Von Reinhard Merkel

Der Geist, der die kulturgeschichtlichen Zusammenhänge lenkt, muß ein Ironiker sein. Im Sommer des vergangenen Jahres geschah in Wien etwas, das eine Verbindung mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein sowenig erkennen ließ wie einen sonstigen Anspruch auf das Augenmerk der Kulturgeschichte. In einer durchaus unphilosophischen Sphäre, im Lagerraum eines Wiener Immobilienkaufmanns, erzwang ein neues Platzbedürfnis den Abtransport alter Aktenordner. Ziel: der Reißwolf.

Eine mit dieser Aufgabe befaßte Angestellte begann beiläufig zwischen zweien der verstaubten Deckel zu blättern. Briefe. Sie fing an zu lesen. An ihren Augen zweifelnd, aber in hinreichender, vielhundertfacher Wiederholung fand sie die Anreden: "Lieber Ludwig", "Lieber Herr Wittgenstein", "Dear Wittgenstein".

Das war vor elf Monaten. Der Reißwolf blieb unbedient. Der Fund erwies sich als das, was er schien: ein seit Jahrzehnten verloren geglaubter Schatz – die an Wittgenstein geschriebenen Briefe seiner Freunde und Korrespondenzpartner. Viele der eigenen Briefe des Philosophen waren längst bekannt, aus verschiedenen Teilen der Welt zusammengetragen und veröffentlicht worden. Seit eh und je hat ihre Lektüre im Leser das Bedauern hinterlassen, auf der von ihnen eröffneten philosophiegeschichtlichen Bühne nur die eine der Hauptfiguren, nur die Hälfte des dramatischen Geschehens verfolgen zu können.

Hier war der Rest: Bertrand Russell; Gottlob Frege, der Mathematiker und Philosoph aus Jena; John Maynard Keynes, der berühmte englische Nationalökonom; und andere, von denen noch zu reden sein wird. Ihre Briefe, rund 500 an der Zahl, schriftgewordene Gesten, Tonfälle, Herzlichkeiten und Widersprüche werfen ein Spiegelbild des Philosophen zurück, das sich mit dessen eigenen Zeugnissen zu einer inneren Physiognomie Wittgensteins vervollständigt: zur Gestalt einer vielfach zerrissenen, sich selbst und andere quälenden und begeisternden Seele.

Bis Juni 1988 überlegten die Entdeckerin und der staunende, vorher ahnungslose Eigentümer, dem unerforschliche Wege des Zufalls und schließlich eine Erbschaft den Schatz in die Hände gespielt hatten. Dann faßte man einen zweifach rühmenswerten Entschluß: die Briefe als Gesamtreliquie einer großen Epoche österreichischer Kultur einem österreichischen Institut zu überlassen, und zwar umsonst.

Ausgewählt wurde das Brenner-Archiv in Innsbruck. Innsbruck? Brenner-Archiv? Bedeutete das nicht eine Verlängerung der Willkür jener Zufälle, von denen die bisherige Odyssee der Briefe gelenkt war? War Wittgenstein, wenn schon nicht nach Cambridge, nicht zumindest nach Wien zuständig?