Ein Jahr nach der Katastrophe sind Verursacher und Auslöser bekannt. Doch die Verseuchung des Wassers schreitet fort

Von Kuno Kruse

Die Wogen schlagen hart gegen den Bug, werfen Gischt auf die drei in Ölzeug vermummten Gestalten, die auf dem Vorderdeck Plastikflaschen, Trichter, Kegelnetz, Temperatursonde und anderes Gerät für den meereskundlichen Einsatz zurechtrücken. Metallkisten und Sauerstoffflaschen schlittern über die Planken. Der Seegang läßt die drei auf dem kleinen Holzkutter immer wieder Halt suchen. Sie sind keine Seeleute, sondern Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Nur die beiden Taucher bleiben in ihrer leuchtendroten Froschmannshaut ungerührt an die Bordwand gelehnt.

Käpten Walter Row macht Fahrt. Für den Skipper und die beiden „Jungs“, wie er seine Stammbesatzung der „Aade“ nennt, ist das heute bereits die zweite Ausfahrt vor der roten Felseninsel. Mehr als zweihundertmal im Jahr läuft das 13-Meter-Boot aus. Die Mannschaft schöpft Seewasser für die Labors der Biologischen Anstalt Helgoland. Für den Skipper hat sich die Nordsee in den zwölf Jahren, die er die „Aade“ steuert, „eigentlich kaum verändert“. Er zieht seine Schiffermütze fester in die Stirn, dreht das Steuerrad zur leichten Kurskorrektur. „Aber das Gift sieht man ja nicht.“

Doch seine Auswirkungen wurden sichtbar. Ein Jahr ist es jetzt her, da flimmerten Bilder von der „Nordsee-Katastrophe“ in die bundesdeutschen Stuben. Am 12. Mai 1988 zog ein glibbriger, gelber Algenteppich von Norwegen zur dänischen Küste. Übel stinkende Fischschwärme trieben kieloben auf der dichten Brühe. In heller Panik zogen norwegische und dänische Fischer ihre Lachskäfige aus dem bedrohten Gewässer – für viele war es schon zu spät. Etwa zur gleichen Zeit entdeckten Einheimische der dänischen Kattegatinsel Anholt die ersten toten Seehunde am Strand. Wenig später wurden tote Robben an der schleswig-holsteinischen und ostfriesischen Küste angeschwemmt; andere, noch lebende Tiere röchelten, spuckten schaumig geronnenes Blut. 20 000 Robben – zwei Drittel des Bestandes an der dänischen, deutschen und holländischen Nordseeküste – sind im Verlauf des Sommers einer geheimnisvollen Krankheit zum Opfer gefallen. In Großaufnahme brachten Zeitungen und Fernsehen die Gesichter vom Tod gezeichneter Robbenbabys – und lösten eine Welle des Mitleids und der Empörung aus: Ist es schon so weit, daß der Abfall der menschlichen Zivilisation nun auch das Leben in den Meeren zerstört?

„Zeitlich begrenzte Badeverbote“ auch für diesen Sommer erklärte die Bundesregierung „für nicht ausgeschlossen“; nur mehr eine Million Bundesbürger, vierzig Prozent weniger als im vergangenen Sommer, würden dieses Jahr an der Nordsee Urlaub machen wollen, ermittelte das BAT-Freizeit-Institut in Hamburg: Panikstimmung oder eine angemessene Reaktion auf die Katastrophe im vergangenen Frühsommer?

Damals riefen Initiativgruppen, Wissenschaftler und Politiker zum Umweltschutz auf und verlangten einschneidende Maßnahmen (Näheres siehe Interview mit Umweltminister Berndt Heydemann auf Seite 21). Was aber hat sich seither geändert?

Immerhin, die Geißeln des letzten Sommers sind inzwischen identifiziert: Ein sich offenbar seuchenartig ausbreitender Verwandter des Staupevirus hatte die Robben befallen. War die tödliche Seuche eine Folge der umweltbedingten Immunschwäche der Tiere? Geradezu verzweifelt hatten im Vorjahr Forscher und Politiker Zusammenhänge zwischen Robbensterben und Meeresverschmutzung zurückzuweisen versucht. Der zwingende Nachweis, daß der Ausbruch der Krankheit ökologisch bedingt sei, ist tatsächlich nicht gelungen. Im Gegenteil: Um Anholt, wo die Seuche ausbrach, ist das Meer noch relativ sauber. Die Krankheit wütete just dort am stärksten, wo der Bestand besonders wenig von Umweltgiften beeinträchtigt war. In der Ostsee und vor Holland jedoch, wo die Gewässer am stärksten verschmutzt sind, hielten die Tiere sich weit besser.

Ausbruch und Verbreitung der Epidemie hingen vor allem mit der Populationsdichte der Tiere zusammen: Vor der dänischen Küste leben vergleichsweise viele Tiere auf kleinem Raum, in der Ostsee sind es sehr wenige mit entsprechend geringen Übertragungsrisiken.

In Großbritannien sind die Robben schon seit Jahren eine sehr gut geschützte Tierart. Seit 1933, als die Seehundjagd verboten wurde, haben sich die Bestände um fünf bis zehn Prozent jährlich vermehrt. 100 000 Robben wurden kürzlich an Großbritanniens Stranden und Inseln gezählt. Viele der Küste vorgelagerte Inselchen, auf denen vormals ein paar Dutzend Weibchen ihre Jungen großzogen, sind zu wahren Robben-Slums geworden. Babyrobben sterben, weil sie aus Platzmangel in ihrem eigenen Kot liegen.

Bangen um den nächsten Jahrgang

Britische Fachleute führen die Ausbreitung des todlichen Robben-Virus im letzten Jahr in den relativ sauberen Gewässern der Atlantikküste nicht zuletzt auf die Übervölkerung der Brutkolonien zuruck. Doch obwohl verwesende Seehundkadaver allenthalben an den Stränden liegen, hat das Virus in dieser Gegend keinen erkennbaren Rückgang der Robbenbevölkerung bewirkt.

