Von Arnd Krüger

Erst das Siegen, dann die Moral? Unter dieses Bertolt Brecht nachempfundene Motto hatte das Nationale Olympische Komitee (NOK) jüngst seinen ersten „Ethik-Kongreß“ in Hannover gestellt.

Man erinnert sich: Bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976 wurde Schwimmern und Fünfkämpfern aus der Bundesrepublik der Darm aufgeblasen, um eine bessere Wasserlage zu erzielen, verabreichten Mannschaftsärzte auf Gedeih und Verderb Medikamente, die wenig später auf dem Doping-Index standen. Dies geschah im Auftrag oder zumindest mit Billigung der Mannschaftsleitung und wurde aus Steuermitteln finanziert. Damals wurde zum erstenmal der Ruf nach einem Ethik-Seminar laut. Nach dreizehn Jahren fand es nun schließlich vor 200 geladenen Gästen statt. Nach den Vorfällen in Montreal wäre das Seminar ein Tribunal für den deutschen Sport geworden. Heute agieren zwar im wesentlichen noch immer dieselben Funktionäre und Mannschaftsärzte, aber die Situation hat sich geändert. „Ethik“ bedeutet nun nicht mehr nur „kein Doping“; seit dem auf Medikamentenmißbrauch zurückgeführten Tod der Leichtathletin Birgit Dressel sind die Fragen komplizierter geworden.

Hans-Jürgen Hinrichs, Vorstandsmitglied bei Daimler-Benz und Vize-Präsident der Stiftung Deutsche Sporthilfe, sprach in Hannover die heiklen Beziehungen zwischen Sport und Wirtschaft an: „Niemand wird das Management der Wirtschaft für so dumm halten, sich mit etwas zu verbinden, was negative Schlagzeilen macht... deshalb müssen wir im Sport nüchtern erkennen: Die Wirtschaft hat Alternativen, und sie wird diese natürlich verstärkt nutzen, wenn der Sport enttäuscht, wenn er nicht mehr die Werte repräsentiert, nicht mehr die Faszination ausübt, die ihn so interessant macht.“ Da zeigt sich das ganze Dilemma des Spitzensports: Die Sportler haben sich an die Förderung durch die Wirtschaft gewöhnt; den Funktionären ist die Förderung sehr lieb geworden, durchaus auch aus sehr eigennützigen Gründen, beschert sie ihnen doch häufig Dienstwagen auch zum persönlichen Gebrauch, die ihnen die öffentliche Hand nie zugestehen würde. Die Planung und Finanzierung des Spitzensports ist ohne die Wirtschaft nicht mehr denkbar. Zwar beträgt der Anteil der Sponsorenmittel zum Beispiel am Etat der Olympia-Stützpunkte zur Zeit nur 17,3 Prozent, doch sind dies die Mittel, die man am flexibelsten verwenden kann.

Iring Fetscher, als Redner eingeladen, um Grundsätzliches zum Erscheinungsbild des Sports zu sagen, machte deutlich, daß der Sport zwar auch eigene Werte haben könne, daß er aber doch ganz wesentlich von der ihn umgebenden Gesellschaft geprägt werde. Die Teilnehmer der Arbeitskreise stimmten mit ihm darin überein, daß der Sport nicht die Gesellschaft reformieren könne. Eine Gesellschaft, in der Tablettenmißbrauch an der Tagesordnung ist und in der Kälber mit Anabolika gemästet werden, vermehrt eben auch die Muskelkraft ihrer Sportler durch Hormone.

Wenn der Sport aber kein besseres Verhalten zeigt als die Gesellschaft schlechthin, wie sollte dann ein positiver Imagetransfer stattfinden, für den die Wirtschaft zu zahlen bereit ist? Faszinierend kann zwar auch ein „unmoralischer“ Sport sein, jedoch nicht für jene Wirtschaftszweige, die auf ein positives Image setzen. Das von NOK-Präsident Willi Daume so gern herausgestellte Image des Sports als eines edlen Kulturgutes läßt sich so jedenfalls nicht hochhalten. Entweder muß man nun also, wie früher, die Zustände im Sport zu verschleiern suchen, oder die Dinge müssen sich wirklich ändern. An Appellen an die Presse, über den Sport doch positiver zu berichten, fehlte es auch in Hannover nicht.

Über die Zielsetzung dieses „Ethik-Kongresses“ wurde nicht offen gesprochen – zu tief sitzt offensichtlich die Drohung aus der Wirtschaft. Sollte das Ziel der Tagung die kritische Selbstreflexion gewesen sein, von der im Schlußwort die Rede war, oder vielleicht die Vorbereitung einer weiteren Grundsatzerklärung für den Spitzensport, die in der Diskussion anklang? Früher genügte ein Lippenbekenntnis, um die Politiker zu beruhigen; bei der Wirtschaft muß es wohl etwas mehr sein. Daß man gar praktisch etwas verändern wollte, ist eher unwahrscheinlich, da nur drei aktive Sportler und zwei Trainer offiziell geladen waren, nur wenige also von denen, um deren Sache es schließlich geht.