Von Klaus Dörner

Klaus Dörner, Leiter der Westfälischen Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie in Gütersloh, schrieb das Buch "Tödliches Mitleid – Zur Frage der

Unerträglichkeit des Lebens" (Verlag Jakob van Hoddis, Gütersloh 1988). Dem Kapitel unter dem satirisch-bösen Motto "Geh’n wir Behinderte vergiften im Heim ist der folgende – stark gekürzte – Auszug zum Thema "Sterbehilfe" entnommen.

Besaßen alte Menschen früher Seltenheitswert und wurden entsprechend verehrt, so wächst ihre Zahl heute inflationär. Wir reden von "Altenlastquote", "Altenberg" oder "Überalterung der Gesellschaft", wobei man sich freilich fragt, wer hier welchen Maßstab mit welchem Recht setzt. Wie auch immer, jedenfalls kosten alte Leute mehr Geld als junge. Ohne noch etwas dafür zu leisten, verbrauchen sie Rente oder Sozialhilfe.

Die "Überalterung" belastet zusätzlich die soziale Frage. Und die soziale wird zur medizinischen Frage, da alte Leute öfter ins Krankenhaus müssen und mehr Medikamente brauchen. Und da Krankenhäuser sich immer mehr zu spezialisierten Hochleistungszentren mit kurzer Verweildauer, insbesondere für die noch Benötigten und Brauchbaren, entwickeln, wächst der Druck, alte Leute, wenn sie nicht mehr alleine zurechtkommen, in Pflegeheimen zu konzentrieren. Zumindest ist das gut für das Ordnungsgefühl von uns Täter-Bürgern: Auf unserem Weg des sozialen Fortschritts zur leidensfreien Gesellschaft aus lauter guten, sozialen, gesunden und glücklichen Menschen ist es störend, ständig in der Familie, in der Nachbarschaft, im Verkehr, im Supermarkt oder sonstwie in der Öffentlichkeit mit der Existenz von Häßlichen, Verwirrten, Desorientierten, vielleicht Ekelerregenden oder auch nur Mühseligen und Beladenen konfrontiert zu werden. Könnte es nicht unerträglich sein, so leben zu müssen?

Folgen wir einmal den Prognosen, wonach im Jahre 2030 ein Drittel der Bevölkerung der industrialisierten Gesellschaften über 65 Jahre alt sein wird. Rechnen wir noch die alten und die neuen Behinderten, die technologisch und kommunikativ Unbrauchbaren hinzu, die bis dahin aufgrund des weiteren Fortschritts der Automatisierung vielleicht auch ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen werden, dann werden wir im Jahre 2030 nicht mehr nur die Zweidrittelgesellschaft haben, die Grotjahn in den zwanziger Jahren errechnet hat, sondern die Eindrittelgesellschaft. Ich werde dann zwei weitere Menschen, überflüssige Esser, Ballast-Existenzen, durchzufüttern haben, obwohl meine Arbeit schwieriger, verantwortlicher, intensiver und daher anstrengender sein wird.

Ist es da noch verwunderlich, wenn heute zur Vorbereitung auf die Lösung dieser kommenden Probleme, ähnlich wie schon vor 1900 und in der NS-Zeit, wieder die Ethik des Rechts auf den eigenen Tod federführend wird? Müssen wir da nicht schon zur Selbsterhaltung, zum Überleben von uns Tüchtigen, wieder schärfer unterscheiden, von welchen der gedachten konzentrischen Kreise des Gesellschaftstellers an menschliches Leben lebensunwert wird?