Der Anschlag auf den Sonntag – Seite 1

Von Robert Spaemann

Artikel 140 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland sagt – in Übernahme des Artikels 139 der Weimarer Reichsverfassung –: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt."

"Seelische Erhebung", das klingt für unsere Ohren etwas altmodisch. Der Ausdruck hat indessen einen ziemlich präzisen Sinn, der im Folgenden noch erläutert wird. Noch ein anderes Wort aus dem Verfassungsartikel verdient Erwähnung. Der Artikel sagt nicht, der Sonntag sei oder werde geschützt. Er sagt, er bleibe geschützt. Das bedeutete damals wohl praktisch, daß die betreffenden gesetzlichen Bestimmungen der vorrepublikanischen Zeit in Kraft blieben. Äquivalente des Sonntags sollten ausgeschlossen bleiben. Das Wort erinnert aber auch daran, daß der Sonntag nicht eine Schöpfung des Staates ist, sondern ein sehr viel älteres und fundamentales Element unserer Zivilisation, das seine Existenz überhaupt nicht dem Staat verdankt, obwohl es auf dessen Schutz angewiesen ist. Es ist darin der Institution der Familie vergleichbar.

Wenn der Schutz des Sonntags heute gleichwohl in die Diskussion geraten ist, so ist dies in erster Linie der Tatsache zu verdanken, daß neue Produktionsmethoden eine Unterbrechung der Produktion verlustreicher machen als bisher. Die Frage taucht auf, ob der Sonntag nicht in größerem Umfang als bisher für die Produktion zur Verfügung stehen könne. Als Ersatz lockt – neben höherem Einkommen – unter Umständen mehr, wenn auch gleitende Freizeit.

Bei Fragen, deren Beantwortung von praktischer Relevanz ist, hängt in der Regel alles ab von der Weise, wie sie formuliert und wie die Begründungspflichten verteilt werden. In dieser anfänglichen Formulierung und in der Verteilung der Begründungspflichten liegt immer bereits eine Vorentscheidung. Es ist gerade in diesem Falle wichtig, sich diese Vorentscheidung bewußtzumachen. Für freie menschliche Wesen gibt es so etwas wie absolute Sachzwänge überhaupt nicht. In jedem Sachzwang steckt verborgen bereits ein von bestimmten Wünschen, Wertungen und Präferenzen geleiteter Wille. Wenn draußen ein Wolkenbruch ist und ich keinen Schirm habe, werde ich wahrscheinlich sagen: "Ich kann jetzt nicht vor die Tür gehen." In Wirklichkeit heißt das natürlich: "Ich will nicht vor die Tür gehen, weil ich nicht klatschnaß werden soll." Es kann aber sehr wohl sein, daß ich einen Termin erreichen muß, der wichtiger ist als der Wunsch, trocken zu bleiben. In diesem Fall entfällt augenblicklich der Sachzwang, und ich überlege nur noch, wie ich den Schaden möglichst gering halten kann.

Sachzwänge ergeben sich aus vorhergehenden Entscheidungen und Wertungen. Und wer Sachzwänge als etwas Absolutes behandelt, ist sich dessen entweder nicht bewußt, oder er will diese Entscheidungen und Wertungen bewußt verschleiern. Alle Fakten und Daten werden erst zu praxisrelevanten Faktoren, wenn sie eingeordnet werden in einen bereits bestehenden Praxiszusammenhang, in bereits getroffene Vorentscheidungen und Zielvorgaben.

Darum ist das erste, was zur gegenwärtigen Erörterung zu sagen ist, dies: Es gibt zwei ganz verschiedene Fragen, unter denen die gegenwärtige Situation erörtert werden kann:

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  • Die eine Frage würde lauten: "Was können und müssen wir tun, um den gesetzlichen Schutz des Sonntags als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung unter veränderten Bedingungen aufrechtzuerhalten und unter Umständen sogar effektiver als bisher zu gestalten?"
  • Die andere Frage würde ganz anders lauten, nämlich so: "Unter welchen Umständen sollten wir bereit sein, den gesetzlichen Schutz des Sonntags weiter als bisher einzuschränken, und welche Äquivalente wären wir bereit zu akzeptieren?"

