Die neuen Kassen machen Preiskontrollen für Kunden beschwerlich

Von Judith Reicherzer

Der Filialleiter eines Münchner Warenhauses war fest davon überzeugt, daß die Preiskontrolleure in seinem Laden keine Fehler finden würden. Deshalb hatte er auch nichts dagegen, daß das Bayerische Fernsehen die Beamten des Kreisverwaltungsreferats bei einem ihrer Testkäufe filmte. Als dann die beiden Probekäufer vor laufender Kamera die Preise auf dem Kassenzettel mit denen am Regal verglichen, passierte es dennoch: Für eine Packung Tintenfischringe waren ihnen 29 Pfennig zuviel berechnet worden, dafür hatten sie für den Orangensaft 30 Pfennig zuwenig bezahlt. Der verblüffte Filialleiter bekam statt einer kostenlosen Fernseh-Werbung von den Beamten im Wiederholungsfall ein Bußgeld angedroht, wegen Verstoßes gegen die Preisangabenverordnung. Er hatte sich leichtsinnig auf die Unfehlbarkeit seiner Scanner-Kassen verlassen.

Schon zuvor hatte es alarmierende Meldungen gegeben. Als bei einer routinemäßigen Verbraucherschutzkontrolle im Oktober vergangenen Jahres ein Münchner Beamter zufällig die Preise auf dem Kassenbon mit denen am Regal verglich, stellte er Abweichungen von bis zu 33 Prozent fest. Daraufhin wurden zwanzig andere Lebensmittelläden getestet. In vier weiteren Geschäften mit Scanner-Kassen kam es zu Differenzen, regelmäßig zuungunsten der Kunden.

Immer mehr Handler vor allem im Lebensmittelbereich rüsten auf die modernen Computer-Kassen um. War das Scanner-System noch vor wenigen Jahren nur in einigen Testladen vertreten, so gibt es heute bereits über 2250 Geschäfte in der Bundesrepublik, in denen die Preise nicht mehr von Hand eingetippt werden. Das Gurkenglas oder der Müsliriegel werden nur noch über eine Lichtschranke gezogen, und der Scanner liest den Strichcode auf der Verpackung, die sogenannte Europäische Artikelnummer (EAN). Ein zentraler Computer entschlüsselt die EAN, erkennt Produkt, Verpackung, Hersteller, dann kombinier er dazu blitzschnell den Preis, den der Händler in sein System eingegeben hat. Die Kasse meldet sich mit einem Pieps, wenn sie den Artikel berechnet hat.

Der Kassenbon per Computer sieht aus wie ein Kuchenrezept. Da steht nicht mehr einfach neben dem Preis die Warengattung, sondern der Artikel wird haargenau beschrieben. Die Händler behaupten, das sei der neue Service für die Kunden. Doch die haben es wohl auch bisher geschifft, ihre Waren zu identifizieren. Sie brauchten ja nur die Zahlen auf dem Zettel mit den Preisaufklebern zu vergleichen. Jetzt haben sie zwar die Produktbeschreibung bis ins Detail, aber an der Ware kleben keine Preisschildchen mehr. Nur wer sich alle Regalpreise merkt oder nach dem Einkaufen ein zweites Mal durch den Laden läuft und Kassenpreis mit Regalauszeichnung vergleicht, kann die Rechnung nach dem neuen System noch kontrollieren.

"Die Händler haben bei dem neuen System eine besondere Verantwortung", sagt Manfred Dimper von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände in Bonn. Der Käufer sei abhängig von der Sorgfalt der Händler. Aber auch die Verbraucher mußten was dazu tun. "Sofort beim Geschäftsführer aufregen, wenn man Fehler feststellt", empfiehlt Dimper, "die Rationalisierung und Computerisierung darf nicht auf Kosten der Verbraucher gehen."