In Dänemark bangen jetzt die Forscher um den nächsten Jahrgang. Die Tiere, die im Vorjahr die Krankheit überstanden haben, sind immun. Doch sie sind potentielle Virusträger. Solange Muttertiere ihre Jungen säugen, nehmen diese die Abwehrstoffe in sich auf. Später aber laufen sie Gefahr, vom Virus infiziert zu werden. Britische und schwedische Experten haben die Befürchtung geäußert, daß nur jedes zwanzigste der in diesem Jahr geborenen Jungtiere das, erste Jahr überleben wird. Sie haben damit bei Kollegen in anderen Ländern Widerspruch geerntet. Dort meint man, es sei für Prognosen zu früh. Für schlimmer als den Tod der Robbenbabys vor einem Jahr hält der dänische Biologe Peter Aggers den Verlust der Muttertiere: Robben bekommen nur ein Junges pro Jahr, dies aber bis zu zwanzig Jahre lang. Jetzt sind zwei Drittel der fortpflanzungsfahigen Tiere verendet, und die Forscher fürchten, daß viele der überlebenden Weibchen durch das Virus steril geworden sein konnten. 25 Jahre werde es dauern, glaubt Peter Aggers, bis die „Bestandskatastrophe“ des letzten Sommers überwunden ist – falls die Tiere in dieser Zeit günstige Umweltbedingungen vorfinden. Die aber müßten erst hergestellt werden.

Chrysochromulina polylepsis nennen Biologen die Algenart, die plötzlich im vergangenen Mai zu wuchern begann und das maritime Leben erstickte. Wissenschaftlich betrachtet, waren Robbensterben und Algenpest zufällig zur gleichen Zeit auftretende Einzelphänomene. Ihnen gemeinsam aber ist das ökologisch überlastete Umfeld, die Nordsee.

Während der zwölf Monate, die seit dem schlagzeilentrachtigen „Robbensterben“, der panikmachenden „Algenpest“ vergangen sind, schwemmten die Flüsse unvermindert Schwermetalle und Kunstdunger ein, regnete es Blei vom Himmel, aufgestiegen aus den Auspuffen unserer Autos, wurde Giftmüll auf See verbrannt und nach Öl gebohrt, stürzten Pestizidcontainer von den Schiffen – und trieben radioaktive Partikel aus den atomaren Wiederaufbereitungsanlagen im britischen Windscale und französischen La Hague in die Nordsee.

Am Vortag unserer Ausfahrt mit dem Forschungskutter habe das Verklappungsschiff Kronos Titan‚ das weit oberhalb Helgolands seine bräunlichgelben Dunnsäurespuren durch die See zieht, wieder die Insel passiert, berichtet Käpten Röw.

Der elektronische Amplitudennavigator läßt keinen Zweifel: „Wir sind auf Position.“ Der Skipper drosselt die Maschine. Doch die Sedimentfalle zum Auffangen absinkender Algenverbindungen, an dieser Stelle in zwanzig Meter Tiefe vor vierzehn Tagen an einer Boje befestigt, ist verschwunden. Es bleibt nur eine Erklärung: Ein Fischkutter auf der Suche nach einem noch lohnenden Fang in der bald leergefischten Nordsee muß nachts sein Netz durch das Naturschutzgebiet vor Helgoland gezogen und das auf den aktuellen Seekarten verzeichnete Forschergerat mitgerissen haben.

Der Gastforscher vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven hat Taucheranzug, Bleigurte, Preßluftflaschen und Maske angelegt. Mit kleinen Plastikspritzen, von Wäscheklammern an einer kurzen Schnur gehalten, geht er jetzt auf Unterwasserjagd nach Algensedimenten.

In der Biologischen Anstalt Helgoland wird das Meeresgrün dann in Plastikgefäße abgefüllt, gefiltert, zermahlen oder eingefärbt und auf Glasplättchen unter dem Mikroskop begutachtet. „Die Schaumalge“, erklärt Uwe Riebesell, „sinkt bereits in die Tiefe.“ Das heißt: Die erste Frühjahrsblüte geht zur Neige, vierzehn Tage früher als im vorigen Jahr. Das ist beruhigend, denn im Frühsommer würde sie sonst die Strände mannshoch mit geschlagenem Eiweiß häßlich überziehen, unangenehm stinkend, doch harmlos.

Je früher die Algenblüte, desto geringer die Wucherungen und Schaumbildungen. „Eigentlich“, sagt Uwe Riebesell, „ist Algenwuchs ja nichts Schlechtes.“ Die Arbeitsgruppe verbindet sogar eine besondere Hoffnung mit dem im Meer wie Schneeflocken absinkenden Gewächs: Die Algen gedeihen im Frühjahr in den lichtdurchfluteten oberen Wasserschichten, binden Kohlenstoff aus dem Treibhausgas CO2 und sinken als große Flocken in die Tiefe. Eine „biologische Pumpe“, so die Arbeitshypothese der Wissenschaftler, die mit den Algenflocken die Hoffnung verbinden, daß ein Teil des klimabedrohenden Kohlenstoffs für immer auf dem Grund der Weltmeere verschwinden könnte.

Doch noch sitzt nicht nur den Skandinaviern der Algenalarm vom letzten Sommer in den Köpfen, werden Erinnerung an Krisenstäbe und Hilflosigkeit wach. Ob es im Mai zu einem Comeback der gefürchteten Chrysochromulina polylepsis kommen wird? „Wir wußten, was im letzten Jahr war. Was in diesem Jahr wird, weiß niemand“, sagt Uwe Riebesell.

Der Lebenszyklus des „vielschuppigen Goldfärbling“, wie die Alge in deutscher Übersetzung heißen müßte, ist bisher wenig erforscht. Eric Hameier, seit 28 Jahren in der Biologischen Anstalt Helgoland, hält fast jede Algenart in den vielen Erlenmeierkolben in seinem Labor vorrätig. Behutsam setzt er mit der Pipette einen Wassertropfen auf den Objektträger des Lichtmikroskops. Was in dem Glaskolben noch als unansehnliche Brühe erschien, eröffnet dem Blick durchs Mikroskop eine fremde Galaxis voller wunderbarer Sterne, Sonnen, drachenförmiger Raumgleiter und kettenartiger Gebilde. Ob die Chrysochromulina polylepsis darunter ist? Er muß passen. Sie ist zu winzig, um unter dem Lichtmikroskop erkannt zu werden. Doch eines ist gewiß: Die Ausbreitung der Flagellaten, zu deren Familie sie gehört, nimmt zu. Und zu ihnen gehören die meisten giftigen Arten.

