Von Petra Kipphoff

Am Anfang steht eine Art von Kiste, am Ende eine Art von Trommel: Wilhelm Reichs "Orgonakkumulator", gebaut in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, und Wilhelm Mesmers "Gesundheitszuber" (Baquet), angefertigt in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts. Mesmers Trommel stand seinerzeit in einem Raum mit vielen Spiegeln, der von leiser Musik erfüllt war. Die Kranken, die den Arzt und Entdecker des tierischen Magnetismus aufsuchten, saßen oder wandelten wie in Trance, empfingen von Mesmers, wie sie fanden, heilenden Händen magnetische Striche und berührten die mit Lederstreifen an der Trommel befestigten Metallstäbe, um jenes "Fluidum" und "Lebensfeuer" in sich aufzunehmen, das der Angelpunkt der von Mesmer inszenierten Heilrituale war. Die Kiste von Wilhelm Reich ist ein sehr viel kruderes Möbelstück als Mesmers Trommel: Sie ist innen mit Metall ausgeschlagen und hat ein kleines Guckfenster. Wer sich in sie hineinlegt und der Entspannung hingibt (wozu wohl ein gesunder Hauch von Masochismus gehört), der wird, so hoffte es der Psychoanalytiker, Sozialwissenschaftler und in seiner Jugendzeit aktive Kommunist, seine sexuellen und gesellschaftsbedingten Zwänge und Behinderungen zu überwinden lernen und mit neuer Lebensenergie angereichert werden.

Hat sich die Geschichte von Mesmer zu Reich entwickelt oder umgekehrt? In der Wiener Ausstellung "Wunderblock" sind Anfang und Ende auch austauschbar. Ihr Thema, im Untertitel "eine Geschichte der modernen Seele" genannt ("Seele", so liest man im Grimmschen Wörterbuch, ist "ein gemeingermanisches Wort von noch nicht aufgeklärter Herkunft und Verwandtschaft" – und dann folgen 75 Spalten Belege), ist nicht linear darzustellen, läuft nicht auf ein bestimmtes Ergebnis zu. Nur eins ist gewiß: daß Sigmund Freud der Anlaß war und das Zentrum ist und daß Wien mehr ist als nur der Schauplatz oder Veranstaltungsort. Mesmer und Reich verbrachten in dieser Stadt entscheidende Jahre, Freud fast sein ganzes Leben, bis er, ein Jahr vor seinem Tod, als Zweiundachtzigjähriger in die englische Emigration gehen mußte. Daß im Hotelzimmer des Wien-Besuchers von heute ein Diwan mit verblichenem Dekorstoff steht, ist kein Werbeeinfall der Direktion, sondern der ganz normale Alltag, und in Gedanken an die "Orgonakkumulator"-Kiste und den "Gesundheitszuber" liegt es sich auf dem Diwan doch vergleichsweise angenehm.

Wer heute in Katalogen und Bildbänden des 19. Jahrhunderts blättert, den befällt ein leichtes Schwindelgefühl bei der Betrachtung der endlosen Erfindungen und Kuriositäten, die sich dieses Jahrhundert ausgedacht hat. Nicht nur unser alltäglicher Apparatepark von Telephon und Schreibmaschine, Auto und Kino, Krematorium und Rolltreppe, Telegramm und Röntgenstrahl, Kochplatte und Geschirrspüler wurde damals konzipiert und entworfen. Auch ganze Arsenale abstruser Apparate zur Beförderung des Wohlbefindens wurden erdacht: eine wassergekühlte Bettdecke, ein Schnarch-Stop-Apparat, Fußräder zur beschleunigten Fortbewegung, Ein naturwissenschaftlichen Materialismus florierte, dem alles meßbar, erklärbar und machbar war. Das Reich der Möglichkeiten, das sich besonders durch die Erfindung der Elektrizität auftat, schien endlos. Die Entdeckung dieser Energiequelle elektrifizierte nicht nur den Alltag, sie elektrisierte auch die Gemüter.

Sigmund Freud hielt vom technischen Fortschritt überhaupt nichts, Telephon und Radio waren ihm ein Greuel. Seine Welt waren die griechische, ägyptische und römische Antike, die Mythologie (in einem Aufsatz im New Yorker hat Bruno Bettelheim einmal dargelegt, wie sehr Freud gerade in Amerika, dem Land seiner größten Erfolge, mißverstanden wurde, weil hier kaum jemand Freuds europäischen Bildungshintergrund parat hatte). Und wer in die "Wunderblock"-Ausstellung kommt, von der Rampe der Reithalle der ehemaligen kaiserlichen Hof-Stallungen (die heute meist als Messehalle genutzt wird) herabsteigt in das aus Stellwänden, Kabinetten und Vitrinen angelegte Labyrinth und sich schon verlieren möchte zwischen den fünfhundert Bildern, Skulpturen, Objekten, medizinischen Apparaten, Meßgeräten, Dokumenten, Photographien und Büchern, der kann den Gegensatz, in dem Freud zum Zeitgeist stand, gleich erleben. In einer kleinen Studienzelle mit Freudiana sind Photos und Publikationen zu sehen, vor allem aber fünfzig kleine Objekte aus seiner Antikensammlung versammelt: Fabel- und Zwitterwesen, Statuetten, Vasen und Gefäße standen auf seinem Schreibtisch und in Glasvitrinen. Er habe, so sagte Freud, eigentlich immer mehr Archäologie gelesen als Psychologie und ist, solange es irgend einzurichten war, wenigstens einmal im Jahr für Tage oder Wochen nach Rom gefahren. Hier kam er zu den Quellen seiner Ideen, hier fand er die Metaphern für seine Theorien.

