• Die eine Frage würde lauten: "Was können und müssen wir tun, um den gesetzlichen Schutz des Sonntags als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung unter veränderten Bedingungen aufrechtzuerhalten und unter Umständen sogar effektiver als bisher zu gestalten?"
  • Die andere Frage würde ganz anders lauten, nämlich so: "Unter welchen Umständen sollten wir bereit sein, den gesetzlichen Schutz des Sonntags weiter als bisher einzuschränken, und welche Äquivalente wären wir bereit zu akzeptieren?"

Wenn die Entscheidung darüber, wie die Frage lauten soll, nicht vorab getroffen wird, dann fehlen die Koordinaten, innerhalb derer die zur Sprache gebrachten Fakten überhaupt einen Stellenwert bekommen. Sie machen uns dann mit Bezug auf das, was zu tun ist, nicht klüger. Die Gefahr besteht allerdings, daß sich ohne eine solche ausdrückliche und bewußte Entscheidung die zweite Form der Frage, also diejenige durchsetzt, die auf eine weitere Aushöhlung des Grundgesetzes hinausläuft. Denn sie liegt in einem mächtigen Trend. Sich dem Trend zu widersetzen hat für viele Menschen mit einem bestimmten Geschichtsbild den Beigeschmack des Vergeblichen, des Rückwärtsgewandten, der Donquichotterie.

Wir müssen uns jedoch klarmachen, daß alles Humane in der Welt, alle Struktur, alles Recht dem Trend abgerungen ist. Der universelle Trend der Welt wird formuliert durch den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Er besagt, daß der Automatismus jeder nicht bewußt gesteuerten Entwicklung auf Entstrukturierung, auf Unordnung, auf Nivellierung und am Ende auf Tod hinausläuft. Alles Organische, alles Leben, alles Humane geht in umgekehrte Richtung. Der Rechtsstaat ist eine große Unternehmung gegen den Trend, gegen das, was von selbst geschähe, wenn wir ihm nicht entgegenwirken. Was von selbst sich durchsetzt, ist allemal das Recht des Stärkeren. Wenn wir eine Antimonopolgesetzgebung haben, dann deshalb, weil wir wissen, daß der freien Marktwirtschaft eine Tendenz zur Selbstaufhebung innewohnt, die schon Karl Marx kannte. Eben dieser Tendenz zur Selbstzerstörung wirkt unser Gesetz entgegen.

Und mit einer solchen Tendenz zur Selbstzerstörung unserer Zivilisation haben wir es auch zu tun, wo der Sonntag zur Disposition gestellt werden soll. Daß er zur Diskussion gestellt wird, kann indessen nichts schaden. Es kann zu einer neuen Besinnung auf seinen Sinn führen und zu einer neuen Bemühung um seine sinnvolle Gestaltung.

Der gefährlichste Angriff auf den Sonntag geschieht in der Form einer scheinbar harmlosen, in Wirklichkeit jedoch heimtückischen Frage, der Frage: Was kostet uns der Sonntag? Dieser Angriff wirkt wie der Anschlag der alten Dame in Dürrenmatts Stück "Der Besuch der alten Dame". Die alte Dame setzt einfach einen exorbitant hohen Preis auf den Tod jenes Mannes, mit dem sie eine Rechnung zu begleichen hat. Die Mitbürger des Mannes weisen den unsittlichen Antrag zunächst entrüstet zurück. Die Dame reist ab, aber das Angebot wirkt wie ein langsames Gift. Gefallen sind die Würfel in dem Augenblick, da die Mitbürger sich zu fragen beginnen, was sie alle, was einen jeden von ihnen das Leben dieses Mannes kostet. Die Wahrheit ist natürlich, daß es sie gar nichts kostet, denn der Mann will ja nichts von ihnen. Aber der Sündenfall geschieht in dem Augenblick, da sie die ökonomische Denkweise, nach welcher entgangener Gewinn Verlust ist, auf das Leben eines Menschen ausdehnen. Sie haben ihn sozusagen gedanklich schon getötet, das Geld dafür kassiert und fühlen sich nun so, als müßten sie es wieder hergeben, wenn sie den Mann leben lassen. Und das ist ihnen zu teuer. Eine Milliarde für einen Menschen, ist das nicht ein bißchen viel? Bei dieser Rechnung ist klar, daß der Mann verloren ist.

Und bei dieser Rechnung ist auch der Sonntag verloren. Die Frage: "Was kostet uns der Sonntag?" oder "Wieviel wollen wir ihn uns höchstens kosten lassen?" ist eine heimtückische Frage, die selbst schon der entscheidende Anschlag auf den Sonntag ist. Der Sonntag ist nämlich gerade dadurch Sonntag, daß er nichts kostet und – im ökonomischen Sinne – nichts bringt. Die Frage, was sein Schutz als arbeitsfreier Tag kostet, setzt nämlich voraus, daß wir gedanklich den Sonntag bereits in einen Arbeitstag verwandelt haben und dann den Ertrag berechnen, den wir verlieren, wenn wir auf diesen Arbeitstag verzichten.

Aber eben diese Rechnung hat bereits den fundamentalen Sinn zerstört, der den Sonntag in den christlichen Ländern, den Samstag bei den Juden und den Freitag im Islam definiert. Dieser Sinn liegt darin, daß der Sonntag nicht Teil des funktionalen Systems unserer Daseinssorge ist. An diesem Tag sind wir nicht Knechte, sondern Herren. Nicht zu etwas gut, sondern einfach da, und alles andere ist gerade gut genug für uns. Die Nationalsozialisten hatten, wie einige sich erinnern mögen, eine Freizeitorganisation geschaffen mit dem Namen "Kraft durch Freude". Als Fünfzehnjährigem fiel mir bereits diese Funktionalisierung der Freude auf, und ich schrieb in einem Schulaufsatz, die Arbeitskraft sei doch wohl für die Freude da und nicht die Freude für die Arbeitskraft. Der Lehrer trennte, nachdem er mir eine Eins gegeben hatte, den Aufsatz aus dem Heft. Er hätte bei einer Inspektion zu Schwierigkeiten führen können. Heute wieder?