Von Klaus-Jürgen Eichhorst

Nun ist Udo Breuer, der seinen wirklichen Namen nicht preisgeben möchte, wieder ohne Job. Er muß nicht mehr jeden Morgen um halb sechs aufstehen, und die einstündige Fahrt durch das nördliche Sauerland erübrigt sich ebenfalls. Die 9. Novelle des Arbeitsförderungsgesetzes (AFG), die seit dem 1. Januar 1989 gilt, hat den 24jährigen und alle anderen aus der Jugendwerkstatt "Aus alt macht neu" im sauerländischen Brilon-Rösenbeck arbeitslos gemacht. Es trifft nicht nur sie. Für mehr als 500 solcher Jugendbeschäftigungswerkstätten könnte die Novelle das Aus bedeuten und mehr als 7000 Jugendliche arbeitslos machen, befürchtet das für Jugendfragen zuständige DGB-Vorstandsmitglied Ilse Brusis.

Udo Breuer gehört zu einer Gruppe Jugendlicher, die nach wie vor kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Er hat keinen Hauptschulabschluß, und seine beruflichen Erfahrungen stammen nicht aus einer Fabrik oder Werkstatt, sondern aus dem Jugendbeschäftigungsprojekt. Dieses Projekt allerdings gibt es nun nicht mehr.

Udo Breuer war einer von 114 000 Arbeitslosen 1988, die im vergangenen Jahr in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) gearbeitet haben. Für ältere Arbeitslose bedeuten diese ABM-Tätigkeiten Erhalt der beruflichen Erfahrungen. Für jugendliche Arbeitslose ist es oft der erste Kontakt zur Arbeitswelt. In Jugendbeschäftigungswerkstätten lernen die jungen Arbeitslosen beispielsweise die üblicherweise geforderten Grundtugenden des Berufslebens: Pünktlichkeit, ordentliche Arbeit, sachgerechten und schonenden Umgang mit Werkzeugen und Arbeitsstoffen und – ebenfalls wichtig – den Umgang mit Kolleginnen und Kollegen sowie das Akzeptieren von Vorgesetzten. Und auch das gehört zum Arbeitsleben: regelmäßiger Lohn, Urlaub, Sozialversicherung, eben alles, was im und um den Arbeitsvertrag geregelt ist.

Engagierte junge Katholiken aus Paderborn und Umgebung hatten 1985 einen Verein gegen Jugendarbeitslosigkeit gegründet und das Projekt "Aus alt macht neu" gestartet. Das Arbeitsamt bewilligte ABM-Mittel. Das war kein Problem, denn bis zum 31. Dezember 1988 war eine vollständige Förderung solcher Projekte durch das Arbeitsamt durchaus üblich. Gefördert wurden allerdings nur die Lohnkosten, im Briloner Projekt immerhin 400 000 Mark pro Jahr. Das Geld für die Sachmittel mußten die Initiatoren selbst aufbringen. Funfzigtausend Mark im Jahr benötigte man in Brilon für Miete, Werkzeuge, Fahrtkosten und für den Unterhalt eines VW-Bullys, der zum Personen- und Materialtransport notwendig war.

Im Projekt waren sechzehn Personen beschäftigt, die zwölf Jugendlichen wurden von zwei Handwerksmeistern angeleitet, ein Sozialarbeiter war für die sozialpädagogische Betreuung notwendig, und eine Verwaltungskraft regelte den Bürokram. Nach Aufträgen mußte nicht lange gesucht werden. Kindergärten ließen von "Aus alt macht neu" ihr Spielzeug reparieren, Schulen engagierten die Jugendlichen für die Neugestaltung ihrer Schulhöfe, und Jugendheime ließen einen Weg neu pflastern.

Für diese Art von Beschaftigungsförderung, deren Sinn allgemein anerkannt war, ist den Arbeitsämtern jetzt das Geld ausgegangen. Ein Nebeneffekt der Milliardenschieberei zwischen den Haushalten von Bonn und Nürnberg. Maßnahmen, die ursprünglich die Bundesregierung bezahlt hatte, beispielsweise Sprachprogramme für Aussiedler, wurden der Bundesanstalt für Arbeit aufgebürdet. Die Folge: erhebliche Kürzungen bei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Mag sein, daß Gemeinden oder große Wohlfahrtsverbände genügend Eigenmittel haben, um die Lücken zu decken. Die Jugendbeschäftigungsprojekte können dies in der Regel jedenfalls nicht.