Der größte Auftrag, den Klaus Barthelt, der Chef des Unternehmensbereichs KWU bei Siemens, gegenwärtig in der Tasche hat – die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf – droht zu platzen. Neue Kernkraftwerke werden nicht geordert. Deshalb muß sich der ewige Optimist Barthelt über vergleichsweise kleine Dinge freuen, zum Beispiel einen Auftrag des türkischen Stromversorgungsunternehmens TEK, das ein mit Erdgas befeuertes Kraftwerk bestellt hat.

Besonders freut Barthelt, daß der KWU der Durchbruch mit einem neuen Kraftwerkstyp gelungen ist, einem sogenannten GUD-Kraftwerk. Dabei werden Gasturbine und Dampfkessel kombiniert, was zu einer wesentlich besseren Brennstoffausnutzung führt. Bisher setzen konventionelle Wärmekraftwerke höchstens 44 Prozent der verbrannten Energie in Strom um, ein GUD-Kraftwerk hingegen bringt es auf 52 Prozent, die KWU-Techniker rechnen mit einer Steigerung auf bis zu 55 Prozent.

Bei diesem Kraftwerkstyp werden nur die aus der Gasturbine strömenden heißen Gase, die sonst nutzlos an die Umwelt abgegeben werden, in einen Dampfkessel geleitet. Sie erhitzen dort Wasser zu Dampf, und der treibt wie in jedem Dampfkraftwerk eine Turbine an. Aus Abwärme wird also zusätzlich Strom gewonnen.

Vor fünfzehn Jahren hat die KWU diese Entwicklung begonnen, so lange hat das Werk Berln, in dem die Turbinen gebaut werden, mit Verlust gearbeitet, und es hat im Konzern nicht an Kritik gefehlt. Aber nun ist die Durststrecke vorbei. Im Ende September beendeten Geschäftsjahr 1987/88 haben KWU-Kunden 22 dieser Turbinen bestellt

Bei der KWU hält man das nicht für ein "Strohfeuer, sondern einen generellen Trend zu Lasten des klassischen Dampfkraftwerks". Denn die GUD-Technik paßt sich dank kleinerer Einheiten dem Bedarf des Stromversorgungsunternehmens viel besser an. In Ambarli am Marmara-Meer baut die KWU sechs Gasturbinen. Im Endausbau wird das Kraftwerk eine Leistung von 1 350 Megawatt (MW) haben, genausoviel wie ein großes Kernkraftwerk. Aber der TEK standen schon nach zehn Monaten Bauzeit die 140 Megawatt der ersten Turbine zur Verfügung. Inzwischen sind die Turbinen zwei bis vier ebenfalls am Netz, die letzten beiden folgen im Mai. Da ein GUD-Kraftwerk zehn bis fünfzehn Prozent billiger ist als ein herkömmliches Dampfkraftwerk und die Grenzwerte für die Schadstoff-Emission auch ohne teure Reinigungsanlagen locker unterschreitet, kann Barthelt wohl zu Recht behaupten: "Wir sind ökonomisch und ökologisch auf dem richtigen Pfad."

Vorerst wird die GUD-Technik allerdings nur mit den Brennstoffen Öl und Gas eingesetzt. Aber die KWU-Leute sind sicher, daß sie auch bei Verwendung von Kohle ihre Vorteile hat. Die muß zwar vorher vergast werden, doch Udo Schwardtmann, der bei KWU für die Wärmekraftwerke zuständig ist, schwört Stein und Bein, daß dennoch ein höherer Wirkungsgrad als bei einem reinen Dampfkraftwerk herauskommt.

Auf ihrem Heimatmarkt hilft das der KWU freilich nicht. Denn hierzulande braucht man keine neuen Kraftwerke, weil die Kapazitäten ohnehin viel größer sind als der Bedarf. Und an Ersatzbauten ist nicht zu denken, weil ein bestehendes Dampfkraftwerk allemal billiger arbeitet als eine neu zu bauende GUD-Anlage. Aber die KWU hat jetzt mit Ambarli ihre Referenzanlage, die sie potentiellen Kunden zeigen kann.

Heinz-Günter Kemmer