Zu fast jeder Erfindung gibt es die unglücklichen Erfinder, die vorbereitend den größten Teil der Arbeit leisteten, die glücklichen Erfinder, die der neuen Sache ihren Namen anheften konnten, und die Schmarotzer, die mit geringfügig abgewandelten Modellen oder Prozessen die Patente profitträchtig zu umschiffen wußten.

Zu keinem dieser Erfindertypen gehörte William Henry Fox Talbot, ein englischer Adliger, der ein photographisches Verfahren erfand, das alle Züge der Photographie in sich barg, wie sie in den nächsten hundert Jahren praktiziert werden sollte: den Negativ/Positiv-Prozeß, das latente Bild, und die Photographie auf Papier. Talbot, geboren 1800, ein neugieriger Forscher, der fast kein Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften ausließ, kam im Sommer 1835 zu Ergebnissen, die das Verfahren der words of light beweisen konnten, aber dennoch ästhetisch wenig hergaben. Überzeugt davon, etwas Wichtiges entdeckt zu haben, ließ er das Projekt liegen und widmete sich anderen Studien. Dann wurde Talbot 1839 durch die gigantisch inszenierte Verkündung des Franzosen Daguerre aufgeschreckt. Talbot brachte seine eigene Technik innerhalb weniger Wochen auf einen vorzeigbaren Stand – und brauchte doch zwölf Jahre, das einzige Verfahren, das reproduzierbare Licht-Bilder hervorbrachte, durchzusetzen. Verdient hat er an seiner Erfindung nie, eine Reihe von Patent-Klagen verloren. Im Gegensatz zu einigen frühen Vorbereitern photographischer Verfahren brachte die Nichtanerkennung seiner Leistung Talbot allerdings an die Armutsgrenze.

Das photographische Werk Talbots im Kontext seiner Zeit ist jetzt aufwendig und kenntnisreich aufgearbeitet worden. Hubertus von Amelunxen zeichnet verantwortlich für den Text- und Bildband „Die aufgehobene Zeit“. Von Amelunxen zeigt Talbot als Erfinder vor dem wissenschaftsgeschichtlichen Hintergrund seiner Zeit, mit Ausflügen in die Philosophie, die Technik, Kunst und Politik. Es wird ganz deutlich, daß Talbots Interesse immer auch vom Papier geleitet war (das ihm auch als Negativträger diente), daß der Erfinder Schrift und Bild in bezug auf ihren Zeichenträger als eng benachbart begriff. Es ist überraschend, wieviel Neuland es zu entdecken gibt – fernab des oft behandelten Komplexes Photographie/Malerei. – In München ist dieser Tage eine Ausstellung mit Talbots Photographien aus den Jahren 1839 bis 1845 eröffnet worden (sie wird in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus bis zum 29. Mai gezeigt); danach soll sie noch in Köln, Wien, Lausanne, Paris und Antwerpen zu sehen sein.

Ulf Erdmann Ziegler

  • Hubertus von Amelunxen:

Die aufgehobene Zeit

Die Erfindung der Photographie durch William Henry Fox Talbot; Nishen Verlag, Berlin 1988; 159 S., Abb., 98,– DM