Dortmund

Mit Hilfe eines "Umwelttickets", einer stark ermäßigten, übertragbaren Monatskarte, wollen immer mehr Kommunen den Autofahrern die Benutzung von Bussen und Bahnen schmackhaft machen und so zugleich einen Beitrag leisten für bessere Luft. Ob das gelingt, ist fraglich; fest steht allerdings, daß sich Städte und Verkehrsbetriebe die Überzeugungsarbeit viel Geld kosten lassen.

"Das Umweltticket ist ein größerer Erfolg, als wir erwartet haben", meldet Thomas Reiff von der Freiburger Verkehrs AG, die das Ticket 1984 als erste in der Bundesrepublik eingeführt hat. Die Karte hat dem Unternehmen laut Umfrage rund fünfzehn Prozent mehr Fahrgäste beschert, darunter 3000 "echte Umsteiger", die sich entschlossen haben, ihr Auto stehenzulassen. Das sind immerhin fünf Prozent aller motorisierten Freiburger. "Das Umweltticket", sagt Reiff, "hat unseren Bussen und Bahnen einen deutlichen Imagegewinn verschafft."

Davon sind auch die Bremer überzeugt. Die "Bremer Karte", vor drei Jahren auf den Markt gebracht, fand so großen Anklang, daß die Fahrgastzahlen nach Angaben der Bremer Straßenbahn AG in einem Jahr von 96,1 Millionen auf 108 Millionen stiegen. Darunter waren, so das Unternehmen, 17 000 Neukunden, die zum erstenmal mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln fuhren. "Es ist uns gelungen, die Einnahmeausfälle aufgrund des niedrigen Tarifs durch erhöhte Fahrgastzahlen auszugleichen", meint Sprecher Wolfgang Pietsch. "Auch wenn fünf Millionen Mark minus herauskommen – wenn wir Autofahrer bewegen, ihren Wagen stehenzulassen, ist der Versuch geglückt."

Doch trotz der erfreulichen Zahlen aus Freiburg und Bremen zeigt sich Friedhelm Bihm vom Verband Öffentlicher Verkehrsbetriebe in Köln skeptisch. "Das Umweltticket", so Bihm, "ist im Grunde genommen überall ein Zuschußgeschäft." Busse und Bahnen steuern immer weiter und tiefer ins Minus hinein. Das Defizit im öffentlichen Personennahverkehr liege mittlerweile bei rund 2,3 Millionen Mark, Berlin nicht mitgerechnet.

Unter den Kommunen des Ruhrgebiets und des Rheinlands sorgt das Thema "Umweltticket" bereits für einen handfesten Krach. Auch die neunzehn im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) Zusammengeschlossenen Städte und Verkehrsbetriebe möchten ihren Fahrgästen die verbilligte Fahrkarte anbieten, doch das wäre kaum zu finanzieren. Um zu testen, wie das "Umweltticket" ankommt, wollten die Dortmunder Stadtwerke, Mitglied im VRR, die Karte Ende Mai im Alleingang herausbringen. NRW-Verkehrsminister Christoph Zöpel hatte sich schon bereit erklärt, den zweijährigen Probelauf mit sechs Millionen Mark zu unterstützen. Denn nach Berechnungen der Dortmunder Stadtwerke soll die "Umweltkarte" angeblich ein zusätzliches Minus von zwölf Millionen Mark bescheren.

Überrascht von dem geplanten Alleingang der Dortmunder, legten sich die anderen VRR-Städte erst einmal quer. Solange die stark verbilligte Karte nur in einer Stadt gilt, verstoße sie gegen das einheitliche Tarifsystem der Gemeinschaft. Zähneknirschend mußten die Dortmunder den Probelauf abblasen und auf Anfang 1990 verschieben. Anfangs ging der Streit unter den Verbundpartnern so weit, daß die Dortmunder spontan sogar mit dem Ausstieg drohten. Diethard Blomberg, Sprecher beim VRR, hofft im Interesse der rund acht Millionen Menschen, die im Verbundgebiet leben, auf eine Einigung. "Es gäbe nichts Schlimmeres, als wenn jedes Verkehrsunternehmen plötzlich wieder Fahrkarten verkauft, die nur für den eigenen Bereich gelten."