Ein Land, das sie als persönliche Beleidigung empfand. "Und das Essen! Völlig ausgelaugt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Man könnte sagen, es liegt gottergeben da und wartet auf einen ... Und, Anne, die Schweiz ist empörend sauber. Mein Bett – schon bei seinem Anblick fühlt man sich verloren. Es ist von leichenhafter Weisse, und die Bettücher sind so gestärkt, daß man sich hineinzwängen muß wie ein Messer in eine Auster." Aber, so fährt sie in dem Brief an die Freundin fort, "aber, Liebling, ich glaube es ist der einzige Ort auf Erden, wo einem wieder Flügel wachsen". Am 13. Januar 1923 flog sie in jenen Sonnenhimmel für Schwindsüchtige, in dem sie Tschechow zu treffen hoffte. Sie wäre gern ein Krokodil gewesen. Krokodile husten nicht.

Berühmt wurde Katherine Mansfield, am 14. Oktober 1888 in Wellington in Neuseeland geboren, nicht nur als eine der frühesten und führenden Autoren der modernen Kurzgeschichte, impressionistisch hingetupfter Eisbergspitzen, und als Absenderin von Briefen, wie man sie wunderschöner und heftiger und bissiger kaum schreiben kann. Selbst der Wetterbericht klingt bei ihr reizvoll, es schneit "wie weiße Bienen", "die See ist heute sehr krabbelig", "die Tropfen hingen wie Silberfische von den Bäumen. Ich trank den Regen von den Pfirsichblättern." Berühmt wurde sie auch, ähnlich wie Sylvia Plath, als Heldin, als um die Kunst kämpfende Künstlerin, als (Neue) Frau, sensibel, selbstbewußt, frühverstorben, unvollendet.

Das ist der Stoff, aus dem Mythen gemacht werden, dachte schon ihr zweiter Mann Murry. Als Gatte und Autor eher ein Versager, veröffentlichte er nach ihrem Tod noch "ihren Papierkorb" (D.H. Lawrence) – allerdings zensiert – und erzählte die Legende vom heiligen Mädchen, einem ätherischen Wesen aus Luft und Lyrik, mit mystischen Flügelchen. "Es gab nichts Mystisches an ihr, was Antibiotika nicht hätten heilen können", verdammte ein Kritiker den Kult um sie, die alles andere als das "wunderbar einfache menschliche Geschöpf" war, das Murry postum aus ihr machen wollte. Kompliziert, unbequem und nicht eben freundlich, so zeichnet Claire Tomalin sie in "A Secret Life", der dritten (und besten) Mansfield-Biographie innerhalb eines Jahrzehnts.

"Haß war ihr Lieblingsgefühl" schreibt Claire Tomalin über die Mansfield, die mit Virginia Woolf und Frieda und D.H. Lawrence befreundet und befeindet war. "Ein ekelhaftes Reptil" nannte Lawrence sie. "Sie ist wie eine Katze", fand Virginia Woolf, "fremdartig, träg, immer einsam und auf der Hut." Ehemann Murry hat sie am liebsten auf Papier geliebt; ohne die Briefe an ihn wäre ihr Herz geplatzt "wie ein Weihnachtsknallbonbon". "Sie brauchte ihn, um von Liebe, Zweisamkeit, einem gemeinsamen Leben wenigstens träumen zu können", schreibt Christa Moog. Die Mansfield brauchte ihn wie das einst verdammte Neuseeland, das sie in ihren Erzählungen verklärte, weil sie einen Namen für ihre Sehnsucht brauchte. Sie war Schriftstellerin, das Lügen gehörte zum Beruf, das Rollenspiel zu ihrem Leben. Je nach Gefühl – und das wechselte ständig – nannte Kathleen Mansfield Beauchamp sich Kass, Katharine, Katushka, Käthe, Sally oder eben: Katherine Mansfield.

"Ihr Gebiet", schreibt Claire Tomalin über die Schriftstellerin, "war das der fragilen Emotionen, der halbvergessenen Gefühle, die feine Grenze zwischen dem Lächerlichen und dem Pathetischen." Wenn es ihr nicht, wie in den besten ihrer Geschichten, gelang, auf diesem hauchdünnen Seil zu balancieren, stürzte sie ab in Sentimentalität und Plattheit, oder litt unter Atemnot in allzu dünner Luft: Selbst Würste sind bei ihr nie rot und verquollen, sondern "durchscheinend perlfarben". Joyce war ihr "so fürchterlich unfein", den Eindruck von "ungeleerten Spüleimern", den seine Bücher bei ihr hinterließen, konnte die höhere Tochter nicht gut ertragen.

Es ist der Ton, der die Mansfield macht: trauriges Kanarienvogelgezwitscher, Engelszungen, Mädchengeflüster und keifende Frauenstimmen. Es ist die eigene Sicht der Welt, bedrohlich von unten, zerbrechlich von oben; "little war ihr Lieblingswort" schreibt Christa Moog. Vögel haben Flügelchen und Katzen tragen Stiefelchen und "kleine weiße Wolken hoppeln am Himmel wie eine Schar von Kaninchen".

Es ist dieses Gefühl beim Schreiben, "als wenn man versucht, auf Luft zu gehen – etwas wie Angst und Hingerissenheit". Es ist dieses Eintauchen in den Figuren: "Wenn Sie Apfel malen, fühlen Sie dann auch Ihre Brüste und Knie zu Äpfeln werden?" fragte sie eine Künstlerin.