Halbinsel. Von ihm lernte Kühnen, daß es in Spanien „ungeahnte Möglichkeiten“ gebe.