Wenn die Entscheidung darüber, wie die Frage lauten soll, nicht vorab getroffen wird, dann fehlen die Koordinaten, innerhalb derer die zur Sprache gebrachten Fakten überhaupt einen Stellenwert bekommen. Sie machen uns dann mit Bezug auf das, was zu tun ist, nicht klüger. Die Gefahr besteht allerdings, daß sich ohne eine solche ausdrückliche und bewußte Entscheidung die zweite Form der Frage, also diejenige durchsetzt, die auf eine weitere Aushöhlung des Grundgesetzes hinausläuft. Denn sie liegt in einem mächtigen Trend. Sich dem Trend zu widersetzen hat für viele Menschen mit einem bestimmten Geschichtsbild den Beigeschmack des Vergeblichen, des Rückwärtsgewandten, der Donquichotterie.

Wir müssen uns jedoch klarmachen, daß alles Humane in der Welt, alle Struktur, alles Recht dem Trend abgerungen ist. Der universelle Trend der Welt wird formuliert durch den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Er besagt, daß der Automatismus jeder nicht bewußt gesteuerten Entwicklung auf Entstrukturierung, auf Unordnung, auf Nivellierung und am Ende auf Tod hinausläuft. Alles Organische, alles Leben, alles Humane geht in umgekehrte Richtung. Der Rechtsstaat ist eine große Unternehmung gegen den Trend, gegen das, was von selbst geschähe, wenn wir ihm nicht entgegenwirken. Was von selbst sich durchsetzt, ist allemal das Recht des Stärkeren. Wenn wir eine Antimonopolgesetzgebung haben, dann deshalb, weil wir wissen, daß der freien Marktwirtschaft eine Tendenz zur Selbstaufhebung innewohnt, die schon Karl Marx kannte. Eben dieser Tendenz zur Selbstzerstörung wirkt unser Gesetz entgegen.

Und mit einer solchen Tendenz zur Selbstzerstörung unserer Zivilisation haben wir es auch zu tun, wo der Sonntag zur Disposition gestellt werden soll. Daß er zur Diskussion gestellt wird, kann indessen nichts schaden. Es kann zu einer neuen Besinnung auf seinen Sinn führen und zu einer neuen Bemühung um seine sinnvolle Gestaltung.

Der gefährlichste Angriff auf den Sonntag geschieht in der Form einer scheinbar harmlosen, in Wirklichkeit jedoch heimtückischen Frage, der Frage: Was kostet uns der Sonntag? Dieser Angriff wirkt wie der Anschlag der alten Dame in Dürrenmatts Stück "Der Besuch der alten Dame". Die alte Dame setzt einfach einen exorbitant hohen Preis auf den Tod jenes Mannes, mit dem sie eine Rechnung zu begleichen hat. Die Mitbürger des Mannes weisen den unsittlichen Antrag zunächst entrüstet zurück. Die Dame reist ab, aber das Angebot wirkt wie ein langsames Gift. Gefallen sind die Würfel in dem Augenblick, da die Mitbürger sich zu fragen beginnen, was sie alle, was einen jeden von ihnen das Leben dieses Mannes kostet. Die Wahrheit ist natürlich, daß es sie gar nichts kostet, denn der Mann will ja nichts von ihnen. Aber der Sündenfall geschieht in dem Augenblick, da sie die ökonomische Denkweise, nach welcher entgangener Gewinn Verlust ist, auf das Leben eines Menschen ausdehnen. Sie haben ihn sozusagen gedanklich schon getötet, das Geld dafür kassiert und fühlen sich nun so, als müßten sie es wieder hergeben, wenn sie den Mann leben lassen. Und das ist ihnen zu teuer. Eine Milliarde für einen Menschen, ist das nicht ein bißchen viel? Bei dieser Rechnung ist klar, daß der Mann verloren ist.

Und bei dieser Rechnung ist auch der Sonntag verloren. Die Frage: "Was kostet uns der Sonntag?" oder "Wieviel wollen wir ihn uns höchstens kosten lassen?" ist eine heimtückische Frage, die selbst schon der entscheidende Anschlag auf den Sonntag ist. Der Sonntag ist nämlich gerade dadurch Sonntag, daß er nichts kostet und – im ökonomischen Sinne – nichts bringt. Die Frage, was sein Schutz als arbeitsfreier Tag kostet, setzt nämlich voraus, daß wir gedanklich den Sonntag bereits in einen Arbeitstag verwandelt haben und dann den Ertrag berechnen, den wir verlieren, wenn wir auf diesen Arbeitstag verzichten.

