Als Paul Leppin 1945 nach langem Siechtum starb, war sein Ruhm als „ungekrönter König der Prager Bohème“ längst verweht und sein vielgerühmtes literarisches Werk nahezu verschollen. Den Nationalsozialisten war er, der Verfasser obsessiv-erotischer Romane, frecher Bänkellieder und bewegender Prager Stimmungsskizzen, so sehr als Inbild des dekadenten Asphaltliteraten verhaßt, daß sie ihn fälschlich gleich zum Juden erklärten und nach der Okkupation der Tschechoslowakei inhaftierten; dem Gestapo-Gefängnis doch noch entronnen, siechte Leppin gelähmt an den Spätfolgen einer Syphilis-Erkrankung dahin, die er sich geholt hatte, als er um die Jahrhundertwende als Bürgerschreck der Prager Dichtung amtierte und von seiner Verehrerin Else Lasker-Schüler zu ihrem „König von Böhmen“ ausgerufen wurde. Einmal aus der Literatur vertrieben, wurde Leppin, der deutschsprachige Schriftsteller und leidenschaftliche Förderer tschechischer Dichtung, auch nach dem Ende des Tausendjährigen Reiches nie mehr in diese zurückgeholt: nicht in der Tschechoslowakei, wo eben die deutsche Bevölkerungsgruppe ausgetrieben wurde, nicht in Deutschland und schon gar nicht in Österreich, wo doch sonst die postume Eingemeindung von Künstlern aus der untergegangenen Vielvölkermonarchie oft bemächtigend genug vollzogen wurde.

Mit Leppin ist gewiß keiner der Großen unter den vergessenen Dichtern des Jahrhunderts wiederzuentdecken; an allen seinen Romanen, auflachend-bizarren und von Pointen funkelnden Werken einer keineswegs freien, sondern geradezu zerknirschten sexuellen Ausschweifung, stört etwas Verbohrtes, seltsam Verquältes. So interessieren sie heute auch kaum mehr als Etüden einer ewig unerlösten Erotik, einer verzweifelten Sexualität, als die sie mit Abscheu und Bewunderung von seinen Zeitgenossen gelesen wurden; daß sie hochgeschliffene Kunstübungen von ganz außerordentlicher Sprachgewalt und zudem Stimmungsbilder aus dem alten Prag sind, wie es sie von solcher Intensität, von so bezwingender atmosphärischer Gestaltung nur selten gibt – dies allein: Sprache und Prager Atmosphäre machen Leppins Romanen noch heute zum Erlebnis.

„Severins Gang in die Finsternis“ von 1914 ist der Roman einer rastlosen großstädtischen Wanderschaft. Allnächtlich treibt es den subalternen Beamten Severin, der von seinen Ängsten und seinen unstillbaren Sehnsüchten gequält wird, hinaus auf die im Fahldunkel liegenden Plätze der Stadt, von dort in das dunkle Gewirr der krummen Gassen, in das alte Judenghetto, in die beängstigenden und lockenden Viertel des Vergnügens ... Gleich seinem Schöpfer, dem Rechnungsbeamten im k.u.k. Telegraphenamt und Bohemien Paul Leppin, ist auch Severin in eine Doppelexistenz geschnürt: tagsüber ist er pflichtüberladener Beamter, nächtens aber Jäger, der durch die Gassen der Vergangenheit und von einer Geliebten zur anderen hastet, weil er bei keiner findet, was er mit religiöser Inbrunst alleine im Sexualakt finden zu können hofft: das Absolute, den anderen Zustand, einen Ewigkeitsmoment der Gnade. Aus dem „lautlosen Dasein im Bureau, wo die Tage wie Mauern aneinderstießen und zwischen den engen Lücken sein Leben zerschürften“, bricht er nach Dienstschluß aus: ein aus der Bahn geworfener Asket, der in die Finsternis geht, sich aber nach nichts mehr sehnt als nach Mittagshelle.

Doch die Handlung, die Abenteuer oder besser: Exerzitien eines zugleich aufbegehrenden und spießigen Erotomanen bedeuten hier nicht viel, Stimmung und Atmosphäre hingegen alles: Prag im Nebel, im Regen, in seiner „abgestorbenen Leidenschaftlichkeit“, in der Abenddämmerung einer Welt. Die „verdrießliche Unrast“, in der Severin gefangen ist, sein „verwahrloster Zorn“ gegen sich selbst – Leppin faßt ihn in ungewöhnlichen, bisweilen gesucht originellen Bildern. Solange in den Rasereien Severins, dem im Verlust aller verbürgten Wahrheiten die Sinnlichkeit zum einzig Gesicherten wird, die Ironie des Autors aufblitzt, folgt man dem rasanten Roman nur zu gerne; wo Leppin aber seinen von nervöser Unrast durchzuckten Helden pathetisch als Märtyrer nimmt, dort rieselt dicht das Verstaubte überkommener Revolten durch seinen Roman.

Severin hat eine Zufluchtsstätte: „In seiner Dürftigkeit und in der Enge seines Daseins war er nicht allein; einfältige Begierden leisteten ihm Gesellschaft, weinerliche Ahnungen von der Größe und Irrsal der Welt.“ Doch bald schon scheucht ihn sein erotischer Fanatismus voll „Seligkeit und Grauen“ wieder auf; dann hastet Severin durch die gespenstische Kulisse von Prag, bis er keuchend „im Schatten der Häuservorsprünge“ einhält und darüber nachdenkt, „warum sein Herz klopfe... Es war ihm immer, als ob ihn unsichtbare Hände streiften.“ Karl-Markus Gauß

  • Paul Leppin:

Severins Gang in die Finsternis Roman; herausgegeben von Dirk Hoffmann; P.S. Verlag Peter Selinka, Ravensburg 1988; 110 S., 25,– DM