Das Wunder eines kleinen Dramas. "Kurze Komödie in sieben Bildern" nennt Eric Rohmer im Untertitel sein erstes Bühnenstück nach vielen Filmen ("Meine Nacht bei Maud", "Die Sammlerin", "Claires Knie", "Die Frau des Fliegers", "Pauline am Strand"). Rohmers "Trio in Es-Dur" (1987), dessen Deutsche Erstaufführung Jürgen Gösch jetzt an der Schaubühne inszeniert hat, ist – ein Stück für zwei Personen, für Paul (Ulrich Wesselmann) und seine alte (und neue?) Geliebte Adele (Angela Schanelec).

Adele hat den jungen Musiker Paul, der Mozart, Beethoven, Webern spielt und studiert, vor einem Jahr verlassen, wegen des Rockmusikers Stanislas. Während des folgenden Jahres, dessen Ablauf wir in dem Stück miterleben, findet diese "Sammlerin" von Männern (inzwischen gab es einen Romain, auch einen Arthur) zum ersten Freund zurück, zu dem ernsten, aber auch ernsthaften Paul. Sechs knappe Szenen im Abstand von je zwei Monaten, in denen Paul und Adele nichts anderes tun als reden über sich und über einander, über Liebe und die daraus folgenden Mißverständnisse – und genau in der Mitte, im vierten Bild, ein winziges Solo für Paul, in dessen Wohnung alle Begegnungen stattfinden.

Ein symmetrisch gebautes Stück, klar wie eine Versuchsanlage. Im ersten Bild ist es der Mann, der von Liebe, also auch Eifersucht, also Leid mit diesen Worten spricht: "Ich mache zwar Witze, aber ich bin traurig." Im Labor der Liebe, das dieses Intermezzo auch ist, hören wir im letzten Bild das Echo dieses Satzes, nun aus dem Mund der jungen Frau: "Ich bin fröhlich, wenn ich traurig bin."

Also die alte Leier? Rohmer wandelt das Schema der zur Boulevardkomödie heruntergekommenen Liebestragödie geringfügig ab – mit beträchtlichen Folgen für sein Stück. Er macht den Satz wahr, den der junge Sigmund Freud dem Mediziner-Freund Wilhelm Fliess geschrieben hat: "Ich gewöhne mich auch, jeden sexuellen Akt als einen Vorgang zwischen vier Individuen aufzufassen." Wenn Adele redet, wenn Paul nachdenkt, ist in diesem "Trio" genannten Stück ein Dritter immer gegenwärtig, sei es Romain ("ein sehr schöner Mann"), sei es Stanislas ("ich liebe ihn aus tiefster Seele"). Wer aber ist der/die vierte in diesem Trio?

In der verschwiegenen Art, in der Rohmer, der eine "Ästhetik der Sparsamkeit" fordert, wichtige Mitteilungen nur heimlich preisgibt, suchen wir den/die Vierte(n) vergebens: Der Autor hat sie im Titel versteckt, "Trio in Es-Dur". So heißt Mozarts "Trio für Klavier, Klarinette und Viola" vom Sommer 1786, Köchelverzeichnis 498, auch "Kegelstatt-Trio" genannt, weil die spielerische Leichtigkeit der kunstvoll komponierten Kammermusik bei abendlicher Geselligkeit auf der Kegelbahn entstanden sein soll. In seinen Filmen verschmäht Rohmer jede "Begleitmusik": "Ich weiß nicht, wozu Musik gut sein kann, außer dazu, einen schlechten Film hinzubiegen." Nur "reale Musik" läßt er zu, "wenn Personen Schallplatten hören oder Radio".

Ein solches Stück "realer Musik", ja: realer Person wird, bis in den Aufbau des kleinen Werkes, Mozarts Trio. Es beginnt, revolutionär für die damalige Zeit, nicht mit einem Allegro, sondern mit einem Andante. Und so komponiert Rohmer sein "Trio": langsam, gemächlich sich steigernd in das polyphone Stimmengeflecht des Menuetts und schließlich ins Allegretto des Rondos, "wo sich Klarinette und Bratsche gleichsam gestikulierend die motivischen Argumente aus der Hand nehmen und wie Personen auf der Szene agieren" (Volker Scherliess).

Der Liebhaber und Kenner der Musik, der schon 1956 einen Kurzfilm mit dem Titel von Beethovens "Kreutzersonate" gedreht hat, macht dieses Trio auch deshalb zum Titel und Strukturprinzip eines Spiels über Freundschaft und Liebe, weil er weiß, welche Bedeutung es für Mozart hatte – "denn dieses Werk", schreibt Alfred Einstein in seiner Mozart-Monographie, "ist ein Werk der Intimität, Liebe, Freundschaft, Kunst, geschrieben für die Familie Jacquin, genauer für die Tochter des Hauses, Franziska, die wohl selbst am Klavier saß", Mozart selbst als Bratschist und Anton Stadler, Mozarts Freund, als Klarinettist. "Es-Dur ist hier nicht die Tonart des Freimaurertums, aber der innigen Freundschaft, und sie wird im ersten Satz, einem Andante voll Stolz und Sicherheit, mit einem obstinaten Doppelschlag ... immer wieder betont, durch Berührung der Ober- und Unterdominante, der drohenden Region von c-moll."