Mit der Katastrophe gerechnet

Auch wenn niemand die Alge kannte, die Katastrophe kam nicht völlig unerwartet. Zu Jahresbeginn hatten dänische Meeresbiologen die höchste Nitratbelastung seit mehr als fünfzehn Jahren in der Nordsee gemessen. Die Acker und Wiesen, von der Düngerflut übersättigt, wurden von starken Frühjahrsniederschlagen durchgespült. Das Hochwasser der Flüsse trug Nitrat und Stickstoffe ins Meer: üppiges Futter für die Algenmast.

Auch der Ort der Katastrophe war vorgezeichnet: die Verbindung zwischen Nord- und Ostsee, denn dorthin fließen die deutschen Flüsse. Diese Route ergaben Modellrechungen einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe um Jan Backhaus vom Institut für Meereskunde an der Universität Hamburg: Auf der Basis meteorologischer und hydrographischer Daten – Windbewegungen, Luftdruck, Meeresströmungen – ließen sie ihren Computer der Fährte des Flußwassers folgen. Die Ausflüsse von Rhein, Ems, Weser und Elbe strömen nahe der Küste ost- und wenden sich vor Jütland nordwärts.

Jedes Jahr schwemmt allein der Rhein 4,6 Millionen Tonnen Sulfat und 828 000 Tonnen Nitrat ins Meer. Hinzu kommen 248 000 Tonnen organische Kohlenstoffverbindungen, 90 000 Tonnen Eisen, 38 000 Tonnen Ammonium, 28 000 Tonnen Phosphor, 4350 Tonnen Zink, 2500 Tonnen organische Chlorverbindungen, 600 Tonnen Kupfer, 600 Tonnen Blei, jeweils 500 Tonnen Chrom und Nickel, 100 Tonnen Arsen ins Meer – abgesehen vom hochgiftigen Cadmium und Quecksilber.

Eine Million Tonnen Stickstoff, weit mehr als die deutschen Bauern jährlich als Kunstdünger einkaufen, und 100 000 Tonnen Phosphor schicken die Flüsse jedes Jahr ins Meer. Den Anstieg der Nährstoffkonzentration in der Nordsee, Eutrophierung genannt, macht Peter Mangelsdorf in der Meeresstation der Biologischen Anstalt Helgoland im Reagenzglas sichtbar. Ob Nitrat, Nitrit, Ammoniak oder Silikat – nichts kann Mangelsdorf entgehen. Nach uralter Methode, „aber bewährt“, sagt er, „und vor allem seetauglich“, läßt er die Nitratkonzentration im Wasser durch chemische Zusätze in violette Farbreaktionen umschlagen. Er lehnt sich über einen Metallkasten im Design der zwanziger Jahre: ein Photometer, mit dem nun die Intensität der Farbreaktion und damit der Nitratgehalt des Wassers gemessen wird. Auch an der Meßstation Helgoland ist die Konzentration von Phosphat und anorganischem Stickstoff seit 1962 um das 1,6fache gestiegen. Mit der „Kabeltonne“, der Markierung unweit der Inder sind die Helgoländer Wissenschaftler „immer am sind des Planktons“, wie es Mangelsdorf formuliert. Inzwischen kann man in Helgoland auf eine solide Datenbank zurückgreifen. „Man muß die Entwicklung rückverfolgen und rechtzeitig vor der Zukunft warnen.“

An der Wand hinter Mangelsdorf hängt eine Rasterkarte der Nordsee. Alle fünfzig Kilometer ist ein dicker schwarzer Punkt eingezeichnet. Markierungen für Meßstellen bis in die Mündungen der Weser, Elbe und der Eider. „Nein, in die Flüsse selbst gehen wir nicht“, winkt Mangelsdorf ab, „da spielen die Meßinstrumente verrückt.“

Belastung aus Luft und Boden

Was der Rhein für den Stickstoffeintrag, ist die Elbe für die Schwermetallbelastung. Genausoviel Schwermetall wie aus beiden Flüssen aber gerät über die Luft ins Meer. So schätzen Wissenschaftler des Forschungszentrums in Geesthacht, daß über die Luft 1800 bis 6400 Tonnen Blei und 70 bis 380 Tonnen Cadmium pro Jahr in die Nordsee getragen werden.

Bereits jetzt haben große Bereiche der Nordsee eine Sättigung mit Schwermetallen erreicht, so daß bei entsprechenden Wasserbewegungen mehr davon aufsteigen als absinken. Unter entsprechenden Bedingungen reicht nach groben Überschlagsrechnungen ein Zentimeter Cadmiumsediment aus, drei Meter Bodenwasser darüber zu vergiften. Und was sich dort am Boden ablagert, kann wieder organische Verbindungen eingehen.

So geben neueste Ergebnisse einer gemeinsamen Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Kiel und der Technischen Universität Harburg schon der Befürchtung Raum, daß eine abrupte Reduktion des Nährstoffzuflusses über eine komplizierte Kette von biologischen und chemischen Reaktionen dazu führen kann, daß die Schwermetalle im Sediment wieder reaktiviert werden.

Einer, der zu Lande gegen die Überdüngung der See kämpft, ist Rudolf Kelch, Leiter des Umweltamtes im Landkreis Husum. Der studierte Landschaftspfleger schickt seine Mitarbeiter über die Dörfer und Höfe, läßt Betriebe und Hauskläranlagen kontrollieren, Auflagen erteilen und Vollzugsfristen setzen. „Das beginnt schon mit der Pinkelrinne, die vom Misthaufen in den Boden abführt“, klagt er über die mangelnde Sensibilität bei den Landwirten. Ein Drittel der kontrollierten Betriebe lagere Dung und Jauche nicht ordnungsgemäß.

„Extensivierung“ der Landwirtschaft heißt seine Lösungsformel. Denn noch immer ist der Kunstdünger das Erfolgselixier des modernen Agrarökonomen. Eintausend Kilo Nitrat bringt der deutsche Bauer durchschnittlich pro Jahr und Hektar aus. 800 000 Tonnen Reinstickstoff enthält die stinkende Gülleflut der für die Weideflächen viel zu großen Viehbestände. „Produktionsbeschränkungen müßten erlassen, die Vieheinheiten der Größe des zur Verfügung stehenden Bodens entsprechend begrenzt werden.“ Nur eine schonende Landwirtschaft mache Ökologie möglich, „da kann man nicht wie der Bundesumweltminister flott drüber hinweggehen“.

