Es ist ein Rückzug, allerdings einer auf Raten, nach Art einer Springprozession, nur umgekehrt — ein Schritt vor, zwei zurück. Das Ziel der Prozession, Wackersdorf, Standort der nuklearen Wiederaufarbeitungsfabrik der Bundesrepublik, wird so nie erreicht. Die wortreich nebulösen Rückzugsgefechte dieser Tage deuten darauf hin, daß Wackersdorf ausgezählt wird.

Seit langem ist davon in Gerüchten und Spekulationen die Rede. Jetzt steht es fest: Die deutsche Elektrizitätswirtschaft ist bereit, auf die nationale Wiederaufarbeitung der verbrauchten Kernbrennstoffe aus den 22 deutschen Atommeilern zu verzichten. Das Signal kam von der Veba, einem der großen Energiekonzerne Über die Tochter PreußenElektra ist die Veba an sieben Kernkraftwerken beteiligt, die gut ein Drittel des bundesdeutschen Stroms aus Kernenergie produzieren Die Alternative zur Wiederaufarbeitung in Wackersdorf heißt Cogema - La Hague, Frankreich. Wie kaum eines der zahlreichen nuklearen Pro jekte in der Bundesrepublik ist die Baustelle der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf Synonym für Glanz und Elend der deutschen Kernenergie. Als die Energiepolitiker in den siebziger Jahren noch von einer Bundesrepublik träumten, die einer Energielandschaft mit weitläufigen Brüter Parks gleicht, wurde im niedersächsischen Gorleben ein integriertes Entsorgungszentrum konzipiert. Kernstück dessen war die Wiederaufarbeitungsfabrik. In ihr sollte das in den abgebrannten Brennelementen noch unverbrauchte Plutonium zwecks Wiederverwertung vor allem in Brutreaktoren gewonnen werden. Für den Nuklearabfall waren die Geriebener Salzstöcke vorgesehen.

Doch im Frühjahr 1979 zerstörte der niedersächsische Ministerpräsident alle hochgespannten Erwartungen, als er die Realisierung der Pläne für politisch nicht durchsetzbar erklärte. Ernst Albrechts einzige Konzession: In Gorleben dürfe ein nukleares Endlager gebaut werden, sofern sich das Salz dafür eigne.

Nach Albrechts Absage blieben Bundesregierung und Bundesländer zwar weiter bei ihrem Konzept einer integrierten Entsorgung, die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) mußte sich jedoch nach einem neuen Standort umsehen. Hessen und Rheinland Pfalz kamen ins Gespräch, dann Bayern mit Wackersdorf (Oberpfalz). Ende 1980 stimmte die bayerische Landesregierung einer — allerdings um zwei Drittel des ursprünglichen Volumens reduzierten — Wiederaufarbeitungsfabrik an diesem Ort zu. Die DWK erhoffte sich aufgrund der politisch stabilen Verhältnisse in Bayern — eine satte CSU Mehrheit — eine rasche Verwirklichung der Pläne. Doch trotz höchster politischer Weihen erfolgte der erste Spatenstich erst im Februar 1986.

Anfang April dieses Jahres nun unterrichtete Veba Chef Rudolf v. Bennigsen Foerder Bundeskanzler Helmut Kohl vertraulich von Verhandlungen der Veba mit der staatlichen französischen Nuklearfirma Cogema über die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen in Frankreich, genauer in La Hague an der Atlantik Küste, wo schon seit Jahren die Nuklearreste aus französischen, aber auch aus deutschen KKW aufgearbeitet werden. Die Cogema ist bereit, die Funktion von Wakkersdorf zu einem sehr günstigen Preis komplett zu übernehmen. Außerdem hat sie der Veba eine Beteiligung an dem Unternehmen angeboten. Allerdings — so v. Bennigsen — werde man nur in das Geschäft einsteigen, wenn Bonn auch zustimme. Wie üblich bei heiklen Angelegenheiten sagte der Kanzler weder ja noch nein.

