Schon mehrere Tage vor dem 1. Mai 1929 war es klar, daß es zur Kollision kommen mußte. Friedrich Karl Zörgiebel, Berlins sozialdemokratischer Polizeipräsident, hatte im Dezember 1928 ein unbegrenztes Verbot aller Demonstrationen und Versammlungen unter offenem Himmel erlassen. Er begründete dies mit den blutigen Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Nazis. Der Polizeipräsident sah keinen Anlaß, das Verbot für den 1. Mai 1929 aufzuheben. „Ich bin entschlossen, die Staatsautorität mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen“, ließ der Polizeipräsident vorsorglich verlautbaren.

„Das Proletariat pfeift auf Ihre Verbote! – Straße frei für die Maidemonstrationen!“ war von den Kommunisten zu hören. Unablässig druckte die Rote Fahne großsprecherische Demonstrationsaufrufe. Gleichzeitig unternahm die KPD-Führung jedoch alles, um ihren Anhängern für den 1. Mai diszipliniertes Auftreten einzubleuen. Man sollte demonstrieren, nicht demolieren, Provokationen würden der Partei nur schaden. Durch Agentenberichte war die Polizeiführung über den kommunistischen Kurs informiert.

Schutzpolizei und Polizeibereitschaften wurden schon tagelang vor dem 1. Mai unter Alarmzustand kaserniert und im Straßenkampf trainiert. Zusammen mit auswärtigen Beamten standen 14 000 Polizisten bereit. „In den Kasernen schwirrten die wildesten Gerüchte herum und versetzten die Beamten so in richtige Kampfstimmung“, berichtete später der Polizeioberst a.D. Hans Lange. Ohnehin herrschte im Polizeikorps, aller republikanischen Fassade zum Trotz, ein obrigkeitsstaatlicher, militärischer Geist. Viele Beamten warteten nur darauf, mit „der Kommune“ einmal ordentlich abrechnen zu können, denn immer wieder waren Polizisten in Auseinandersetzungen mit Kommunisten verletzt worden. Zörgiebel selber war wie viele Weimarer Sozialdemokraten einem außerordentlich autoritären Staatsverständnis verhaftet. Die SPD, noch fünfzehn Jahre vorher von den Schalthebeln der Macht völlig ausgeschlossen, wollte beweisen, daß sie „den Staat“ genauso entschlossen und womöglich noch entschlossener verteidigte als bürgerliche und konservative Kräfte. Im konkreten Fall hatte Zörgiebel eben ein Demonstrationsverbot ausgesprochen, und da kam es nicht in Frage, es auch nur einen Tag aufzuheben. „Mehr als zwanzig Menschen mußten sterben, mehr als hundert ihre heilen Knochen einbüßen, nur damit eine Staatsautorität gerettet werden konnte, die durch nichts gefährdet war als durch die Unfähigkeit ihres Inhabers“, schrieb ein bitterer Carl von Ossietzky. Und wie in einem Zeitraffer zeigten diese ersten Maitage des Jahres 1929 das laute Elend der Weimarer Republik im allgemeinen – und das stille Elend der deutschen Sozialdemokratie im besonderen.

Um etwa neun Uhr morgens wurde es ernst. In verschiedenen Arbeiterbezirken versammelten sich Demonstranten, um von dort in die Innenstadt zu ziehen. Die Ansammlungen zählten zur Enttäuschung der Kommunisten jeweils nur zwischen 50 und 500 Menschen. Die meisten kommunistischen Sympathisanten hielten sich offensichtlich vorsichtigerweise zurück. Insgesamt waren nach der polizeilichen Statistik nur etwa 8000 Demonstranten auf den Beinen – also erheblich weniger als es Polizisten gab.

Zörgiebel hatte strikte Order gegeben, jede Menschenansammlung sofort aufzulösen. Manchmal genügte dazu eine entsprechende Aufforderung. An anderen Stellen halfen die Uniformierten nach. „Ich sah ein gutes Dutzend Polizeiangriffe, die immer dergestalt abliefen, daß die Demonstranten ins Laufen kamen, sobald die Polizisten von ihren Lastwagen stiegen und Miene machten, die Straße zu räumen“, berichtete der Korrespondent der dänischen Zeitung Politiken. „Ab und an bekam ein Mann einige kräftige Schläge mit dem Gummiknüppel über den Nacken, in der Regel ohne jeden Grund. Im großen und ganzen machten die Kommunisten keinen Versuch, die Straße zu erobern.“

Zu ihrer Entrüstung mußten die Polizisten allerdings bald beobachten, daß sich die Demonstrationszüge, kaum waren sie an einer Stelle aufgelöst, einige Straßen weiter neu formierten. Die Beamten wurden zusehends gereizt, ihr Vorgehen von Mal zu Mal rabiater: „Mit Entsetzen im ganzen Gesicht liefen Alte und Junge, Männer und Frauen in wilder Flucht die Straße hinunter, verfolgt von den langgestiefelten Beamten, die in dem schönen Maiwetter den Mantel abgelegt hatten“, hielt der Politiken-Korrespondent weiter fest. „Wurde jemand eingeholt, dann gab es einen bösen Schlag mit dem Knüppel, und trafen die Flüchtenden unterwegs einen Beamten, benutzte auch dieser die Gelegenheit, einmal zuzulangen – man kann sagen, ins Blaue hinein.“

Bis mittags hatten die Polizisten die ersten Schüsse abgegeben. Folgt man den späteren Aussagen von Polizeioffizieren, geschah dies nur in Notwehr. Ein in der Nähe des Schönhauser Tors praktizierender Arzt machte sich dagegen die folgenden Notizen: „Bülowplatz: Polizei wild; beginnen zu laufen; Menschen laufen etwa fünfzig bis achtzig Meter voraus in die Koblankstraße hinein, Beamte laufen über den Platz, ziehen dabei die Revolver und schießen auf zirka 100 Meter in die Koblankstraße hinein. Dabei waren die Beamten gegen fünfzig Meter von den Zivilisten getrennt. – Mir heraufgebracht zum Verbinden zirka zehn Schußverletzungen und zirka zwanzig Schlagverletzungen, die von äußerster Brutalität zeugen. Hiebe über den Kopf, daß die Kopfhaut aufgeschlagen ist und Gehirnerschütterung vorliegt. Fast alle Schüsse trafen von hinten.“