Von Karl-Friedrich Kassel

Bauer Stauderer aus Brunhausen gießt Rapsöl statt Diesel in den Tank seines Traktors. Der Raps stammt vom eigenen Acker, das Öl wurde in der eigenen Ölmühle gepreßt. Was Bauer Stauderer tut, entspricht einem Programm, von dem sich Agrarpolitiker und Bauernverbandsfunktionäre eine Lösung der Agrarkrise versprechen: dem Anbau von "nachwachsenden Rohstoffen" für industrielle Zwecke. Für die Informationsgemeinschaft für Meinungspflege und Aufklärung (IMA), ein Informationsbüro des Bauernverbandes, ist die Selbstversorgungsidylle des Bauern Stauderer ein nachahmenswertes Beispiel.

Was es dagegen heißt, außerhalb eines finanziell gesicherten Forschungsprogramms selbst Absatzwege für das Massenprodukt "Industrierohstoff" zu finden, diese Erfahrung machten in den vergangenen zwei Jahren 1400 Landwirte aus Nordostniedersachsen, als sie, dem Ruf der Politik folgend, eine neue Fabrik für Kartoffelstärke errichteten. Zweimal seit Produktionsbeginn 1987 mußten sie ihr Unternehmen Wendland Stärke bereits vor dem Konkurs bewahren. Im Juni wollen sie das Ende ihrer Selbständigkeit beschließen. Der Betrieb soll Bestandteil des niederländischen Marktführers für Kartoffelstärke Avebe werden. Das Beispiel der Bauern aus dem Wendland zeigt, daß der Anbau von Pflanzen für industrielle Zwecke keineswegs der von den Politikern erhoffte Ausweg aus der teuren landwirtschaftlichen Überproduktion ist.

Das neue Stichwort "nachwachsende Rohstoffe" kam Ende der siebziger Jahre auf, als sich abzeichnete, daß die Agrarüberschüsse nicht mehr zu bezahlen sein würden. Bundeslandwirtschaftsminister Josef Ertl legte 1982 ein Forschungsprogramm auf, weil "die Basis für weitreichende Entscheidungen noch nicht tragfähig genug" sei. Aber dann mußte es schnell gehen. Als die Krise auf dem Land um sich griff und die Bauern den Wahlurnen fernblieben, forderte eine Reformkommission der CDU und CSU unter Vorsitz von Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht 1986 die "industrielle Erprobung technischer Anlagen" für die Herstellung von Industrierohstoffen aus landwirtschaftlicher Produktion.

Statt Pflanzen für die Nahrungsmittelproduktion sollten Rohstoffe für die industrielle Verwendung auf den Ackerböden angebaut werden. Dies, so hofften die Agrarpolitiker, würde die Agrarüberschüsse in der EG verringern. Wegen des politischen Effekts, der Landwirtschaft eine neue Perspektive zu geben, wurden die Signale auf Massenproduktion von unspezifischen Rohstoffen gestellt. Die Albrecht-Kommission nannte 1986 als Schwerpunkte Ethanol, Stärke und Fasern.

Die Produktion von Industrierohstoffen aus der Landwirtschaft begann noch 1986 in Lüchow-Dannenberg mit finanzieller Unterstützung der Landesregierung. Weil im Wendland die Situation der Höfe prekärer ist als im Durchschnitt des Landes, betrieb die Regionalorganisation des Bauernverbandes, das Landvolk, den Bau einer neuen Kartoffelstärkefabrik. Durch neue Absatzmöglichkeiten in dem marktfernen Gebiet sollten die bäuerlichen Betriebe gerettet werden.

Die Landtagswahlen 1986 standen bevor. Vier Tage vor dem Wahltermin schwebte Ministerpräsident Ernst Albrecht im wendländischen Dorf Clenze ein und verkündete einer Bauernversammlung, die Landesregierung werde den Bau der Fabrik mit einer Bürgschaft von zwanzig Millionen Mark fördern. Staatliche Investitionszulagen wurden bis zum letzten rechtlich möglichen Pfennig ausgeschöpft.