Von Johannes Ludwig

Sie saßen in der ersten Reihe und klatschten laut Beifall: Hermann Göring, Joseph Goebbels und Adolf Hitler. Auf der Bühne des Ufa-Filmpalastes in Berlin verbeugte sich die Schauspielerin Camilla Spira. Es war ihre erste Rolle – als tapfere Frau des Funkers Jaul in dem U-Boot-Film der Ufa „Morgenrot“. Es war der 2. Februar 1933, drei Tage nach der „Machtergreifung“ der Nazis.

Camilla Spira war gerührt: Unter tosenden Ovationen hängte man ihr einen Lorbeerkranz mit grünen Banderolen um, auf denen in goldenen Lettern zu lesen war: „Der Darstellerin der Deutschen Frau“. Sie stand, so schien es, am Beginn einer großen Karriere, tatsächlich aber schon am Ende ihrer Laufbahn: Camilla Spira ist Jüdin.

Sie konnte nicht wissen, daß es wenige Wochen später auch ihren Schwiegervater „Onkel Ignatz“ erwischen würde: Ignatz Nacher, 64 Jahre alt, Konzernchef und Mehrheitsaktionär der Engelhardt-Brauerei mit Sitz in Berlin. Engelhardt (heute Schultheiss-Brauerei) war der zweitgrößte Brauereikonzern in ganz Deutschland, zu dem im Oberbayerischen die Hofbräu und die Henninger Reifbräu (heute Patrizierbräu), im Ruhrgebiet die Gesenberg-Brauerei und die Dortmunder Ritterbrauerei, in Hamburg die Winterhuder Bierbrauerei (heute Haake-Beck) gehörten. Ignatz Nacher war das, was man einen erfolgreichen Geschäftsmann nennt, und ein Pionier obendrein: Als erster hatte er – zusammen mit Louis Pasteur – Bier „pasteurisiert“, es haltbar gemacht. Die „Pfandflasche“, in der dieses Bier verkauft werden konnte, geht ebenfalls auf sein Konto.

„Jüdisches“ Bier in „arischen“ Kehlen? Das konnte nicht schmecken. Auch Julius Lippert nicht. Lippert war Chefredakteur der vom Berliner Gauleiter Goebbels, dem Nazi-Propagandaleiter, gegründeten Zeitung mit dem bezeichnenden Namen Der Angriff. Saß Julius Lippert noch vor einem Jahr wegen „Beleidigung“ zusammen mit Adolf Hitler auf der Anklagebank eines Berliner Schwurgerichtes, so haben sich inzwischen die Zeiten geändert: Die Nazis sind an der Macht, und Julius Lippert wird ihr Fraktionsvorsitzender im Reichstag. Am 14. März ernennt ihn Hermann Göring zum Staatskommissar für Berlin. Seine Aufgabe: die Reichshauptstadt „von jüdischen und korrupten Elementen zu säubern“. Für den fanatischen Nazi-Funktionär heißt das auch: Das „Judenbier“ von Engelhardt muß weg.

Hilfreich ist ihm dabei eine interessante Information, die er unerwartet erhält. Vor ziemlich genau vier Jahren, am 3. Mai 1929, hatte ein Mann namens Richard Köster als zuständiger Geschäftsführer und als Vorstandsmitglied der Brauerei einen Grundstücksvertrag unterschrieben, der nun zum Hebel der „Arisierung“ wird. Nach Meinungsverschiedenheiten mit Generaldirektor Ignatz Nacher mußte Köster gehen. Seinerzeit residierte die weltbekannte Brauerei in einem modernen Geschäftshaus am Alexanderplatz, dem „Engelhardt-Haus“. Genau dort wollte die Stadt Berlin die U-Bahn bauen und den „Alex“, wie er schon damals hieß, vergrößern. Das „Engelhardt-Haus“ stand beidem im Weg und sollte abgerissen werden. Man einigte sich auf einen Verkauf an die landeseigene Grundstücksgesellschaft Berolina für 8 990 000 Mark.

Doch vor der Vertragsunterzeichnung steht – zwischen den Festtagen von Weihnachten und Neujahr 1928/29 – plötzlich der Vorstandschef der stadteigenen Berolina in Nachers Wochenendhaus Gut Sauersberg bei Bad Tölz vor der Tür und bittet Nacher, bekannt für gemeinnützige Stiftungen, um eine Spende in Höhe von 120 000 Mark – für „politische Zwecke“, wie er sagt. Nacher zögert und fragt nach. „Für bürgerliche Parteien, deren Kassen leer sind“, beruhigt ihn der Berolina-Chef. Nacher willigt dann doch ein, und Richard Köster muß als Finanzchef die 120 000 Mark in Tausendmarkscheinen zu Lasten von Nachers Privatkonto auszahlen. Nacher vergißt die ganze Sache.