Der Weg der "modernen Seele" ist, bis er bei Freud ankam, ein weitverzweigter. Ihre Nöte, Phantasien, Krankheiten und Sehnsüchte spiegeln sich im ganzen Spektrum der Wissenschaften hier, der Künste dort und in all den dazwischen liegenden Dunkelzonen der Scharlatane aller Fakultäten, der Grenzgänger aller Zeiten. Wer, wie der in Wien praktizierende Arzt Franz Gall, in einer "Schedellehre" (1795) mit der Vermessung des Kopfes auch eine Bestimmung von Gemüt und Charakter zu geben glaubte, der war letztlich auf der gleichen Spur wie der Künstler Charles Le Brun, der einen Katalog menschlicher Leidenschaften im Spiegel der Physiognomie zeichnete (1687), oder der Philosoph und Essayist Johann Caspar Lavater, der mit seinen "Physiognomischen Fragmenten" (1775/78) der "Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe" zu dienen meinte. Aber schon Goethe, der sich für Lavaters Seelen- und Charakterkunde zunächst sehr interessierte, wurde es dann doch "gewißermaßen bänglich" unter dessen sezierendem Blick, und Lichtenberg, ein scharfer Kritiker Lavaters, brachte den Einwand auf den Punkt: "Wenn Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man Kinder aufhängen, ehe sie die Taten getan haben, die den Galgen verdienen." Angesichts dessen, was die Welt inzwischen von Lombrosos Kriminalanthropologie bis hin zu Hitler/Rosenbergs Rassenhygiene erlebt hat, gewinnt Lichtenbergs Äußerung eine ziemlich krasse Qualität. Daß andere Wissenschaftler, die sich mit den Sinneswahrnehmungen beschäftigten, den Wirkungsgesetzen von Licht und Ton zum Beispiel, für die Psychophysik und die Wahrnehmungspsychologie große und seriöse Aufklärungsarbeit geleistet haben, ist ebenso wahr. Und der Anblick eines Vokalapparates oder einer Sirene von Helmholtz ist kein geringes Vergnügen. Der antipodische Schauer darf einem dann sofort angesichts des kleinen Lederriemen- und Schnallen-Zaumzeugs kommen, das als "Onaniebandagen" für Knaben und / oder Mädchen benutzt wurde. Und dem Lachreiz darf man nachgeben vor einem Photo, das den Forscher Bernfeld und seine Gattin an der Arbeit mit der "Libido-Meßmaschine" zeigt. (Zu welchen Erkenntnissen die Lust-Vermesser kamen, wird leider nirgendwo vermerkt.)

"Die Künstler meiner Generation haben größtenteils auf Ofenrohre geblickt und nichts als Ofenrohre gesehen." Odilon Redon, der diese spöttische Klage vorbrachte, sah andere Dinge. Aus der Wirklichkeit sog er den Traum, aus dem Traum die Vision, wollte die "Logik des Sichtbaren in den Dienst des Unsichtbaren" stellen. Natürlich gehören Redons ab 1897 entstandene Lithographien der Serie "Im Traum" ebenso zur (Kunst-)Geschichte der modernen Seele wie die funkelnden Phantasmagorien von Moreau, die theatralischen Alpträume von Füssli, die Karikaturen-Köpfe von Daumier, die kosmologischen Visionen von Blake, die alltäglichen Nachtmahre von Ensor und Munch. Die Wiener Ausstellung versammelt aber nicht nur – ein Kranz der Kunstwerke, der, um die Wissenschaft herumgelegt, wie der Triumph der Unvermeßbarkeit wirkt – die üblichen Außenseiter und Exzentriker. Mit einer Romantiker-Sequenz (bei der Carl Gustav Carus, der Arzt und Maler-Freund von C.D. Friedrich, zu Recht dominiert) macht sie auch etwas sichtbar, was keine Lektüre so vermitteln kann: den Versuch der Naturphilosophie, die über der Aufklärung abhanden gekommene Religion in einem frei fluktuierenden Pantheismus zu substituieren. Mit Künstlern, die sich der Welt entzogen, kehrt die Ausstellung zu Freud zurück: Franz Xaver Messerschmidt gehört dazu, der in seinen Grimassen-Köpfen immer sich selbst darstellte; die schwedische Spiritualistin Hilma af Klint; Richard Dadd, der Vatermörder und Erfinder phantastischer Märchenwelten. Ernst Josephson und Carl Frederik Hill, Louis Soutter. Im Norden, so will es scheinen, schlägt der Traum öfter um in den Alptraum als im Süden.