Aber eben diese Rechnung hat bereits den fundamentalen Sinn zerstört, der den Sonntag in den christlichen Ländern, den Samstag bei den Juden und den Freitag im Islam definiert. Dieser Sinn liegt darin, daß der Sonntag nicht Teil des funktionalen Systems unserer Daseinssorge ist. An diesem Tag sind wir nicht Knechte, sondern Herren. Nicht zu etwas gut, sondern einfach da, und alles andere ist gerade gut genug für uns. Die Nationalsozialisten hatten, wie einige sich erinnern mögen, eine Freizeitorganisation geschaffen mit dem Namen "Kraft durch Freude". Als Fünfzehnjährigem fiel mir bereits diese Funktionalisierung der Freude auf, und ich schrieb in einem Schulaufsatz, die Arbeitskraft sei doch wohl für die Freude da und nicht die Freude für die Arbeitskraft. Der Lehrer trennte, nachdem er mir eine Eins gegeben hatte, den Aufsatz aus dem Heft. Er hätte bei einer Inspektion zu Schwierigkeiten führen können. Heute wieder?

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Der Sonntag repräsentiert in unserem Lebensrhythmus das, was nicht funktional, nicht "gut zu etwas" ist, sondern das, was aller Funktionalität erst Sinn gibt. Der Sonntag repräsentiert den Sinn. Es gibt dagegen das Argument, solche nichtfunktionalen Elemente des Lebens seien archaische Fremdkörper, die nur Hindernisse auf dem Fortschritt zu einer befriedeten Menschheit darstellten.

Das Buch des amerikanischen Psychologen Skinner "Jenseits von Freiheit und Würde" bezeichnet Freiheit und Menschenwürde als solche irrationalen Relikte, die uns bei einer rationalen Durchorganisation der Gesellschaft eher hinderlich sind. Die Frage ist indessen, wer von uns in der totalitären Skinner-Welt leben möchte, in der es nur Arbeit, Konsum und manipuliertes Wohlbefinden gibt, aber Fragen nach dem Sinn des Ganzen nicht einmal mehr formuliert werden dürfen.

In der Tat: Freiheit und Menschenwürde sind "mystische" Begriffe, wenn wir unter mystisch das verstehen, was nicht funktional, nicht durch Zweckmäßigkeiten definiert werden kann, sondern was selbst den Zweck repräsentiert. Jedes Volk, jede Zivilisation lebt in ihrem Kern von einem solchen Mystischen oder Sakralen. Wir sprechen alle mit Schaudern von Menschen, denen nichts heilig ist, für die alles verwertbar und eine Frage der Zweckmäßigkeit ohne Zweck ist. Wo es das Mystische, das Heilige in der Mitte einer Kultur nicht gibt, da wird alles möglich: Jeder Wert hat seinen Preis. Der Preis des Heiligen aber, des Unbedingten ist immer zu hoch. Was kostet es uns, keine Sklaverei zu haben? Was kostet es uns,

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keine Menschenversuche machen zu können? Was kostet es uns, Grund und Boden für Friedhöfe auszuweisen? Was kostet es uns, alte Menschen und geistig Behinderte am Leben zu lassen?

Wenn das Grundgesetz den Sonntag als Tag "seelischer Erhebung" bezeichnet, dann heißt dies zuerst und vor allem: Es ist der Tag, an dem wir uns über die funktionalen Sachzwänge des Alltagslebens erheben und das Leben selbst feiern. Man könnte einwenden: Dazu braucht es nur irgendeinen freien Tag. Es muß nicht für die ganze Gesellschaft ein und derselbe Tag sein. Aber das ist ganz falsch. Freizeit kann man individuell konsumieren. Feier ist etwas Gemeinschaftliches. Niemand kann ganz für sich allein feiern. Der Sonntag als Mitte des Lebens einer Nation ist als gemeinsamer Feiertag das, was der Transformation des Volkes in eine individualistische Produktions- und Konsumgenossenschaft im Wege steht. Der Widerstand gegen diese Transformation formiert sich heute auf den verschiedenen Ebenen. Die sogenannte Alternativkultur ist einfach nur die Reaktion und der Ersatz für den Verlust der nichtfunktionalen Elemente in unserer Zivilisation. Ein solches Auseinanderfallen unserer Gesellschaft in angepaßte Bürger und Aussteiger können wir nicht wollen. Der Sonntag war seit Jahrtausenden das gemeinsame Aussteigen des ganzen Volkes aus der Welt der Sachzwänge, die unvermeidlich unser Leben bestimmen.

