Diese Geschichte wird jetzt hervorgezogen, und schnell sind Gerüchte in die Welt gesetzt, Nacher habe, um einen hohen Verkaufspreis zu erzielen, die 120 000 Mark als „Schmiergeld“ bezahlt. Staatskommissar Lippert, nur zwei Monate im Amt, bestellt am 19. Mai 1933 Nacher zu sich: Auf dem Tisch liegt ein Revolver. Lippert droht mit sofortiger Haft im Konzentrationslager. Nacher, durch die letzten Ereignisse in Berlin – die Verfolgungen nach dem Reichstagsbrand und den sogenannten Judenboykott am 1. April – völlig eingeschüchtert, setzt seine Unterschrift unter ein vorbereitetes schriftliches „Abkommen“: Für 2,5 Millionen Mark muß er an Lippert Engelhardt-Aktien herausgeben, die auf ein „auf den Namen des Herrn Lippert eingerichtetes Sperrkonto“ gelegt werden: als „Entschädigung“ für den seinerzeit angeblich „überhöhten“ Kaufpreis.

Doch der Staatskommissar will nicht nur Geld. Nacher muß sich auch verpflichten, seine Brauereien „an eine wirtschaftlich einwandfrei arische Unternehmergruppe“ zu überführen.

Der Bier-Pionier und bis dahin erfolgreiche Konzernherr-hat keine andere Wahl: Er muß seinen Schreibtisch räumen. Jetzt ziehen in die Engelhardt-Brauerei Gefolgsleute der „Bewegung“ ein: Lipperts Stellvertreter und SA-Leute. Neu oder wieder im Vorstand: Richard Köster. Seine erste Amtshandlung: Er hängt ein Bild vom „Führer“ hinter seinem Schreibtisch auf.

Im Aufsichtsrat nehmen überdies zwei Herren einer großen Geschäftsbank Platz, die den Nazis wohlgesonnen sind: Bankdirektor Alfred Holling und Hilar Giebel, Abgesandte der Dresdner Bank. Die Großbank – zugleich Hausbank der Großbrauerei – möchte die lukrative Firma übernehmen, aber Nacher will seine Aktien, die er noch besitzt, nicht verkaufen. Jetzt kommandiert die Dresdner Bank ihren Abgesandten Giebel zusätzlich in die Engelhardtsche Geschäftsleitung ab. Hilar Giebel, auf dessen Visitenkarte „Industrieberater der Dresdner Bank“ zu lesen ist und der als Kontaktmann zwischen der NSDAP in Wien und Berlin schon oft in „Sonderaufträgen“ (NSDAP-Personalakte) tätig war, gibt die Marschrichtung an: „Ich werde Nacher zwanzig Prozesse anhängen und dafür sorgen, daß er das Land am Bettelstab verläßt!“ (So zitiert ihn Nacher in einem Brief vom 25. September 1935.)

Ignatz Nacher versucht, sich auf gerichtlichem Wege zu wehren – mal mit, mal ohne Erfolg. Auch in die Justiz sickert der neue Zeitgeist immer tiefer ein: Die Staatsanwaltschaft bereitet einen Strafprozeß „gegen Nacher wegen Betruges“ vor. Willfähriger Diener im Justizapparat: ein unger, aufstrebender Gerichtsassessor bei der Staatsanwaltschaft namens Ulrich Kanthack. Regelmäßig erstattet er über seine Ermittlungen Rapport bei der neugegründeten „Abteilung 1, Korruptionsangelegenheiten“ im preußischen Justizministerium. Fortschritte im „Fall Engelhardt“ werden auf höchster Ebene registriert. Unter der „Tgb.Nr. 2488“ legt die „Sonderabteilung Daluege“ Ministerpräsident Göring den Vertrag zwischen Lippert und Nacher vor. „MPräs. hat Kenntnis genommen“, notiert sich Staatssekretär Ludwig Grauert am 13. Juli 1933.

Kaum ist die Anklageschrift „gegen Nacher und Genossen wegen Betruges“ fertig, gibt Kanthack am Freitag, dem 17. November 1933, 16 Uhr, ein Telegramm an die Polizei in Garmisch-Partenkirchen auf: „Generaldirektor Nacher, z.Zt. im Sanatorium Wiggers, ist sofort in Haft zu nehmen.“ Zwei Stunden später wird Nacher, der wenige Tage zuvor – nach heftigen Attacken in der Nazi-Presse – einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, verhaftet. Die Nacht verbringt Nacher im Gefängnis. Am nächsten Morgen muß er ins Krankenhaus eingeliefert werden. „Hochgradige Erregungszustände, Herzschlag zeitweise aussetzend“, konstatiert der behandelnde Arzt. Trotzdem wird Nacher nach Berlin transportiert. Dort hebt der Haftrichter den Haftbefehl auf, „da der Angeschuldigte haftunfähig ist“.

Das neue Jahr 1934 beginnt für Nacher am 2. Januar um 9 Uhr im Moabiter Schwurgerichtssaal 403, wo zwei Jahre zuvor Adolf Hitler und Julius Lippert auf der Anklagebank saßen. Kaum angefangen, muß die Sitzung schon wieder vertagt werden: Der Kaufpreis für das „Engelhardt-Haus“ erweist sich nicht als „überhöht“, sondern im Gegenteil als „besonders niedrig“ und vor allem günstig für die Stadt Berlin. Nacher schöpft wieder Hoffnung.