Die Nordsee ist 57 500 Quadratkilometer groß und im Mittel siebzig Meter tief; mit einem Wasservolumen von 47 000 Kubikkilometern schien sie alle Einleitungen verkraften zu können. Tatsächlich aber wurde „das maritime System maßlos überschätzt“, konstatiert der Hamburger Meeresforscher Jan Backhaus. Wie ein Kreisel bewegt sich die Meeresströmung gegen den Uhrzeigersinn von Schottland an die niederländische Küste, zieht entlang der Deutschen Bucht nach Dänemark hinauf, um dann nach Norwegen zu driften – beeinflußt von Gegenströmungen, gekräuselt von Winden, verwirbelt von Oberflächenströmungen und unterzogen von Tiefenströmen. So bilden sich unterseeische Deponien, auf denen sich schwerpunktmäßig Schadstoffe ablagern. Das größte maritime Zwischenlager ist vor der Meeresenge am Skagerrak entstanden.

Mehr als die Hälfte aller aus Fließgewässern in der Nordsee abgelagerten Stickstoffverbindungen stammen aus der Bundesrepublik; insgesamt eine Million Tonnen, ermittelten jetzt Siedlungswasserwirtschaftler der Gesamthochschule Kassel im Auftrag des Umweltbundesamtes. Zwei Drittel davon, also mehr als 600 000 Tonnen, schleppt der Rhein in die Nordsee. Aber auch Elbe und Ems sind Sammelstellen für die Stickstoff- und Nitratüberschüsse: 54 Prozent der Stickstoffbelastung stammen aus Industrie und Landwirtschaft. Als es dann vor einem Jahr auch noch zur ungewöhnlich langen Schönwetterperiode mit hoher Lichtintensität kam, setzte das rasante Algenwachstum ein.

So könnte allein von der Bundesrepublik schon einiges zur Rettung der See getan werden. Bundesumweltminister Klaus Töpfer geht mit der Zeit und zitiert heute den Öko-Philosophen Hans Jonas: „Der Mensch ist dem Ozean gefährlicher geworden, als der Ozean dem Menschen jemals war“: starke Worte, die eigentlich nach Taten rufen.

„Zur Zeit“, berichtet er, „laufen in meinem Hause Vorbereitungen, damit aktuell über die Entwicklung eventueller Algenblüten berichtet werden kann.“ Ein Zehn-Punkte-Programm „zur Rettung der Nordsee“ hatte der Umweltminister schon im vergangenen Sommer verkündet. An erster Stelle steht für ihn „die Verbesserung der Behandlung von kommunalen und industriellen Abwässern“. Doch das Programm kostet Geld, das den Gemeinden aus den notorisch leeren Kassen gezogen werden muß. „Die Investitionskosten werden allein für diese Maßnahmen bei Ländern und Gemeinden rund fünfzehn Milliarden Mark betragen.“ Die Bürger – nicht die Produzenten der Schadstoffe – sollen diese Investitionen mit einer Verteuerung von fünfzig bis achtzig Pfennig pro Kubikmeter Abwasser bezahlen. Ob ihnen dies die Bundesregierung ein Jahr vor den Wahlen zumuten wird? Auch Töpfers Hoffnung, daß die vier Küstenländer die Bundeshilfen zum Ausbau einer dritten Klärstufe verwenden, ist trügerisch: Das Geld haben die Länder größtenteils bereits für Sozialausgaben verplant.

Vorerst keine Taten

Wenigstens bei der Beendigung der Dünnsäureverklappung sei ihm „ein durchschlagender Erfolg geglückt“, bekundete der Minister auf der Jahresversammlung der Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste Ende April in Wilhelmshaven, denn sie werde im Laufe des Jahres eingestellt. Allerdings war ein Stopp der Verklappung schon vor der Algenpest für 1990 beschlossen worden; zudem dürfen Frankreich und Großbritannien bis 1993 weitermachen. Auch das Verbot der umweltbelastenden Abfallverbrennung auf See läuft beim Minister „auf vollen Touren“. Doch bis 1994 darf weiterverbrannt werden.

Auch bei der Begrenzung gefährlicher Stoffe im industriellen Abwasser folgen den Worten vorerst noch keine Taten. „Bis Mitte 1989 werden einige weitere Verwaltungsvorschriften für wichtige Industriebereiche erlassen“, verspricht Töpfer. Doch die Länder können noch nicht einmal die erste Verwaltungsvorschrift „wegen der damit verbundenen erheblichen administrativen Probleme“ ordnungs- und termingerecht vollziehen.

Für die ökologische Meeresforschung sowie für die Untersuchung des Wattenmeeres konnte der Umweltminister nur mit Mühe die karge Summe von 4,1 Millionen Mark bereitstellen. Und zum Schutzprogramm für die Gewässerrandstreifen waren nur magere zehn Millionen Mark übrig – ein Betrag von höchstens symbolischer Bedeutung.

Nachdem auf der letzten internationalen Nordseeschutzkonferenz den Schiffsbesatzungen verboten wurde, ihren Müll über Bord zu werfen, fordert Minister Töpfer nun seine Amtskollegen auf, auf der nächsten Konferenz in einem Jahr die Nordsee zum Sondergebiet zu erklären, wo keine Öl- und Chemieabfälle abgelassen werden dürfen. Auch die Erdöl-Bohrplattformen sind Gegenstand intensiver Vorgespräche. Und seit der Tanker-Havarie der Exxon-Valdez vor Alaska hofft Töpfer, daß sich die nächste Konferenz auch mit der Sicherheit des Schiffsverkehrs befassen wird.

