Klaus Kinkel ist ein Spitzenbeamter mit Kalkül und Energie

Von Gerhard Spörl

Bonn, im Mai

In wenigen Tagen steht ein Rekord bevor, der gute Aussichten besitzt, im Trubel der anderen Ereignisse unterzugehen. Ein findiger Kopf hat nämlich herausgefunden, daß der Justizminister Ende Mai länger als alle seine Vorgänger seit 1949 im Amt sein wird. Seine Beliebtheit dürfte dadurch kaum zunehmen, und der Grad der Bekanntheit, die Hans Engelhard außerhalb Bonns genießt, läßt sich nach Lage der Dinge auch nicht beliebig steigern. Es ist sogar zu befürchten, daß die schnöde Mißachtung, die ihm nicht nur von der Presse gezollt wird, mit der Verweildauer im Amt in gänzliche Nichtachtung übergeht.

Die FDP geht ebenfalls unsanft mit ihrem Justizminister um. Tritt er auf Parteitagen ans Mikrophon, kommt Unruhe auf, sogar Unmut. Kein anderer Minister ist so oft zur Disposition gestellt worden. Es gibt viele, meist sachfremde Gründe, weshalb es dennoch nicht zur Ablösung kam. Als letztes Argument steuerte dann jemand zur Beruhigung der Gemüter den bezeichnenden Satz bei: „Wir haben ja den Kinkel.“

Klaus Kinkel ist seit sechseinhalb Jahren beamteter Staatssekretär im Justizministerium. Größer als zwischen ihm und seinem Dienstherrn fallen Gegensätze selten aus. Er ist ein begeisterungsfähiger Wühler, der mit Energie an die ihm gestellte Aufgabe herangeht und in leicht schwäbelnder Sprachmelodie drastische Bilder für die Materie und die handelnden Personen findet. Seine Maxime lautet: Erst schätze ich das Risiko nüchtern ab, dann gehe ich es mit voller Kraft ein. Auf diesen hohen Touren dreht er nun seit zwanzig Jahren als Spitzenbeamter seine Runden, erst im Innen-, dann im Außenministerium und bei einem auswärtigen Vierjahres-Zwischenspiel beim Bundesnachrichtendienst in Pullach.

Natürlich ist er ein Lieblingskind der Journalisten geworden, die ihn schon vor geraumer Zeit zum eigentlichen Minister ernannt haben. Ihm ist sogar mehr oder weniger verständnisvoll unterstellt worden, er tobe seinen Ehrgeiz aus und drücke seinen ohnedies schwachen Minister an die Wand. Da werden falsche Maßstäbe angelegt. Ein Machtpolitiker hinter den Kulissen, der im Stile einer grauen Eminenz viele Fäden zieht, ist er nicht. Er hätte durchaus das Zeug dazu und auch den Spielraum. Er glaubt aber daran, daß er mehr bewirken kann als politischer Beamter, und hält einen Rest Distanz zur Politik im allgemeinen und zur FDP (deren Mitglied er nicht ist) im besonderen. Vermutlich stimmt sogar, was man im Justizministerium erzählt: daß Engelhard und sein Staatssekretär gut miteinander auskommen. Ihre Arbeitsteilung fällt allerdings extrem aus. Der Minister, der sein Haus nach außen vertreten muß, tritt kaum in Erscheinung. Der Staatssekretär, für die Verwaltung zuständig, ist durchaus eine öffentliche und erst recht eine politische Figur.