Von Lew Kopelew

Das Buch von Michael Wieck „Zeugnis vom Untergang Königsbergs“ fesselte mich von den ersten Seiten an, eine schlichte, ungekünstelte und spannende Erzählung, jede Einzelheit überzeugend wahr geschildert. Zunächst beeindruckt das Schicksal des Autors, des Ich-Erzählers. Seine Mutter war Jüdin aus einer alten Königsberger Familie. Sein Vater dagegen stammte aus einer konservativen deutschnationalen Familie. Der Halbbruder des Autors, Sohn seines Vaters aus erster Ehe, war überzeugter Nationalsozialist und Wehrmachtsoffizier. Seine Cousine Dorothea Wieck, eine erfolgreiche Schauspielerin, war mehrfach Hitlers Tischdame. Die meisten Verwandten mütterlicherseits wurden bis auf eine Tante umgebracht, die mit einem Nazi verheiratet war und sich von ihrer eigenen Mutter bescheinigen ließ, daß sie ein „arisches Adoptivkind“ sei; ihre Söhne waren bei der SA und der SS.

Michael Wieck mußte seit dem dreizehnten Lebensjahr den Judenstern tragen, und er ist der „einzige Sternträger aus Königsberg, der Verfolgung, Krieg und die russische Besatzungszeit überlebt hat“. Bis April 1945 litt er als gehetzter „Judenbalg“, erlebte Hunger und Schrecken der Belagerung, der Straßenkämpfe. Und dann, im sowjetisch besetzten Königsberg, litt er als „Fritz“, als Deutscher, wie viele seiner Altersgenossen, ständig auf der Jagd nach Essen, Heizmaterial, Tabakwaren, die man für Brot oder Kartoffeln tauschte, und wurde auch noch als „frech“ und „diebisch“ abgestempelt. Es blieb ihm dank günstiger Umstände ein Vernichtungslager erspart, doch er kam für drei Jahre in ein sowjetisches Gefangenenlager.

Er hat Schlimmes und Grausames unter den Nationalsozialisten erlebt, er hat Schlimmes und Grausames durch die Sowjets erfahren. Auf beiden Seiten waren es immer wieder Erniedrigung, Hunger, Todesfurcht, Angst um die Nächsten. Doch immer wieder begegnete er guten, hilfsbereiten Menschen, erhielt Hilfe in bitterer Not und half selbst auch anderen, vor allem aber den Eltern im besetzten Königsberg in „den neuen Lebensbedingungen, die uns alle zu Raubtieren in einer zu kleinen Wildbahn gemacht hatten. ... Sehen, hören, kombinieren und Einfälle haben, das waren die lebensrettenden Eigenschaften, sich den Russen unentbehrlich machen, ihre Sympathie gewinnen, etwas reparieren ... eine Uhr oder Petroleumlampen. Dafür gab es Brot oder Haferflocken, Gerste oder Suppe...“

Wieck erzählt über das schreckliche Schicksal der Stadt und einzelner Menschen. Dazu schreibt Siegfried Lenz in seinem kurzen, aber inhaltsreichen Vorwort: „Die Urteile, die er fällt – über die Mächtigen und ihre Mitläufer, über Opfer und Sieger –, offenbaren einen eindrucksvollen Geist der Gerechtigkeit. ... Deshalb fragt er sich zum Beispiel zitternd in dem Keller seiner zerstörten Stadt, ob nicht die Granaten und Bomben, die Königsberg den Tod bringen, als Antwort angesehen werden müssen für das, was deutsche Invasoren in Leningrad und in hundert anderen Städten der Sowjetunion verübt haben. Er fragt und fragt, entsetzt machmal, kaltblütig und auch furchtsam und mutig, und alles Fragen führt ihn immer wieder zu dem Eingeständnis, daß nur Vernunft und Toleranz eine Hoffnung für unsere Fortdauer bieten.“

Michael Wieck ist wie seine Eltern mit der Musik aufgewachsen, ist nun ein erfolgreicher Geiger, Musiklehrer und Konzertmeister geworden. Auf der letzten Seite seines Buches über alte Leiden und neue Freuden erinnert er sich wieder an den 9. April 1945, als der Festungskommandant „seine verspätete Kapitulation“ unterschrieb, „es war also die Todesstunde des preußischen Königsbergs, welches wir und unsere Eltern so geliebt hatten und das unser aller Heimat war“.

Für Siegfried Lenz ist dieses Buch von Vernunft und Toleranz geprägt, „in diesem Sinn ein Appell“. Das ist zutiefst wahr und, wie es mir erscheint, auch noch ein Appell in einem anderen Sinn. Schon immer haben Gewaltherrscher danach gestrebt, ihre Gegner, ihre Opfer zu vernichten, ihre Namen auszulöschen, selbst die Erinnerungen an sie unmöglich zu machen. Tempel und Dämme wurden zerstört, Städte wie Babylon und Carthago geschleift, manchmal noch der Boden mit Salz unfruchtbar gemacht. Sie sollten für immer verschwinden, auch noch von den Landkarten, so auch die Metropolen der Mayas und Inkas oder die Stadt Lyon, die auf Beschluß des Revolutionären Konvents (1793) vernichtet wurde und vergessen sein sollte. Im nachrevolutionären Rußland erhielten viele Städte neue Namen. Petrograd wurde zu Leningrad, Zarizyn zu Stalingrad, Twer zu Kalinin, Mariupol zu Shdanow und viele andere, die jetzt bereits schon wieder umbenannt werden. Die Nazis hatten Lodz in Litzmannstadt, Welikije Luki in Von-Sass-Burg umzunennen befohlen, bald darauf sind Hunderte von deutschen Ortsnamen von den Landkarten verschwunden; in westlichen Teilen des einstigen preußischen Ostens sind es meistens bloße Übersetzungen oder andersartig klingende Benennungen: Gdansk – Danzig, Olstyn – Allenstein, Szczeczin – Stettin. Im östlichen Ostpreußen sind es radikale Veränderungen: Tilsit wurde zu Tschernjachowsk, Königsberg zu Kaliningrad. Doch das Buch vom Untergang Königsbergs ist nun wieder ein Beweis dafür, daß nicht alles untergeht. Auch Troja lebt heute noch – und sein Leben in Sagen, in der Dichtung erscheint oft realer und bedeutsamer als die Existenz mancher dichtbesiedelter Metropolen.