Der Ursprung des Sonntags liegt im mythischen Dunkel. Seine Heilighaltung wird im dritten der Zehn Gebote befohlen. Und was Sabbatruhe heißen kann, kann man noch im heutigen Israel erleben. Die Ruhe des 7. Tages wird in der Bibel begründet mit der Ruhe Gottes am 7. Tag nach Erschaffung aller Dinge. Es heißt, daß Gott am 7. Tag alles betrachtete, was er gemacht hatte, "und siehe, es war sehr gut". Und dann heißt es seltsamerweise: "Und Gott vollendete am 7. Tag das Werk, das er gemacht hatte!" Wieso dies? Es heißt doch, er ruhte am 7. Tag.

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Aber eben dies ist die Antwort: Es ist die Ruhe Gottes, seine Betrachtung der Welt, seine Freude an ihr, die das Werk vollendet. Erst in diesem "Und siehe, es war sehr gut" liegt die Vollendung. Die Ruhe des Sabbat und des christlichen Sonntags ist immer als Nachahmung der Ruhe Gottes verstanden worden. Nicht bloß als Verschnaufpause, sondern als der Tag, an dem die Welt eigentlich zu ihrem Sinn findet. An diesem Tag lassen wir nicht die Früchte unserer Arbeit von anderen betrachten, sondern betrachten sie selbst. Das heißt: Wir sind nicht Knechte, sondern Herren.

Marx hat einmal gesagt, die Philosophen hätten die Welt nur betrachtet, es komme darauf an, sie zu verändern. Darauf kann man nur sagen: Keine Veränderung verändert die Welt zum Besseren, die sie nicht so verändert, daß es sich erst recht lohnt, sie zu betrachten. Und da die Philosophie sie in der Tat nur betrachtet, nannte Hegel sie den "Sonntag des Lebens". Daß der Sonntag Tag der Vergegenwärtigung des Sinnes des Lebens ist, heißt, daß er von jeher der Tag der kollektiven Gottesverehrung war. Denn unter dem Namen "Gott" wird das verehrt, was allem bloß Funktionalen gegenüber und voraufliegt, das Unbedingte, ohne das Worte wie Freiheit, Menschenwürde, Heiligkeit des Lebens ihren Status verlieren. Das Grundgesetz hat deshalb nicht ohne Grund die Verantwortung vor Gott in seiner Präambel stehen. Der Sonntag ist die Weise, wie in den Ländern christlicher Herkunft, also in den Ländern Europas, den Ländern griechischer, römischer, germanischer, keltischer und slawischer Herkunft, die Gegenwart eines Unbedingten, nicht zur Disposition Stehenden symbolisch realisiert wird.

Daß tatsächlich in unserem Land nur eine Minderheit der Menschen sonntags zur Kirche geht, ändert nichts daran. Diese Minderheit ist nicht irgendeine Minderheit, sondern eine solche, deren Praxis für unsere Kultur als Ganzes von fundamentaler Bedeutung ist. Tatsächlich gehört ja die große Mehrheit unseres Volkes einer christlichen Kirche an, nimmt deren Dienste in entscheidenden Stadien des Lebens in Anspruch und möchte auf deren vielfältige soziale Leistungen nicht verzichten. Und auch von denjenigen unserer Mitbürger, die nie einen Gottesdienst besuchen, würde nur eine kleine Minderheit zustimmen, wenn die alten Kirchen ihrer ursprünglichen Bestimmung entfremdet und in weltliche Räume umfunktioniert würden. Die Mitte der Kirchen aber ist nicht das, was die Mehrheit an ihr schätzt, sondern die sonntägliche Gottesverehrung. Die Minderheit, die dies trägt, erhält das lebendig, was die Mehrheit nicht missen möchte. Und im übrigen ist der ebenfalls mystische Gedanke der Stellvertretung seit jeher ein für das Christentum zentraler Gedanke und eine zentrale Form des religiösen Handelns gewesen.