Doch auch der Bonner Umweltminister weiß, daß die Bundesrepublik selbst ein Hauptsünder ist, der seine ökologischen Schandtaten auch ohne Machtwort aus Brüssel aus eigenem Antrieb unterlassen könnte. Der Öko-Einsatz deutscher Diplomaten auf internationalem Terrain sei darum nur glaubwürdig, „wenn wir national unsere Aufgaben erfüllen und damit – wo nötig – anderen Vorbild sind“. In Wilhelmshaven konnte der Minister eine vorbildliche Maßnahme in Augenschein nehmen: Die Toiletten der Bäderschiffe werden jetzt von modernen Güllewagen der Stadtwerke ausgepumpt. Was in früheren Sommern noch von monatlich 650 000 Inselgästen auf den Fähren mit der Toilettenspülung im Wattenmeer so nebenbei verklappt wurde, hat womöglich gegen Ende der letzten Saison zur Salmonellenseuche mit Badeverbot geführt. Klaus Töpfer war vom raschen Handeln der Friesen angetan, seine Freude über den orangefarbenen Pumpenwagen groß: „So einfach ist das, da fragt man sich, warum man erst die große Katastrophe braucht.“ Doch die Geißelbakterien, munkelte der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste, weisen einen auffallend hohen Verwandtschaftsgrad mit den in der Kälberzucht gefundenen Salmonellenstämmen auf: Vielleicht hatte die Seuche ihren Ursprung doch in der Landwirtschaft.

Unter den Friesen ist heute weithin Skepsis gegenüber den ministeriellen Sofort-Versprechen angesagt: Die Krankheit der Nordsee reicht weit zurück und kann mit ein paar Maßnahmen nicht wirklich besiegt werden. Zu den Zweiflern gehört auch Christian Eisbein. Der 71jährige Bildhauer und Kunstlehrer führte während Jahrzehnten Touristen, Kindergruppen, aber auch Einheimische durch das Watt.

Inzwischen hat er sich nach einer Hüftoperation in sein efeubewachsenes Friesenhaus gegenüber der Insel Baltrum aufs Festland zurückgezogen. „Ich muß mich überwinden, noch ins Watt zu gehen. Was hat da gelebt, gewimmelt und gekribbelt – und ist weg.“ Heute sei alles Sand und graue Schlickmasse. „Wenn man früher durch die Priele ging, sprangen einem die Plattfische noch bis vor den Bauch.“ Millionen und Abermillionen von Krebsen hätten unversehrt zehn Stunden aufs Wasser gewartet. „So gesund, daß sich keiner traute, den Finger hinzuhalten.“ Auch mit den Krebsen sei es 1972 schlagartig vorbei gewesen. Das Sterben sei ihm gar nicht aufgefallen, Massenvermehrung und Massensterben gehörten zum Zyklus des Watts: „Ich habe erst viel später bemerkt, daß sie nicht wiederkamen.“

Geschichten vom Watt

Der Alte, dessen ruhige Hände nur gelegentlich die Erzählung unterstützen, gehört zum Typ des freundlich-störrischen Kauzes, mit dem man an der ostfriesischen Küste Postkarten bedrucken könnte. Ihm erweisen auch junge Wissenschaftler wie Bernd Scherer vom Nationalparkamt Wattenmeer Respekt, wenn sie einräumen: „Oft ist dem etwas aufgefallen, was wir noch gar nicht bemerkt hatten.“

Der Wattläufer führt Besucher gern durch seine Treibhausveranda, die er aus alten Fensterrahmen entlang den Längsseiten seiner Kate gezimmert hat. Während er die Regentonne leert und Pflanzen gießt, erzählt er Geschichten vom Watt: ein Rückblick auf Jahre des Widerstands gegen den schleichenden Tod der Nordsee. Er hat seine Aufzeichnungen jetzt auch in dem Buch „Watt in Not“ (Knaur-Verlag) zusammengefaßt.

Angefangen hatte es 1966 mit den Seehunden. Gerade vor Baltrum seien die sehr zahm gewesen, an der Prielkante liegengeblieben, um sich die Leute anzusehen. „Das haben die Jäger ausgenutzt.“ Mit Booten seien sie durch die Priele gefahren und hätten die Tiere abgeknallt. Gegen diesen Jagdsport sei er aufgestanden: „Damals wußte ich noch gar nicht, daß sie durch Chemikalien bedroht sind.“ Zwanzig Jahre später sind nun siebzig Prozent des Seehundbestandes verendet – nicht durch Jäger, sondern als Folge der Virusinfektion.

Auch gegen die Herzmuschelfischerei, bei der die von einem flachen Boot gezogenen Fangkörbe wie ein breites Messer das Watt fünf Zentimeter tief abrasierten, war er seinerzeit in Rathäusern und Redaktionen Sturm gelaufen. Einige Jahre später hat sich das Problem von selbst erledigt. „Vier sterbende Herzmuscheln am Ende einer 10 bis 20 cm langen Kriechspur im weichen Schlick; konnten sich noch schließen, aber ließen sich mühelos öffnen“, hatte er am 23. Mai 1976 in sein Wattwandertagebuch notiert. Am 29. Mai waren es schon siebzig sterbende Muscheln pro Quadratmeter. Eine Woche später fand er nur noch tote Muscheln und Würmer, blaue stinkende Brühe und milchige Schmiere: Durch frühzeitige Erwärmung, hohen Lichteinfall und Ausbleiben der Frischwasserzufuhr durch Seewinde war das Watt umgekippt.

Tribunal in Bremen

Vor siebzehn Jahren hatte Christian Eisbein in einem ersten Artikel in dem Lokalblatt über die Einleitungen in die Nordsee berichtet. Er kramt vergilbte Zeitungsmeldungen aus einer Schublade. Tatsächlich lesen sie sich nicht wesentlich anders als aktuelle Katastrophenmeldungen. Damals hätte man ihn ausgelacht. „In den sechziger Jahren war ich noch allein in Ostfriesland“, erinnert er sich. „Jetzt werde ich von Tausenden überholt.“

Eine Großveranstaltung mit Massenzulauf verspricht das auf den 20. Mai in Bremen anberaumte „Nordseetribunal“ zu werden. Dort werden unter anderem die Erzeuger der für die Nordsee schädlichsten Kunststoffe angeklagt, allen voran die Hersteller von PVC. Was vom Fußbodenbelag bis zum Aufwischeimer als Material dient, sei im Grunde ein unbrauchbarer Werkstoff, anderen Kunststoffen weit unterlegen, behaupten die Umweltschützer: PVC werde erst durch diverse toxische Zusätze verwertbar, etwa Barium, Blei, Cadmium, Calcium und Zink als Stabilisatoren, Phosphorsäureester als Weichmacher, Aluminium, Antimon, Bor, Zink, brom-, chlor- und phosphororganische Verbindungen als Flammenschutzmittel. Diese Stoffe gelangen am Ende, meistens auf dem Verbrennungswege, in die Umwelt und landen schließlich zu einem wesentlichen Teil im Meer. „In den bereits erzeugten PVC-Produkten sind viele tausend Tonnen Cadmium und mehrere 100 000 Tonnen Blei enthalten“, schreiben die Umweltschützer in ihrer Anklageschrift; ein Konzept zur Rückführung dieser Giftstoffe hätten die Hersteller bis heute nicht vorgelegt.

