Von Karl-Heinz Janßen

Auch die klügsten Politiker liegen zuweilen mit ihren Voraussagen daneben. Er sei ganz sicher, sagte Deng Xiaoping, der alte, aber immer noch starke Mann Chinas, seinen deutschen Gästen, daß weder er noch die um zwanzig Jahre jüngeren Nachfolger Maos jemals die Aussöhnung mit Moskau erleben würden. Das war vor zwölf Jahren. Doch die Geschichte ging mit Sturmschritten voran – nächste Woche will nun der mittlerweile 84jährige Deng dem 58jährigen Michail Gorbatschow in Peking die Hand reichen.

Deng wahrt das Zeremoniell des alten Kaiserreichs. Ausländische Gesandte mußten erst ihre Kotaus machen, ehe sie zum Thron des Himmelssohnes vorgelassen wurden. So wie 1972 der amerikanische Präsident Richard Nixon drei Konzessionen zu Lasten seines Verbündeten Taiwan machen mußte, ehe er das Flugzeug nach Peking besteigen durfte, so hat jetzt Gorbatschow zuvor drei "Grundhindernisse" wegräumen müssen: den Truppenaufmarsch an der chinesischen Nordgrenze, die Besetzung Afghanistans und die Anwesenheit vietnamesischer Truppen in Kambodscha. Unerbittlich hatte Deng darauf bestanden.

Von einem "gigantischen Durchbruch an der außenpolitischen Front" sprach im Vorwege schon der sowjetische Außenminister Schewardnadse. Der Superlativ ist angemessen. Denn die siebzig Jahre chinesisch-sowjetischer Beziehungen sind reich an historischen Wenden und dramatischen Kollisionen, an wortgewaltigen Propagandaschlachten, an Verrat und Hinterlist, aber auch an brüderlichen Freundschaften.

China, von imperialistischen Mächten zerstückelt, ausgebeutet und gedemütigt, von inneren Wirren erschüttert, von Naturkatastrophen, Hungersnöten und Übervölkerung heimgesucht, hörte 1919 gläubig die Befreiungsparolen der russischen Oktoberrevolution. Die Sendboten Lenins, Trotzkijs und Stalins verwandelten das riesige Nachbarreich in ein Experimentierfeld der Kommunistischen Internationalen (Komintern). Wider besseres Wissen mußte sich die winzige kommunistische Partei der großen national-revolutionär-bürgerlichen Sammlungsbewegung Kuomintang anschließen, mit der Aufgabe, sie allmählich zu unterwandern, während die verelendeten Massen in den Dörfern für den Klassenkampf reif gemacht wurden. Sowjetische Berater verwandelten die Partei Sun Yat-sens in eine straffe Kaderpartei nach leninistischem Muster; Offiziere der Roten Armee trainierten die Parteisoldaten für den Bürgerkrieg.

Das Experiment scheiterte blutig, nicht zuletzt, weil sich Stalin im fernen Moskau besserwisserisch auf die falsche Taktik versteifte. Im Jahr 1927 ließ General Tschiang Kai-schek, nachdem er mit Hilfe der Kommunisten halb China erobert hatte, die Industriearbeiter in Schanghai niedermetzeln. Die überlebenden Kommunisten, unter ihnen der Junglehrer Mao Tse-tung, flüchteten aufs Land. Dies war die Geburtsstunde des chinesischen Bauernkommunismus, der Stalin und seinesgleichen immer suspekt blieb ("wie Radieschen: außen rot, innen weiß"). Doch junge chinesische Bolschewiken, ausgebildet an der Sun-Yat-sen-Universität in Moskau, rissen die Macht im Zentralkomitee an sich. Der deutsche Komintern-Agent Otto Braun überredete seine chinesischen Genossen, ihre bis dahin erfolgreiche Guerillataktik aufzugeben – so wurde die technisch unterlegene kleine Partisanen-Armee alsbald von den Truppen Tschiang Kaischeks aufgerieben. Mao rettete die Überreste auf dem legendären Langen Marsch vor der endgültigen Vernichtung. In einer armseligen, entlegenen Provinz errichtete er einen Modellstaat, in dem er seine Vorstellungen vom chinesischen Weg zum Sozialismus umsetzte.

Stalin kümmerte sich kaum noch um die Rebellen, die sich nach der japanischen Invasion in die nationale Abwehrfront eingegliedert hatten. Längst waren die Versprechungen vergessen, die riesigen Gebiete, die das Zarenreich in den ungleichen Verträgen von Aigun und Peking den Chinesen entrissen hatte, wieder herauszurücken: 1945 fühlten sich dann Kuomintang und Kommunisten gleichermaßen von den Weltmächten Amerika und Rußland verraten. Stalin ließ sich, als Siegespreis für seinen Eintritt in den Krieg gegen Japan, Stützpunkte und wirtschaftliche Konzessionen in der Mandschurei versprechen. Zwar befreite die Rote Armee im August 1945 Chinas nordöstliche Provinzen von den Japanern, aber beim Rückzug ließen die "Befreier" alles mitgehen, was nicht niet- und nagelfest war.