Immer mehr Kritiker beschreiben das marxistische System als Ursache der Unfreiheit

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im April

Lenins noch verbliebene Jünger sahen rot. "Wir haben unter den heutigen Bedingungen von Demokratie und Pluralismus schon so manches gehört. Doch was die Fernsehsendung Wsgljad über das Heiligste, über W. I. Lenin, verbreitete – das war nicht nur unverständlich", klagte der Baggerführer A. P. Mjasnikow jüngst vor dem stürmisch verlaufenen Plenum des Zentralkomitees. "Einen solchen Pluralismus", ereiferte sich das ZK-Mitglied, "kann ich und will ich nicht begreifen." Ratmir Bobowikow, Gebietschef von Wladimir, entrüstete sich wie der Medienbeauftragte einer bürgerlichen Partei: "Als ob das ein privater Laden wäre und nicht das staatliche Fernsehen! An solche Fragen zu rühren ist einfach unmoralisch." Fernsehchef Alexander Aksjonow kroch zu Kreuze: "Obwohl ich gerade im Krankenhaus lag, trage ich als ZK-Mitglied die volle Verantwortung. Die schockierende Aussage über den Verbleib von Lenins Leichnam kam völlig unerwartet. Die Sendung lief live."

Was war geschehen? In der populären und bissigen Politik- und Popsendung Wsgljad hatte der künstlerische Leiter des Lenin-Jugendtheaters, Mark Sacharow, an Lenins 119. Geburtstag dafür plädiert, den Kult um den Sowjetführer zu beenden. Lenin solle beigesetzt und sein Mausoleum in ein Pantheon umgebaut werden. Der renommierte Regisseur begründete seinen Vorschlag: Bei allen christlichen Völkern gelte die Tradition, Verstorbene der Erde zurückzugeben. Auch unter Heiden verabschiede man sich von den Toten nur einmal, nicht mehrmals. Die Vorstellung, daß die eigenen Verwandten auf dem Friedhof nicht begraben, sondern zur Schau gestellt würden, verdeutliche den unmenschlichen Umgang mit Lenin. Stalin habe seinerzeit die Verwirrung der Verwandten und Mitstreiter genutzt, um die Aufbahrung im Mausoleum durchzusetzen.

Appell und Aufschrei hatten symbolischen Charakter. Was Mark Sacharow entgegenschlug, war lange aufgestaute Empörung. Denn sein Plädoyer, Lenins "Reliquie" (Intourist-Broschüre) der Erde zurückzugeben, wird in der Theorie bereits verwirklicht. Das Mausoleum der leninschen Lehren steht vor dem Abbruch. Seit einem Jahr haben einzelne, aber angesehene Parteiideologen, Historiker, Wirtschaftler die sowjetische Vergangenheitsbewältigung immer konzentrierter auf die Frage zugespitzt: In welchem Umfang waren die Thesen von Marx und Lenin für den Stalinismus mitverantwortlich? Nach dem Startkommando der Reformer: Zurück zu Lenin bricht sich jetzt die Forderung Bahn: Zurück hinter Lenin.

Darauf drängen nicht nur basisferne Wissenschaftler. Am 1. Mai veröffentlichte die größte Tageszeitung der Sowjetunion, das Gewerkschaftsblatt Trud (20 Millionen Auflage), unter der Uberschrift "Was kostet es, eine Stadt umzubenennen?" die allererste Anspielung darauf, daß nicht nur Städte mit Namen von Stalin- und Breschnjew-Anhängern ihre alten Bezeichnungen zurückerhalten sollten. Trud ließ den Vorsitzenden des Gesellschaftsrats für Ortsbenennungen, W. P. Nerosnak, klagen: "Im Jahre 1936 wurde Hodshent, die älteste Stadt Mittelasiens, bekannt aus der Zeit Alexander des Großen, plötzlich in Leninabad ‚umgetauft‘..."