Ein Jahr nach der Katastrophe sind Verursacher und Auslöser bekannt. Doch die Verseuchung des Wassers schreitet fort

Von Kuno Kruse

Die Wogen schlagen hart gegen den Bug, werfen Gischt auf die drei in Ölzeug vermummten Gestalten, die auf dem Vorderdeck Plastikflaschen, Trichter, Kegelnetz, Temperatursonde und anderes Gerät für den meereskundlichen Einsatz zurechtrücken. Metallkisten und Sauerstoffflaschen schlittern über die Planken. Der Seegang läßt die drei auf dem kleinen Holzkutter immer wieder Halt suchen. Sie sind keine Seeleute, sondern Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Nur die beiden Taucher bleiben in ihrer leuchtendroten Froschmannshaut ungerührt an die Bordwand gelehnt.

Käpten Walter Row macht Fahrt. Für den Skipper und die beiden "Jungs", wie er seine Stammbesatzung der "Aade" nennt, ist das heute bereits die zweite Ausfahrt vor der roten Felseninsel. Mehr als zweihundertmal im Jahr läuft das 13-Meter-Boot aus. Die Mannschaft schöpft Seewasser für die Labors der Biologischen Anstalt Helgoland. Für den Skipper hat sich die Nordsee in den zwölf Jahren, die er die "Aade" steuert, "eigentlich kaum verändert". Er zieht seine Schiffermütze fester in die Stirn, dreht das Steuerrad zur leichten Kurskorrektur. "Aber das Gift sieht man ja nicht."

Doch seine Auswirkungen wurden sichtbar. Ein Jahr ist es jetzt her, da flimmerten Bilder von der "Nordsee-Katastrophe" in die bundesdeutschen Stuben. Am 12. Mai 1988 zog ein glibbriger, gelber Algenteppich von Norwegen zur dänischen Küste. Übel stinkende Fischschwärme trieben kieloben auf der dichten Brühe. In heller Panik zogen norwegische und dänische Fischer ihre Lachskäfige aus dem bedrohten Gewässer – für viele war es schon zu spät. Etwa zur gleichen Zeit entdeckten Einheimische der dänischen Kattegatinsel Anholt die ersten toten Seehunde am Strand. Wenig später wurden tote Robben an der schleswig-holsteinischen und ostfriesischen Küste angeschwemmt; andere, noch lebende Tiere röchelten, spuckten schaumig geronnenes Blut. 20 000 Robben – zwei Drittel des Bestandes an der dänischen, deutschen und holländischen Nordseeküste – sind im Verlauf des Sommers einer geheimnisvollen Krankheit zum Opfer gefallen. In Großaufnahme brachten Zeitungen und Fernsehen die Gesichter vom Tod gezeichneter Robbenbabys – und lösten eine Welle des Mitleids und der Empörung aus: Ist es schon so weit, daß der Abfall der menschlichen Zivilisation nun auch das Leben in den Meeren zerstört?

"Zeitlich begrenzte Badeverbote" auch für diesen Sommer erklärte die Bundesregierung "für nicht ausgeschlossen"; nur mehr eine Million Bundesbürger, vierzig Prozent weniger als im vergangenen Sommer, würden dieses Jahr an der Nordsee Urlaub machen wollen, ermittelte das BAT-Freizeit-Institut in Hamburg: Panikstimmung oder eine angemessene Reaktion auf die Katastrophe im vergangenen Frühsommer?

Damals riefen Initiativgruppen, Wissenschaftler und Politiker zum Umweltschutz auf und verlangten einschneidende Maßnahmen (Näheres siehe Interview mit Umweltminister Berndt Heydemann auf Seite 21). Was aber hat sich seither geändert?