Auch an Industrieanlagen, so ein weiterer Anklagepunkt des Tribunals, sei nach Inkrafttreten des Bundesemissionsschutzgesetzes 1985 kaum etwas zur Reduzierung von Abfällen geändert worden. Zum Jahreswechsel hat der Länderausschuß für Emissionsschutz den Entwurf einer Verwaltungsvorschrift zur Erhaltung dieses Status quo formuliert: „Die Vermeidung von Reststoffen kann nur dann gefordert werden, wenn sie technisch möglich und zumutbar ist“, heißt es in der Einleitung. Als zumutbar gilt nur, was keine großen Veränderungen an den Anlagen erfordert und die Marktfähigkeit der Erzeugnisse nicht beeinträchtigt. So landet auch weiterhin ein Großteil der für die Industrieproduktion unvermeidlichen Gifte über Luft und Wasser in der See, darunter vor allem die Chlorkohlenwasserstoffe und die polychlorierten Biphenyle (PCB).

„Wenn man ein totes Robbenweibchen seziert und die Gebärmutter fühlt sich steinhart an, dann kann man stets hohe PCB-Werte im Fettgewebe feststellen“, berichtete der Meereszoologe Günter Heidemann. Vierzig Milligramm dieses Nervengiftes, das die Haut schädigt, das Immunsystem zerstört, die Leber, Milz und Nieren durchsetzt, werden durchschnittlich pro Kilo Seehund nachgewiesen. Hier hat sich das Gift, im Meer noch auf zwei Millionstel Milligramm pro Liter Wasser verteilt, in konzentrierter Form über die Nahrungskette festgesetzt. Die Analyse der Seehundleber deckt alle, auch längst vergessene Sünden der ahnungs- und rücksichtslosen Industriepolitik auf. Selbst DDT, seit fünfzehn Jahren in den Nordsee-Anrainerstaaten aus dem Verkehr gezogen, lagert in den Seehunden.

„Die zeitliche Dimension der ökologischen Zerstörung ist erst jetzt richtig erkannt worden“, warnt Greenpeace-Berater Andreas Ahrens vor falschen Hoffnungen. Auch bei sofortigen Schutzmaßnahmen wird „eine lindernde Wirkung auf die Lebensräume erst nach Jahrzenten erkennbar“.

Während der Nordische Rat in seinem Nordseeprogramm ohne Fortschritt blieb, wächst bei einem anderen europäischen Nachbarn die Sorge um die See.

Ein Strand im Norden Schottlands – dort, wo das Meer bislang noch sauber war: Verwesende Seehundkadaver faulen auf dem Uferkies. Der von den Tiden aufgeschwemmte Tang ist ein unentwirrbares Knäuel aus Nylontauen, Müllbeuteln und Plastiksäcken. Dazwischen liegen leere Biertragen herum, zerbrochene Eimer, von Gasen aufgeblähte Konservendosen: Unrat und Abfall von Fischtrawlern und Fischverarbeitungsschiffen, von vorbeifahrenden Frachtern und Meeresfarmen.

„Die silbrige See“, sagte Prinz Charles in seiner Eröffnungsansprache an die zweite Nordseekonferenz in London im November 1987, „war – und ist immer noch – einer der reichsten Fischgründe der Welt. Aber in den letzten hundert Jahren haben wir sie in eine Müllkippe verwandelt.“

Den wirklich schlimmen Unrat sieht man nicht. Zum Beispiel „Nuvan“, ein Schädlingsgift aus dem Hause Ciba-Geigy, das die Meeresfarmen neuerdings kanisterweise zum Schutz der Zuchtlachse gegen Seehause über den Käfigen in die See schütten. Und die Meeresfarmen wachsen in atemberaubendem Tempo. So kommen zu den alten Problemen der Nordsee neue hinzu.

Doch die Rede des Prinzen wurde zum großen Wendepunkt des Umweltbewußtseins in Großbritannien.

Unternehmergeist und grüne Welle

Übers Jahr ist die Insel, auf der Umweltthemen bislang tabu waren, grün geworden. Margaret Thatcher beruft Umweltkonferenzen in London ein und veranstaltet Öko-Seminare in Downing Street No. 10. Regierungserklärungen strotzen nur so von Öko-Initiativen. Umweltorganisationen wie Greenpeace, Friends of the Earth oder die Marine Conservation Society, bis vor kurzem noch als „Spinner“ und „Extremisten“ verschriene Randgruppen, gehören auf einmal zum politischen Establishment. Manche Beobachter glauben, sie hätten mittlerweile einen durchschlagenderen Einfluß auf die Regierungspolitik als die Oppositionsparteien. Selbst der letzte Haushaltsentwurf spann sich um grüne Themen.

Der Unternehmergeist der Thatcher-Jahre hat die grüne Szene ergriffen. Allenthalben entstehen neue Umweltgruppen. Und sie alle haben enormen Zulauf. In einer Woche im März gingen 4034 Aufnahmeanträge bei Greenpeace ein. 20 000 Briten, rechnete die Times aus, schließen sich jeden Monat der einen oder anderen Umweltgruppe an. Friends of the Earth, eine durch gründlich recherchierte Reporte prominent gewordene Organisation, wächst wöchentlich um 800 Mitglieder. Selbst altenglische Verbände wie die Vereinigung zum Schutz des ländlichen England bekommen neuen Auftrieb.