Um so verblüffter war man in der Konzernspitze der Düsseldorfer Veba, daß die Öffentlichkeit durch einen Dritten, den Bonner Regierungssprecher Friedhelm Ost, über die Pläne informiert wurde. Als wenn die Bundesregierung nicht längst Bescheid gewußt hätte, ließ Ost wissen, Bonn wolle sich von Paris bei den nächsten deutschfranzösischen Konsultationen (19 und 20. April) genau unterrichten lassen. Selbstverständlich war die Bundesregierung längst informiert. Bennigsen erklärte daraufhin später, er wäre ja "bescheuert" gewesen, wenn er Bonn nicht ausführlich unterrichtet hätte. Der Veba Chef hatte der Politik ausdrücklich auch Priorität bei der Entscheidung eingeräumt. Bennigsens Devise: "Der Plan ist tot, wenn die Politik Bedenken hat "

Weshalb Ost die Öffentlichkeit aus der Sicht der Beteiligten ohne Not zur Unzeit unterrichtete, bleibt das Geheimnis des ausscheidenden Regierungssprechers. Womöglich handelte es sich um eine seiner vielen Pannen, vielleicht aber um bewußtes Kalkül mit dem Ziel, die Brisanz des Nuklearplans in den Wirren der Kabinettsumbildung zu verstecken. Doch am Ende beherrschte der Veba Plan die Schlagzeilen mindestens ebenso wie die Kabinettsumbildung. Mehr noch: Helmut Kohl geriet sogleich erneut in eine Klemme. So beantwortete er die Frage ausweichend, ob Bonn denn nun ohne jedes Wenn und Aber am deutschen Prestigeobjekt Wackersdorf festhalte. Gründliche Prüfung empfiehlt sich in jedem Fall. Immerhin hat die von Veba und Cogema anvisierte Nuklearkooperation ein ganzes Bündel von Vorteilen: So sind die Kosten der französischen Wiederaufarbeitung des bundesdeutschen Atom Abbrands deutlich niedriger als die in Wakkersdorf. Während der Wackersdorf Preis für ein Kilo wiederaufgearbeitetes Spaltmaterial bei 4500 Mark liegen wird, bietet Cogema die gleiche Arbeit für 1500 Mark an. Dabei ist für Wackersdorf nicht einmal sicher, ob es wegen der voraussichtlichen Zeitverzögerung beim Bau bei den 4500 Mark bleibt. Die Verspätung hat Auswirkungen auf die Kapitalkosten (Stand 1988: 7 7 Milliarden Mark), mithin auch auf die späteren Betriebskosten. Die günstigen Cogema Preise müssen jeden Vorstandschef, der nach dem Aktienrecht seinen Aktionären verpflichtet ist, zum Zugriff zwingen. Bei Cogema spart man in kurzer Zeit soviel, wie bisher in Wackersdorf investiert wurde: 2 7 Milliarden Mark. Rudolf v. Bennigsen rechnet sehr vorsichtig mit einer Milliarde Mark pro Jahr. Es könnte auch mehr sein: Gegenwärtig rechnet die Stromwirtschaft in der Bundesrepublik mit einem Entsorgungspreis von knapp zwei Pfennig pro Kilowattstunde Strom. Die französischen Preise schlagen dagegennur mit 0 6 bis 0 7 Pfennig pro Kilowattstunde Kernenergiestrom zu Buche. Die Ersparnis bei gegenwärtig 130 Milliarden Kilowattstunden Kernenergiestrom läge dann bei 1 6 Milliarden Mark pro Jahr; 1999 — von da ab soll der Plan gelten — sogar bei etwa zwei Milliarden Mark, weil dann etwa 150 Milliarden Kilowattstunden aus Kernenergie produziert werden. Die Behauptung des bayerischen Umweltministers Alfred Dick, die wirtschaftlichen Vorteile der Wiederaufarbeitung in Frankreich seien marginal, erledigt sich durch diese Rechnung von selbst. Die bayerische Staatsregierung könnte sich ihr bisheriges WAA Engagement sogar teuer bezahlen lassen.