Diese Briefe, der Verlust seiner Ideale, stürzten den Vater in tiefe Depressionen, von denen die Nachkriegszeit in der Altmark, wohin die Familie geflüchtet war, geprägt wurden. Der Vater freundet sich mit dem Superintendenten des Ortes an und eröffnete mit ihm die erste Schule des Bezirks in Seehausen, in der der sechzehnjährige Heino sein Abitur machte. Der Superintendent, ein Mann der Bekennenden Kirche, gab Heino Falcke ein Buch von Dietrich Bonhoeffer, die erste theologische Lektüre. Er schickte ihn zum Studium nach Berlin, zu berühmten Kollegen von der Bekennenden Kirche wie Heinrich Vogel und Martin Fischer. Die Kommilitonen waren meist ehemalige Offiziere, die im Krieg Beine oder Arme verloren hatten oder denen das halbe Gesicht weggeschossen worden war. Für den Sechzehnjährigen waren sie wie ältere Brüder. Er studierte in Göttingen, bekam für zwei Jahre ein Stipendium für Basel, war Hilfsassistent bei Karl Barth. Die älteren Brüder und die großen Männer prägten ihn. Es kostete ihn Mühe, sich wieder von ihnen zu lösen.

Wie selbstverständlich ging er in die DDR zurück, wurde Vikar im Prediger-Seminar Wittenberg, zwei Jahre Assistent an der Universität Rostock, sechs Jahre Pfarrer in einem kleinen Ort bei Halberstadt. Zehn Jahre war er Leiter des Prediger-Seminars Gnadau, und in diese Zeit fielen die Studentenunruhen im Westen und der "Prager Frühling". Seine Schüler, examinierte Theologen, die ihr Vikariat hinter sich hatten, ließen sich anstecken, wollten alles von Grund auf neu bedenken, alles in Frage stellen, von der Lebensweise bis zu den theologischen Fundamenten. Heino Falcke nahm die Impulse auf; Fragen nach mehr Demokratie, mehr Solidarität, einem friedlicheren und gerechteren Leben haben ihn bis heute nicht mehr losgelassen. 1973 wurde er Propst in Erfurt.

Bei den Ökumenischen Versammlungen spielten ökologische Themen eine große Rolle: das geplante Werk in Dresden-Gittersee für Reinstsilizium zum Beispiel, bei dessen Herstellung das leicht entzündliche und hochgiftige Trichlorsilan gebraucht wird, das kilometerweit über kurvenreiche Straßen transportiert werden soll. In den Begegnungszentren wurde in Ausstellungen die Belastung durch das Auto gezeigt, zu ökologisch vernünftiger Lebensweise aufgerufen, der Altenburger Aufruf unterstützt, DDR und Bundesrepublik zu kernenergiefreien Zonen zu machen. Propst Falcke interessiert die wirtschaftliche Seite der ökologischen Probleme: "Wie könnte eine Menschengemeinschaft wachsen, die ihren Mangel gemeinsam trägt und aufhebt?" Solidarität müsse stärker zum Prinzip der Wirtschaftspolitik werden. Kommunikation sei wichtiger als Konsum, der oft als Ersatz für frustrierte soziale Bedürfnisse diene.

Der jüngste Traum des Pazifisten Falcke gilt einem ökumenischen Friedensdienst als Wehrersatzdienst, vermittelt durch den Ökumenischen Rat in Genf, der Gruppen aus aller Welt zusammenbringen soll. Aus Industrieländern und aus der Dritten Welt sollten sich Menschen gemeinsam für die Rechte Unterdrückter einsetzen oder sollten in Krisenländern Versöhnungsdienst leisten, zum Beispiel in den von Israel besetzten Gebieten. "Der konziliare Prozeß ist die eigentliche Aufgabe der heutigen Christen: die Einheit der Kirche in den Dienst der Welt zu stellen" – eine christliche Internationale. "Ich bin tief davon überzeugt, daß wir in einer Überlebensgemeinschaft leben", sagt er, "sie relativiert nationale Interessen. Allerdings darf Loyalität gegenüber der Menschheit nicht Rechte von Unterdrückten leugnen, etwa der Schwarzen in Südafrika."

Zwei Tage nach seinem Geburtstag will er zur Ökumenischen Versammlung in Basel fahren, wo er den Eröffnungsgottesdienst halten wird. Er fährt allerdings nur, wenn man auch jene 24 Mitglieder aus den DDR-Friedens-, Ökologie- und Dritte-Welt-Gruppen reisen läßt, die ihre Engagements in der Baseler Zukunftswerkstatt Europa vorstellen wollen.