Wer küßt die Republik?" Wer unter diesem Titel eine Gegenveranstaltung zu den offiziellen Feierlichkeiten über "40 Jahre Bundesrepublik" plant, weil diese zu selbstgefällig ausfielen und zu viel verdrängten, wie Hilde von Braunmühl zur Eröffnung des Kongresses meinte – der nimmt sich viel vor und weckt große Erwartungen. Präsentiert sich da also die Alternative zu einer ablösungsreifen Regierung oder einer ratlosen Weiter-so-Politik?

Heinrich-Böll-Stiftung und Gustav-Heinemann-Initiative hatten gemeinsam mit den Geschichtswerkstätten, die in Bonn ihr fünftes Geschichtsfest begingen, zu dieser Veranstaltung eingeladen.

"Wie wir wurden, was wir sind": Darüber diskutierten unter anderem Rüdiger Altmann, Thea Bauriedl, Jürgen Busche, Barbelies Wiegmann, Bernt Engelmann und ein General a.D., Franz Uhle-Wettler. In drei Stunden redeten sie über alte und neue Nazis, Freund- und Feindbilder, über die Frage, ob die reiche Exportnation "den Krieg doch noch gewonnen" hat, über 1968, den Terrorismus und vierzig Jahre Männerherrschaft. Viele Themen, aber kein wirkliches Thema. Es klang so, als brenne in Wahrheit gar nichts unter den Nägeln.

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Ob die Parteiendemokratie ausreicht, um die ökologischen und sozialen Probleme zu lösen? Verträgt sich Demokratie mit der Apokalypse? Differenzen zwischen Horst Ehmke (SPD), Martin Jänicke (AL), Wulf Schönbohm (CDU) und Gerald Häfner (Die Grünen) gab es vor allem über die Frage nach mehr plebiszitären Elementen. Wulf Schönbohm wiederum illustrierte, wie verwirrend die Lage der CDU derzeit ist. Ihr Problem ist nicht die Basisdemokratie, sondern wie man "verhindern kann, daß die Reps (so der CDU-Jargon) ins Parlament gewählt werden". Einerseits verteidigte er die polemische Gleichung zwischen Grünen und Republikanern, von der viele im Saal sich beleidigt fühlten, andererseits ließ er sich auf das Gespräch mit den Grünen am Podiumstisch und im Saal, soweit möglich, durchaus ein.

Was immer die Idee war, Rudolf Bahro dazuzubitten – er jedenfalls plädierte dafür, sich nicht länger auf die Mechanismen von Politik, Parlament oder industrieller Massenproduktion zu konzentrieren, sondern auf die "Mechanismen der Seele". Erlösung erhofft er sich, wie es scheint, von der "Autonomie des Individuums", der er in einer Kommune in der Eifel ja auch nachlebt, am Ende soll der Mensch eben einfach "König" sein.

Der Mensch als König: Als Leitmotiv tauchte das auch im Publikum häufiger auf. Da wäre man dann also dort wieder angelangt, wo ein Teil der Grünen einmal begonnen hat, in einer Welt der reinen Innerlichkeit. Das paßte gut zu einem Diskussionsklima, in dem Jüngere sich mit Sätzen wie diesem gefielen: "Lieber eine anständige Resignation als eine unanständige Utopie." Ähnlich meinte Carl Amery, wir seien eben "auf uns selbst zurückgeworfen". Vor allem Ältere wie Robert Jungk empörten sich dagegen über Untergangs- und Ohnmachts-Szenarien. Es gebe doch überall "Neuanfänge" von unten, in der ganzen Welt, meinte Jungk. Ein Optimismus, der ansteckend wirkte.