Es schien mir wichtig, von dem religiösen, mystischen, also nicht funktionalen Sinn des Sonntags zu sprechen. Das was die meisten Menschen bewegt, wenn sie Interesse an der Erhaltung des Sonntags zeigen, ist zunächst dies. Es sind die weitläufigen Folgewirkungen jenes Festes, die auch derjenige mitbekommt, der nach dem Grund dieser Wirkungen nie gefragt hat. Die wichtigste Wirkung ist wohl die, daß dieser Tag Menschen zusammenführt in jenen primären Formen der Gesellung, die nicht durch die Erfordernisse der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bedingt sind: Familie, Freundschaft, Vereine, Sport, Nachbarschaft. Und auch politische Gesinnungsgemeinschaft findet immer wieder sonntags ihre Realisierung. Daß die Parlamentswahlen bei uns des Sonntags stattfinden, hat ebenfalls einen guten Sinn. Sie auf den Samstag zu verlegen würde diesen Sinn zerstören. Denn Parlamentswahlen sind die Ereignisse, in denen das Volk alle vier Jahre einmal als Gesamtheit souverän in Erscheinung tritt. Gerade weil die Wahlen etwas anderes sind als Meinungsumfragen, gehören sie auf den Sonntag.

Nun gibt es noch einen letzten wichtigen Einwand gegen das sonntägliche Arbeitsverbot, nämlich der Hinweis darauf, daß dieses Verbot bereits vielfältig durchlöchert ist, daß bereits fast vier Millionen Menschen am Sonntag arbeiten. Vermutlich sind das bereits viel zu viele. Wo steht denn geschrieben, daß die Sonntagsarbeit sich nach einem geheimen Gesetz immer mehr ausweiten müsse? Es gibt nur ein solches Gesetz, nämlich eben jenes Entropiegesetz, nach welchem alles einem Zustand größtmöglicher Entstrukturierung, Nivellierung und Unordnung zustrebt, wenn nicht bestimmte Kräfte diesem Prozeß entgegenwirken. Alle Kultur beruht auf solcher Gegenwirkung. Und so muß der Gesetzgeber zweifellos von Zeit zu Zeit dem eingerissenen Verfall entgegensteuern und die Erlaubnis für Sonntagsarbeit an strikteren Maßstäben überprüfen.

Es gelten dafür wohl zwei Kriterien. Es gibt Arten der Arbeit, die erforderlich sind zur Erhaltung des Lebens und zur Erhaltung der Produktionsstätten, Bergwerke müssen am Absaufen gehindert werden, Universitäten ebenso wie Fabriken brauchen Tag- und Nachtwachen. Und vor allem muß Kranken auch sonntags geholfen werden. "Wer von euch", sagt Jesus im Evangelium, "dem sein Ochse in die Grube fällt, wird ihn nicht auch am Sabbat herausziehen?" In dieser Hinsicht gibt es heute sogar eine übertriebene Aussparung des Sonntags, genauer gesagt des "Wochenendes", denn der Samstag wird ja völlig unberechtigterweise immer mehr dem Sonntag gleichgestellt. Wenn Kinder nicht mehr sonntags geboren werden und Kranke in der Klinik sonntags nicht mehr sterben dürfen, dann ist das eine Perversion, hinter der natürlich überhaupt nicht so etwas wie Schutz des Sonntags steht, sondern einfach ein falsches Freizeitverständnis von Funktionären, die dem Beruf, um den es sich hier handelt, offenbar nicht innerlich verbunden sind.