Keine anderthalb Jahre nach seiner Müllkippen-Rede stellte Prinz Charles fest: „Der Mann auf der Straße beginnt uns zu verstehen. Die Dinge sind in Bewegung gekommen.“

Aber wie kommt es, daß die Strände jedes Jahr schlimmer aussehen? Daß die Reinigung der Themse, mit der so viel Propaganda gemacht wird, ein Einzelfall bleibt? Daß die Kreisverwaltung von Wirrai bei Liverpool das Wasseraufsichtsamt vor Gericht bringen muß, weil es die unerlaubte Einleitung von Industrieabwässern in die Mersey nicht verhindert? Daß Morganite Ceramic Fibres und UML, eine Tochter des multinationalen Seifen- und Nahrungsmittelgiganten Unilever, regelmäßig die Grenzwerte für Chemieableitungen überschreiten?

Margaret Thatcher behauptet im Fernsehen, nur geklärte Abwasser gelangten in die See. Doch nur ein paar hundert Meter außerhalb der 60 000-Einwohner-Stadt Inverness, der Hauptstadt des schottischen Hochlands, kann jeder die Verdauungsprodukte der Kommune ins Meer hinaustreiben sehen. Viele Badestrände selbst im weniger industrialisierten und dünner besiedelten Norden Großbritanniens gleichen, unter dem Mikroskop besehen, einer Laborkultur von Kloakenbakterien. Nach wie vor kippen die Briten neun Millionen Tonnen Faulschlamm pro Jahr ins Meer. Ist die grüne Welle nur Augenwischerei?

Weder das Trinkwasser noch die Schmutzwasserbeseitigung erfüllen in Großbritannien die von der EG festgeschriebenen Normen. Der europaische Umweltkommissar Carlo Ripa di Meana drohte der britischen Regierung bereits ein Verfahren vor dem europäischen Gericht an.

Das Umweltministerium wollte die Werke privatisieren und aus dem Verkaufserlös die Sanierungskosten von 2,8 Milliarden Pfund erwirtschaften. Der Schatzkanzler weigerte sich: Das käme einer Subvention gleich. Die neuen Wasserbetriebe müssen alle Kapitalinvestitionen eigenständig finanzieren. Doch die Privatisierung und die Erfüllung europäischer Umweltnormen, das gestehen selbst regierungsfreundliche Ökonomen zu, „rechnen sich nicht“.

Selbst Umweltschützer hoffen auf die Privatisierung von Wasser-, Abwasser- und Klärschlammbetrieben. Sie gewährleisten die Trennung von privatem Management und Aufsichtsbehörden. Daß das nicht immer funktioniert, zeigen die Zeugenvernehmungen bei der Untersuchung des Piper-Alpha-Desasters in Aberdeen. Jetzt fördert die Untersuchung fast täglich neue Sicherheitsskandale auf der Bohrinsel zutage. Eine gewaltige Gasexplosion riß die Bohrinsel am 6. Juli letzten Jahres in Stücke. 167 Menschen ertranken, verbrannten oder wurden erschlagen. Tagelang standen Bohrlöcher in Flammen. Wenn der Rettung von Menschenleben eine derart untergeordnete Bedeutung eingeräumt wird: Wie ist es dann erst um den Schutz des Meeres bestellt? Tatsächlich nimmt die Ölverschmutzung in den Bohrfeldern jedes Jahr zu. Die Ölgesellschaften halten geheim, was sich geheimhalten läßt. Die Gerüchte in den Bars von Aberdeen mögen der Wahrheit oft näherkommen als die offiziellen Statistiken.

Zu den industriellen Belastungen und Gefahren kommen die der Schiffahrt. Und damit das Risiko einer Tankerkatastrophe in der Art der Havarie des Großtankers Amoco Cadiz im März 1978 vor der bretonischen Küste: Das steuerlose Schiff knallte gegen die Riffe von Portsall und schlug leck. Fast 230 000 Tonnen Rohöl ergossen sich ins Meer. Zwar hatte sich die Küste schon nach vier Jahren weitgehend erholt: Fische, Krabben und Langusten gab es wieder wie zuvor. Doch die rasche Reinigung ging auf die günstige Strömung und den starken Tidenhub zurück; in kleinen, abgelegenen Buchten und unter Felsgestein blieb das Öl liegen und vertrieb die dort seßhaften Tiere. Auch in der Deutschen Bucht ist das Meer eher ruhig und die Selbstreinigungskraft gering. Eine Ölkatastrophe könnte, wie es der Biologe Mangelsdorf formuliert, „nach dem Gesetz der größten Gemeinheit“ dem Wattenmeer noch bevorstehen. Tatsächlich halten es Fachleute für ein statistisches Wunder, daß die deutsche Küste bisher von einem größeren Tankerunfall verschont geblieben ist.

Zwischen Kanal und Elbe liegt eine der meistbefahrenen Schiffahrtslinien der Welt. Jährlich werden in der Deutschen Bucht 140 000 Schiffsbewegungen registriert, 60 000 Tanker passieren die Strecke zwischen Cuxhaven und Calais. Zum Funktionieren dieses Weltwunders trägt auch eine intensive Lotsentätigkeit bei. Dennoch kam man seit 1974 bereits zehnmal nur knapp an einer Ölkatastrophe vorbei.

Die Al Funtas, beladen mit 200 915 Tonnen Rohöl, rammte ein Ölpier bei Wilhelmshaven, nur 53 Tonnen gingen ins Meer. Die Energy Vitalia lief mit 200 000 Tonnen Rohöl auf den Grund der Jade und konnte von Schleppern unbeschädigt freigezogen werden. Genauso glücklich gelangten auch die Öltanker Camden (224 222 Tonnen Öl), Nicos I. Vardinoyannis (139 051 Tonnen Öl), die Esso Hawaii (287 806 Tonnen Öl) und die Afram Zenit wieder ins Fahrwasser. Die Classic und die Cimlevang kamen erst durch Abpumpen des Öls wieder frei. Die Astoria (59 977 Tonnen Öl) rammte die Emdener Schleuse. Eine Ölpest wurde durch das Schließen der Tore verhindert. Die Hitra (38 840 Tonnen Öl) zog nach einer Kollision mit dem Feuerschiff Weser einen fünfzehn Quadratkilometer großen Ölteppich hinter sich her, der in Richtung Norwegen trieb.

Bleibt am Ende nur Selbsthilfe?

