Von Marion Gräfin Dönhoff

Nun wird es wieder Aufregung geben in London und Washington. Man wird Genscherismus, Gorbimanie und Rapallo beschwören. Warum? Weil viele sich dort nicht vorstellen können, daß etwas anderes als der Traum vom deutschen Sonderweg Anlaß für den Besuch von Admiral Weilershof in der Sowjetunion und für seinen Wunsch nach regelmäßigem Austausch von Offizieren beider Nationen sein konnte.

Der höchste deutsche Offizier selbst antwortet auf die Frage "Warum?": "Um durch gegenseitige Informationen Vertrauen zu bilden." Dies aber wird bei jenen wenig Glauben finden. Obgleich nicht viel Phantasie dazugehört, sich vorzustellen, wie einem Volk an der Nahtstelle zur gegnerischen Welt zumute ist, wenn sich sechs fremde Armeen auf dem eigenen Territorium befinden und 4000 atomare Waffen, von denen zwei Drittel eine Reichweite von nur 25 Kilometern haben, also im Ernstfall nur das eigene Gebiet zerstören würden.

In einer solchen Situation ist Werbung um Vertrauen und Entspannung eine lebenswichtige Friedensgarantie und auch zur Beruhigung der eigenen Nerven unerläßlich. Vor allem dann, wenn sich soeben bei der Nato-Übung "Wintex" gezeigt hat, daß im Ernstfall – und der wird doch geübt – der Feind sich nicht von Interkontinentalraketen bedroht zu fühlen braucht, sondern in seinem Vormarsch durch Kurzstreckenwaffen aufgehalten wird, die erst einmal die beiden Deutschlands, Polen, Ungarn und die Türkei zerstören.

Wer 5000 Kilometer entfernt hinter dem Ozean lebt oder im Abseits jenseits des Kanals, der hat diese Sorgen nicht. Der sagt vielmehr: Warum jetzt schon verhandeln? Lieber erst einmal abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Zumal – so lautet das Argument – ja noch gar nicht sicher ist, ob sich in Moskau wirklich und dauerhaft etwas verändern wird.

Es ist schon erstaunlich, da wird in Ungarn der Eiserne Vorhang demontiert, in Polen Pluralismus legitimiert, in der Sowjetunion Macht dezentralisiert, aber in Washington und London fordert man Beweise dafür, daß eine Veränderung wirklich stattfindet. Sogar Südafrika, das den Antikommunismus seit Jahren zur Rechtfertigung der Apartheid benutzt hat, sieht jetzt die Russen als Befürworter des Friedens an.

Jahrzehntelang hat die Welt darauf gewartet, daß das eintreten möge, was jetzt in Gang gekommen ist: daß also die Drohgebärden und das Mißtrauen abgebaut werden, der Rüstungswettlauf sich endlich stoppen läßt und an seine Stelle politische Verhandlungen treten. Nun, da sich der Beginn dieses Prozesses abzeichnet, halten der amerikanische Verteidigungsminister, der Nationale Sicherheitsberater im Weißen Haus und andere wichtige Leute das Ganze für "eine Falle". Leicht möglich, daß auf solche Weise eine historische Chance verpaßt wird.