Die Verwirrung muß grenzenlos sein. Mit seiner Absicht, verbrauchte Brennelemente aus Kernkraftwerken in Frankreich wiederaufarbeiten zu lassen und damit auf die umkämpfte Anlage in Wackersdorf zu verzichten, hat Veba-Chef Rudolf v. Bennigsen-Foerder die Bonner Koalition offensichtlich so in Verlegenheit gestürzt, daß sie nur noch richtungslos herumstolpert. Während etwa der bayerische Ministerpräsident Max Streibl nach kurzer Irritation flugs den Rückzug einläutete, kommen von der Bundesregierung nur Zeichen der Hilflosigkeit. Das deutlichste ist der jetzt bekanntgewordene Brief des Umweltministers Klaus Töpfer.

Es wirkt geradezu rührend, wenn Töpfer dem Obmann des Fachausschusses Kernenergie der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke, Hermann Krämer, schreibt, er habe "erhebliche Zweifel" an der Absicht der Stromfirmen, die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf zu bauen, und ihm ultimativ mitteilt: "Ich erwarte, daß Sie mir bis zum 16. 5. 1989 verbindlich und schriftlich mitteilen, ob die deutsche Versorgungswirtschaft definitiv bereit ist, das Projekt Wackersdorf zu Ende zu führen, oder ob Sie eine Entsorgungslösung mit Wiederaufarbeitung im Ausland verfolgen wollen." Manch unsinnige Forderung entlarvt den Brief des Umweltministers denn auch endgültig als schlichte Kraftmeierei oder untauglichen Versuch, sich aus einer höchst ungemütlichen Position in der Diskussion um die Entsorgung der Atommeiler zu manövrieren.

Denn Hermann Krämer ist im Hauptberuf Chef der Stromfirma PreussenElektra, die zum Veba-Konzern gehört. Und so wird er kaum etwas anderes sagen können als sein Chef Bennigsen-Foerder, der es an Eindeutigkeit in diesem Punkt nicht hat fehlen lassen. Das gilt natürlich auch für die Versorgungswirtschaft als Ganzes. Zwar halten sich die anderen elf an der Wiederaufarbeitungsanlage beteiligten Firmen öffentlich bedeckt, doch wäre die Annahme wohl reichlich weltfremd, der Veba-Chef hätte seine Initiative ohne Abstimmung mit ihnen gestartet. Gegen eine Liaison der Veba mit der französischen Firma Cogema und die sich daraus notwendig ergebende Konsequenz, Wackersdorf aufzugeben, hat jedenfalls noch niemand aus der Branche protestiert.

Daran wird auch Töpfers Drohung nichts ändern, die Unternehmen sollten notfalls finanzielle Entschädigung leisten. Selbstverständlich werden sie die Bauruinen beseitigen müssen, wenn sich darin nicht einmal eine Fabrik für Fahrradspeichen unterbringen, ließe, und bereits gezahlte staatliche Förderung zurückzahlen müssen. Doch mehr ist wohl nicht drin. Denn es gibt ja keinen Investitionszwang in der Bundesrepublik und damit auch nicht die Pflicht, für Ersatz zu sorgen, wenn ursprüngliche Pläne gekippt werden.

Was immer Töpfer mit seinem Brief bezweckt haben mag, es kann nicht mehr als ein völlig verunglückter Schachzug im Rückzugsgefecht der Bundesregierung gewesen sein. Die Positionen sind klar, jeder weiß, daß Wackersdorf nicht zu halten ist. Nur Helmut Kohl tut noch so, als ginge ihn das alles gar nichts an. Aber die Bundesregierung wird sich nun unter selbstverschuldetem Zeitdruck entscheiden müssen – nur noch sie. Der Umweltminister mag der Veba juristische und sicherheitstechnische Bedingungen für eine Kooperation mit der Cogema formulieren. Doch wenn die Vernunft eine Chance hat, bleibt auch Kohl und Töpfer keine andere Wahl: Wackersdorf wird nicht gebaut. Rainer Hupe