Aber solche Erhaltungsarbeiten sind von Produktionstätigkeiten deutlich unterschieden. Es hat mich in Israel sehr beeindruckt, als ich in einem Kibbuz auf meine Anfrage nach der Arbeit am Sabbat erfuhr: "Wir melken natürlich unsere Kühe, weil das für die Kühe und für die Erhaltung der Milchproduktion notwendig ist, aber wir verkaufen niemals die am Sabbat gemolkene Milch. Ehe wir mit ihr ein Geschäft machen, schütten wir sie weg." Ich sage nicht, daß Christen so etwas tun sollten. Sie werden die so gewonnene Milch als Gabe Gottes mit Dank anrehmen. Aber die Juden ihrerseits bemerken sehr wohl die Gefahr, sich in die eigene Tasche zu lügen, während man sich in die eigene Tasche arbeitet.

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Der zweite, ungleich wichtigere Teil der Sonntagsarbeit ist die Arbeit nicht bloß am Sonntag, sondern für den Sonntag. Der Pfarrer, der Mesner und der Organist arbeiten für den Sonntag. Aber auch diejenigen, die das Sonntagsessen auf den Tisch bringen. (Müssen es immer die Mütter sein, die dasselbe auch schon werktags tun?) Alle, die die öffentlichen Verkehrsmittel in Betrieb halten, alle, die im Gaststättengewerbe arbeiten. Gewiß arbeiten auch sie am Sonntag für ihren Lebensunterhalt. Aber sie tun es mit Arbeiten, die für viele den Sonntag sonntäglicher machen. Und nur wenn und insofern sie das tun, ist die Arbeit am Sonntag gerechtfertigt.

Alles aber, was über diese beiden Kategorien hinausgeht, ist ein Anschlag auf den Sonntag und ein Verstoß gegen seinen verfassungsrechtlichen Schutz.

Und was nun die Produktionsmethoden betrifft, die bei Aussparung des Sonntags zu Einbußen führen, so kann die Frage nur lauten: Wie werden wir mit diesem Problem fertig unter der Voraussetzung, daß der Sonntag nun einmal nicht zur Disposition steht? Warum, so könnte man ja fragen, entwickelt man überhaupt eine Methode, die nur unter irrealen Voraussetzungen rentabel sein kann? Das tut doch sonst kein vernünftig kalkulierender Techniker. Er stellt zunächst die Gegebenheiten in Rechnung und entwickelt seine Verfahren mit Bezug auf diese Gegebenheiten. Wasserkraftwerke in einem Land ohne Wasser sind sinnlos. Offenbar muß doch jemand schon bei der Entwicklung solcher Verfahren auf einen siebten Arbeitstag spekuliert haben, den es in unserem Kulturkreis gar nicht gibt. Aber auch jetzt ist das Problem unter völliger Verschonung des Sonntags dann lösbar, wenn der Gesetzgeber davon ausgeht, daß er nicht in der Lage ist, über diesen Tag zu disponieren.

Zum Glück ist der Mensch, vor allem in einer freien Gesellschaft und Wirtschaft, unerhört erfindungsreich. Es gibt nur eine Bedingung für das Finden von Auswegen. Man muß das Bewußtsein haben, mit dem Rücken an der Wand zu stehen und nicht schon einen leichteren Ausweg zu haben. Welche erstaunlichen Erfindungen werden in Kriegen gemacht! Das ökologische Bewußtsein der letzten Jahre hat der Industrie völlig neue Wege gewiesen, weil plötzlich Naturressourcen nicht mehr zur freien Verfügung stehen, die bisher zur Verfügung standen. Und daß Natur etwas anderes ist als bloße Ressource für menschliche Produktivität, das ist in den letzten Jahren immer mehr ins Bewußtsein gekommen.

Schon dürfen alte Bäume in Städten nicht mehr gefällt werden. Sie scheiden aus den Nutzen-Kosten-Rechnungen aus als Gegebenheiten, die unserer jederzeitigen Disposition entzogen sind. Und gerade die jüngere Generation besteht darauf, daß sie aus diesem Kalkül ausscheidet. Der Sonntag ist wie ein Baum, in dessen Schatten wir seit jeher auszuruhen gewohnt sind. Als Ressource darüber hinaus steht er nicht zur Verfügung. Nur wenn das ohne Wenn und Aber klar ist, nur dann werden Wege gefunden, auch ohne einen siebten Arbeitstag zu leben.

Vortrag auf einer Anhörung der CDU-Fraktion des Landtages von Baden-Württemberg am 21. Juni 1988.