Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im Mai

Er ist ein christlicher Utopist, einer, der unter. Christsein vor allem Engagement für eine bessere Welt versteht: Heino Falcke, Propst in Erfurt. Am 12. Mai wird er sechzig Jahre alt. Manches, was die Ökumenische Versammlung in Dresden Ende April formulierte, hat er vor Jahren schon vorgedacht, etwa auf der Synode des Kirchenbundes 1972. Sie forderte mündige Mitverantwortung aller Bürger und verlangte nach offener Diskussion, nach mehr Information. Christen sollten sich überall da engagieren, wo es gelte, gerechtere Formen des Zusammenlebens zu finden, in der "engagierten Hoffnung eines verbesserlichen Sozialismus". Sein Vortrag machte ihn zur persona non grata. Jahrelang durfte er nicht einmal ins sozialistische Ausland reisen. Auch einige Kirchenbrüder gingen damals auf Distanz.

Inzwischen hat sich manches geändert. Wegen eines Papiers der Ökumenischen Versammlung: "Mehr Gerechtigkeit in der DDR", in dem gesellschaftliche Defizite moniert werden, reiste der Staatssekretär für Kirchenfragen, Kurt Löffler, nach Dresden, um gegen die "staatsverleumderischen Äußerungen" zu protestieren; der Offizielle sah in dem Papier gar die Plattform einer oppositionellen Gruppe. Die Delegierten verabschiedeten das Papier trotzdem, mit einem Anhang strittiger Fragen wie etwa: Was sind die bestimmenden Elemente einer sozialistischen Gesellschaft? Wie stehen wir zum geschichtlichen Weg unseres Landes? Was heißt es, Deutscher in der DDR zu sein? Wie kann die nationale Frage im europäischen Friedensprozeß geklärt werden?

Heino Falcke ist einer der DDR-Christen, die am Sozialismus festhalten möchten. Er sieht in manchen sozialistischen Zielen, wie soziale Gerechtigkeit oder Gemeinschaftssinn, Parallelen zum Christentum: "Biblisches Menschsein ist Mitmenschsein. Das ist die stärkste Verbindung zwischen Christen und Sozialisten." Christen und Sozialisten glauben, daß der Mensch und damit die Welt verbesserbar sei. Heino Falcke glaubt es mit ansteckendem Optimismus, und Gorbatschow gibt seinem Optimismus Auftrieb. Er sage lauter Dinge, die den Christen in der DDR vorkämen, als lege er mit seinem neuen Denken die alte Bergpredigt aus, sagte Falcke auf dem Düsseldorfer Kirchentag 1985.

"Auch der in der DDR existierende Sozialismus bedarf einer Umgestaltung", heißt es in einem Papier der Ökumenischen Versammlung. Heino Falcke weiß, daß die Kirche ihn nicht umgestalten kann, wenn auch im Publikum der Wunsch laut wurde, die Ökumenische Versammlung möge sich als eine politische Vereinigung konstituieren, als Bund christlicher Demokraten. Er hofft auf das revolutionäre Subjekt irgendwo in der SED. Kirche könne aber Öffentlichkeit herstellen und Veränderungswillen in der Bevölkerung aufzeigen. Er sei gegen Abgrenzung gegenüber dem Westen, erklärte er auf der Bundessynode 1987: "Je weiter die Entspannung fortschreitet, desto monströser steht die Mauer in der politischen Landschaft." Aber er will auch keine westliche Kopie. 1984, nach der ersten größeren Ausreisewelle, schrieb er an die Pfarrer seines Sprengeis über diese Problematik. "Heute würde ich stärker den Akzent darauf legen, daß sich die Gesellschaft ändern muß", sagt er mit Blick auf die vielen DDR-Bürger, die vor der Kommunalwahl am vergangenen Sonntag ausreisen durften. "Das würde den Menschen Mut machen hierzubleiben." Und setzt hinzu: "Wir brauchen in Europa ein überzeugendes und lebendiges Modell von Sozialismus, um diese wichtige Tradition, die auch starke biblische Wurzeln hat, nicht verkommen zu lassen. Sonst bleibt nur der liberalistische Ansatz der Aufklärung übrig, und das geht auch historisch nicht" – der Christ als der bessere Sozialist.

"Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung", die Themen der drei Ökumenischen Versammlungen, zu deren Präsidium er gehörte, beschäftigen ihn seit langem. Seine Friedensliebe reicht in die Kindheit zurück. Die ersten Jahre verlebte er in Westpreußen, an dessen Landschaft er sich gern erinnert. Als er zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Königsberg, wo der Vater Schuldirektor war; 1939 mit in Polen einmarschierte und dabei schwer verwundet wurde. Heino lernte früh, was Krieg bedeutet. Auch die beiden älteren Brüder wurden mehrmals schwer verletzt. Als sich der Vater Ende des Krieges, aus preußischem Offiziersethos, freiwillig meldete, bei der Verteidigung Königsbergs zu helfen, wurde er eingesetzt, die Briefe der Soldaten zu zensieren. Erschüttert las er ihre Abschiedsbriefe an Eltern und Frauen. Sie wußten, sie würden nicht mehr aus Königsberg herauskommen.