Aber eben dies ist die Antwort: Es ist die Ruhe Gottes, seine Betrachtung der Welt, seine Freude an ihr, die das Werk vollendet. Erst in diesem "Und siehe, es war sehr gut" liegt die Vollendung. Die Ruhe des Sabbat und des christlichen Sonntags ist immer als Nachahmung der Ruhe Gottes verstanden worden. Nicht bloß als Verschnaufpause, sondern als der Tag, an dem die Welt eigentlich zu ihrem Sinn findet. An diesem Tag lassen wir nicht die Früchte unserer Arbeit von anderen betrachten, sondern betrachten sie selbst. Das heißt: Wir sind nicht Knechte, sondern Herren.

Marx hat einmal gesagt, die Philosophen hätten die Welt nur betrachtet, es komme darauf an, sie zu verändern. Darauf kann man nur sagen: Keine Veränderung verändert die Welt zum Besseren, die sie nicht so verändert, daß es sich erst recht lohnt, sie zu betrachten. Und da die Philosophie sie in der Tat nur betrachtet, nannte Hegel sie den "Sonntag des Lebens". Daß der Sonntag Tag der Vergegenwärtigung des Sinnes des Lebens ist, heißt, daß er von jeher der Tag der kollektiven Gottesverehrung war. Denn unter dem Namen "Gott" wird das verehrt, was allem bloß Funktionalen gegenüber und voraufliegt, das Unbedingte, ohne das Worte wie Freiheit, Menschenwürde, Heiligkeit des Lebens ihren Status verlieren. Das Grundgesetz hat deshalb nicht ohne Grund die Verantwortung vor Gott in seiner Präambel stehen. Der Sonntag ist die Weise, wie in den Ländern christlicher Herkunft, also in den Ländern Europas, den Ländern griechischer, römischer, germanischer, keltischer und slawischer Herkunft, die Gegenwart eines Unbedingten, nicht zur Disposition Stehenden symbolisch realisiert wird.

Daß tatsächlich in unserem Land nur eine Minderheit der Menschen sonntags zur Kirche geht, ändert nichts daran. Diese Minderheit ist nicht irgendeine Minderheit, sondern eine solche, deren Praxis für unsere Kultur als Ganzes von fundamentaler Bedeutung ist. Tatsächlich gehört ja die große Mehrheit unseres Volkes einer christlichen Kirche an, nimmt deren Dienste in entscheidenden Stadien des Lebens in Anspruch und möchte auf deren vielfältige soziale Leistungen nicht verzichten. Und auch von denjenigen unserer Mitbürger, die nie einen Gottesdienst besuchen, würde nur eine kleine Minderheit zustimmen, wenn die alten Kirchen ihrer ursprünglichen Bestimmung entfremdet und in weltliche Räume umfunktioniert würden. Die Mitte der Kirchen aber ist nicht das, was die Mehrheit an ihr schätzt, sondern die sonntägliche Gottesverehrung. Die Minderheit, die dies trägt, erhält das lebendig, was die Mehrheit nicht missen möchte. Und im übrigen ist der ebenfalls mystische Gedanke der Stellvertretung seit jeher ein für das Christentum zentraler Gedanke und eine zentrale Form des religiösen Handelns gewesen.

Es schien mir wichtig, von dem religiösen, mystischen, also nicht funktionalen Sinn des Sonntags zu sprechen. Das was die meisten Menschen bewegt, wenn sie Interesse an der Erhaltung des Sonntags zeigen, ist zunächst dies. Es sind die weitläufigen Folgewirkungen jenes Festes, die auch derjenige mitbekommt, der nach dem Grund dieser Wirkungen nie gefragt hat. Die wichtigste Wirkung ist wohl die, daß dieser Tag Menschen zusammenführt in jenen primären Formen der Gesellung, die nicht durch die Erfordernisse der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bedingt sind: Familie, Freundschaft, Vereine, Sport, Nachbarschaft. Und auch politische Gesinnungsgemeinschaft findet immer wieder sonntags ihre Realisierung. Daß die Parlamentswahlen bei uns des Sonntags stattfinden, hat ebenfalls einen guten Sinn. Sie auf den Samstag zu verlegen würde diesen Sinn zerstören. Denn Parlamentswahlen sind die Ereignisse, in denen das Volk alle vier Jahre einmal als Gesamtheit souverän in Erscheinung tritt. Gerade weil die Wahlen etwas anderes sind als Meinungsumfragen, gehören sie auf den Sonntag.

Nun gibt es noch einen letzten wichtigen Einwand gegen das sonntägliche Arbeitsverbot, nämlich der Hinweis darauf, daß dieses Verbot bereits vielfältig durchlöchert ist, daß bereits fast vier Millionen Menschen am Sonntag arbeiten. Vermutlich sind das bereits viel zu viele. Wo steht denn geschrieben, daß die Sonntagsarbeit sich nach einem geheimen Gesetz immer mehr ausweiten müsse? Es gibt nur ein solches Gesetz, nämlich eben jenes Entropiegesetz, nach welchem alles einem Zustand größtmöglicher Entstrukturierung, Nivellierung und Unordnung zustrebt, wenn nicht bestimmte Kräfte diesem Prozeß entgegenwirken. Alle Kultur beruht auf solcher Gegenwirkung. Und so muß der Gesetzgeber zweifellos von Zeit zu Zeit dem eingerissenen Verfall entgegensteuern und die Erlaubnis für Sonntagsarbeit an strikteren Maßstäben überprüfen.

Es gelten dafür wohl zwei Kriterien. Es gibt Arten der Arbeit, die erforderlich sind zur Erhaltung des Lebens und zur Erhaltung der Produktionsstätten, Bergwerke müssen am Absaufen gehindert werden, Universitäten ebenso wie Fabriken brauchen Tag- und Nachtwachen. Und vor allem muß Kranken auch sonntags geholfen werden. "Wer von euch", sagt Jesus im Evangelium, "dem sein Ochse in die Grube fällt, wird ihn nicht auch am Sabbat herausziehen?" In dieser Hinsicht gibt es heute sogar eine übertriebene Aussparung des Sonntags, genauer gesagt des "Wochenendes", denn der Samstag wird ja völlig unberechtigterweise immer mehr dem Sonntag gleichgestellt. Wenn Kinder nicht mehr sonntags geboren werden und Kranke in der Klinik sonntags nicht mehr sterben dürfen, dann ist das eine Perversion, hinter der natürlich überhaupt nicht so etwas wie Schutz des Sonntags steht, sondern einfach ein falsches Freizeitverständnis von Funktionären, die dem Beruf, um den es sich hier handelt, offenbar nicht innerlich verbunden sind.

Aber solche Erhaltungsarbeiten sind von Produktionstätigkeiten deutlich unterschieden. Es hat mich in Israel sehr beeindruckt, als ich in einem Kibbuz auf meine Anfrage nach der Arbeit am Sabbat erfuhr: "Wir melken natürlich unsere Kühe, weil das für die Kühe und für die Erhaltung der Milchproduktion notwendig ist, aber wir verkaufen niemals die am Sabbat gemolkene Milch. Ehe wir mit ihr ein Geschäft machen, schütten wir sie weg." Ich sage nicht, daß Christen so etwas tun sollten. Sie werden die so gewonnene Milch als Gabe Gottes mit Dank anrehmen. Aber die Juden ihrerseits bemerken sehr wohl die Gefahr, sich in die eigene Tasche zu lügen, während man sich in die eigene Tasche arbeitet.