Doch nicht nur Tanker hinterlassen bei einer Kollision einen Ölfilm. Als Ostern vor einem Jahr das Kühlschiff Heinrich Heine aus der DDR bei Verlassen des Nord-Ostsee-Kanals mit dem indonesischen Frachter Mataram zusammenprallte, verbreiteten sich sechzig Tonnen Treibstofföl über zehn Kilometer Elbufer.

Für kleinere Ölkatastrophen glaubt man sich jetzt in der Bundesrepublik durch eine Investition von 180 Millionen Mark gerüstet. Zwischen Kiel, Husum und Emden sind in diesem Jahr zwanzig Schiffe stationiert, die das Öl, zumindest bei ruhiger See, wieder auffischen sollen. An Land stehen teure Geräte zur Reinigung der Wattflächen bereit.

„Ein Chemikalientanker gegen einen Öltanker“, schiebt Hans von Wecheln die Vorsorgemaßnahme beiseite, „Mensch, da gehen doch bei uns die Lichter aus. Ein Unfall wie in Alaska, und wir können den Nationalpark Wattenmeer dichtmachen.“ Der Fluglotse fordert eine Schiffsuberwachung, vergleichbar der des Luftverkehrs, ferngelenkt mit Leitstrahl und Radarsystemen. Die moderne Technik böte viele weitere Möglichkeiten zum Schutz der Küste. „Man glaubt ja nicht, wie viele Container über Bord gehen“, sagt er, „gerade die gefährlichen müssen wegen der Siebecker für Mann und Schiff über Deck geladen werden.“ Sein Rezept: Gittercontainer, mit einem Sender versehen, der bei Verlust in der See auf einer Notfrequenz funkt. So hätte man auch den Lindan-Container, der im Frühjahr im Kanal verlorenging, wiedergefunden.

Der technologiebegeisterte Umweltschützer träumt von einer „Euro-Coast-Guard“, die verlorene Container wieder aufspürt und mit einem Flugzeug, ausgestattet mit Infrarot-Kameras, Laser- und Mikroradiowellengeräten auf Jagd nach öleinleitenden Schiffen geht. Das Flugzeug zumindest will der Bundesumweltminister ihm nun beschaffen.

Tatsächlich tragen Tankerunglücke zur Verölung der Weltmeere nicht einmal zu fünf Prozent bei. Das meiste geht im Normalbetrieb in die See, wenn unbrauchbare Rückstände unbemerkt ausgestoßen werden, oder wenn die Öltanker ihre Tanks reinigen, bevor sie neue Ladung aufnehmen. Inzwischen sind nach einem internationalen Abkommen Öltagebücher vorgeschrieben, doch sie werden unzuverlässig geführt, falsche Eintragungen nur als Ordnungswidrigkeit geahndet.

Hilft am Ende nur die Selbsthilfe? Im Bewußtsein der Küstenbewohner jedenfalls vollzog sich ein tiefer Wandel: Hoffnungen auf große Industrieansiedlungen werden begraben – und in Ermangelung wirtschaftlichen Reichtums wird die Natur, werden Umwelt und Ruhe als Lebensqualität wiederentdeckt. „Heute ziehen auf der Insel alle an einem Strang“, beteuert Klara Enns, streitbare Naturschützerin auf Sylt und eine der Initiatorinnen des „Sylter Ratschlags“. Diese konzertierte Aktion aus Umweltschützern, Unternehmern, Gemeindevertretern und Privatleuten nahm „den Alltag in Angriff“, eine Idee, die auf der Nachbarinsel Amrum aufgekommen war: Dosen mit dem ozonschädlichen Treibgas FCKW werden von den Kaufleuten aus dem Sortiment verbannt, phosphathaltige Waschmittel verschwinden aus den Regalen, und auch buntbedrucktes Toilettenpapier ist auf dem Rückzug. Ein Funke, der auf alle Inseln übersprang. „Sanfter Urlaub mit Köpfchen“ heißt etwa eine Broschüre auf der Insel Norderney, in der die Gäste unter anderem dazu angehalten werden, im Hotel auf das „umweltfreundliche Frühstück“ umzusteigen, das auf unzählige Plastikdöschen verzichtet. Erfolge, denen der Kieler Umweltminister Berndt Heydemann „Modellcharakter“ auch fürs Festland bescheinigt.

Dem „Prinzip der Vernetzung und des Verbunds“ verdanke auch die Natur ihre Lebenskraft, sagte der Minister in einer Ansprache anläßlich der Verleihung eines Umweltpreises an die Nordseeschutz-Streiter von Amrum. Doch für Klaus Jessen, einen der Preisträger, zeigt das Netz bereits Risse. „Offensichtlich sind einige mit der neuen Politik schlicht überfordert“, fürchtet er. Früher gab es mit den Mitteln aus Kiel gleich praktische Anweisungen, das war viel einfacher. Auf Amrum überraschen inzwischen bekannte Töne aus der Bundespolitik, etwa wenn die Abschaffung der Plastiktüten mit der Zielangabe 1990 versehen wird. „Unsere Kaufleute haben eben schon 100 000 Tüten geordert“, meint Jessen, „die müssen natürlich erstmal losgeschlagen werden.“ Umweltpolitische Anregungen hätten auf Amrum heute nur eine Chance, wenn sie sich schnell in ein gutes Image umsetzen ließen und nicht zu teuer seien. Überdies resignieren inzwischen viele. „Im Sommer saßen wir bei den Sitzungen manchmal mit vierzig Leuten, als die Saison zu Ende war, bröckelte das bis auf drei.“

Auf Sylt herrscht dagegen zum Saisonauftakt 1989 forsche Betriebsamkeit. Diese Woche wird ein neues Schutzprogramm vorgestellt. „Auf der Insel der Reichen und der Schönen gibt’s jetzt statt Champagner einen Leinenbeutel zur Begrüßung – das ist doch toll“, findet Klara Enns.

In Zukunft sollen neben den Inselbewohnern auch die Gäste eingespannt werden. Sie hofft, daß die Urlauber dann auch den Geist der kleinen Schritte mit nach Hause nehmen. „Bei uns rennen wir ja inzwischen offene Türen ein, aber wie sieht das denn in Dortmund oder Hamburg aus, da muß doch was passieren.“

An diesem Dossier haben mitgearbeitet: Hannes Gamillscheg (Kopenhagen), Reiner Luyken (Schottland), Claas Thomsen (Sylt) und Justus von Widekind (München)