Von Christoph Türcke

Theismus – Atheismus: zwei klar umrissene, einander entgegengesetzte Begriffe? Für Hans Blumenberg eher zwei hölzerne Schubladen aus der Werkstatt der Metaphysik, in die Entscheidendes nicht paßt. Und sogleich hat er ein schlagendes Beispiel zur Hand. Was geht eigentlich in jenem aufgeklärten Zeitgenossen vor, der weder an die christliche Lehre glauben noch verhindern kann, daß Bachs Matthäuspassion ihn tief ergreift? Natürlich ist es die Vertonung der Passion, ihre Verwandlung in Musik, die ihm da zu Herzen geht, aber diese Musik ist nur ergreifend durch den Inhalt, den sie vertont; auf la la gesungen rührte sie keinen. Also ist es die Passion des Gottessohnes selbst, die durch die Musik hindurch auch den noch zu ergreifen vermag, der an keinen Gott und Gottessohn glaubt. Seine Ergriffenheit läßt sich nicht auf ein ästhetisches, von allem Religiösen keimfrei gereinigtes Phänomen reduzieren.

Der atheistische, ergriffene Hörer von Bachs Matthäuspassion markiert den Indifferenzpunkt von Theismus und Atheismus: den Standpunkt, von dem aus Blumenberg Religionsphilosophie betreibt und der jüdisch-christlichen Tradition auf ungewohnte Weise an den Nerv geht. "Der nachchristliche Hörer der Matthäuspassion wird von der obsoleten Frage, was denn an dieser Geschichte wahr ist, wohl weniger bewegt werden als von der, was denn an ihr wahr sein darf. War ein Gott im Spiel des blutigen Ernstes – kann er es geblieben sein? Was bedeutet, ihn so zu nennen, wenn er in dieser Geschichte vorkam, sie verfügte, sie sich zur Versöhnung und anderen zum Heil dienen ließ?" Blumenbergs Buch ist darauf die weitschweifige Antwort. Er spielt durch, was aus der Vereinigung des Unvereinbaren, nämlich Passion und Gott, folgt. Zunächst einmal, zumal in Bachscher Vertonung, ein ergreifendes Schauspiel. Aber gerade der Hörer, der sich vom Musik gewordenen Leiden und Sterben Jesu gefangennehmen läßt, sträubt sich auch dagegen: "Das hätte ihm und uns erspart bleiben sollen." Und das ist ebenso eine Regung des Mitleidens wie des Unglaubens. Ein Gott, der nur durch dies Äußerste, die Hingabe seines Sohnes, die Welt wieder zurechtrücken konnte, stellt seiner Schöpfung kein gutes Zeugnis aus. "War vorgesehen gewesen, über die Welt Gericht zu halten und sie wieder vergehen zu lassen, als sie am letzten Schöpfungstag für ‚sehr gut‘ befunden worden war? Oder war nicht gerade dies der Ausschluß von Gerichtsbedarf und Vernichtungswürdigkeit?" "In der Passion scheitert die Schöpfung." "Alles, was ‚Gnade‘ heißen wird, hat seinen ‚zureichenden Grund‘ im Mißlingen der Welt."

Was also setzt Bach da eigentlich in Musik: das Mißlingen der Welt oder ihre Rettung? Die Frage stellt sich um so dringlicher, als das Kunstwerk aus theologischer Sicht gleichsam zu früh aufhört: "Bachs Passion endet mit dem versiegelten, nicht mit dem leeren Grab." Gerade aus dieser Beschrankung aber zieht sie Kraft. Eine Hinzunahme von Auferstehung und Himmelfahrt hätte "dem Realismus der Passion nicht gutgetan: für einen Gott nach allem ein zu billiger Triumph, für den am Kreuz Gestorbenen ein übereilter Widerruf des ernsthaft Erlittenen. Welch frommer, ja weiser Verzicht, daß die Matthäuspassion mit der Versiegelung des Steines und den Tränen der Verlassenen schließt. Als sei es für immer, rufen beide Chore dem im Grabe nach:Ruhe sanfte, sanfte ruh’!" Und dieser fromme Verzicht ähnelt zum Verwechseln dem unfrommen "Standpunkt der Junger": "die Episoden des dreifachen Jungerschlafs, des Judasverrats, der dreimaligen Petrusverleugnung, der Abwesenheit der Jünger während der restlichen Passion" stehen "ganz im Dienst der gestalthaften Evidenz, daß sie alles dies nicht als Sache des Heils, am wenigsten des ihrigen, erkannten und anerkannten. Sie sind die Repräsentanten des Unglaubens. Darin machen sie es dem Ungläubigen ein Vierteljahrtausend nach Bach möglich, die Passion ... zu rezipieren." "Es gibt eine Via negationis der Rezeption; es ist die Via regia des Hörers der Matthäuspassion. Er läßt sich nicht mehr sagen, so hätte es eben sein müssen, um einen Gott umzustimmen." Daß die Welt anders sein müßte als sie ist – eines solchen Wunsches hat ihn die Musik überhoben.

Der Königsweg des Matthäuspassionshörers, der ergriffen ist, an seiner Ergriffenheit aber auch genug hat, sie als die abgründige Indifferenz von Theismus und Atheismus weiß und genießt, sich damit aber auch indifferent gegen die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer besseren Welt verhält – dies ist der Königsweg, auf dem Blumenberg uns durch die orthodoxen und apokryphen Gefilde der jüdisch-christlichen Tradition führt: mit unerhörter Gelehrsamkeit, mit Anleihen an Thomas Mannscher Ironie, mit Anekdoten, unerwarteten Sprüngen durch Jahrhunderte und Jahrtausende und mit zielsicherem Blickwechsel, sobald politische Brisanz an einem Thema aufleuchten könnte. Es ist eine jeder konkreten Gesellschaft entrückte, mit Musik erfüllte Seele, die da auf ihrem Königsweg lustwandelt. Nichts von dem, was ihr begegnet, macht ihr ernstlich zu schaffen. Immer wieder kreist sie um die Unmöglichkeit einer guten und doch korrumpierbaren Schöpfung, den Widersinn eines verlierbaren Paradieses; sie kreist um die absurde Bereitschaft Abrahams, seinen Sohn Isaak zu schlachten, um die Paradoxie eines Gottes, der Opfer verlangt wie die eines Gottes, der Opfer bringt, um das Unglaubwürdige des Glaubens, der Messias sei schon gekommen wie des Glaubens, er werde kommen.

Zu wenig bekannte Kleinodien der Tradition werden ausgegraben: Etwa eine koptische Paulusapokalypse, die den Heidenapostel beim Anblick der Verdammten weinen läßt und ihn mit der Frage konfrontiert: "Warum weinst du? Bist du barmherziger als Gott?" Oder das angebliche Jesuswort aus den Actus Vercellenses: "Die mit mir sind, haben mich nicht verstanden." Oder die Geschichte des portugiesischen Predigers Pinheiro da Veiga. "Alljährlich vermochte er die Hörer seiner Passionspredigten bis zum Weinen zu treiben. Diese Wirkung aber schlug auf ihn zurück. Ihn erfaßte nun nach dem Mitleid mit dem gemarterten und sterbenden Erlöser das Mitleid mit den Mitleidenden. So entschloß er sich zu einem theologisch ebenso gewagten wie letztendlich zulässigen Mittel der Barmherzigkeit: Ihr sollt nicht weinen, Brüder! Hört auf zu weinen! Der liebe Gott wird es gewiß so fügen, daß all dies nicht wahr ist." Oder der verwegene Gottesbeweis von Emile Michel Cioran: "Wenn wir Bach hören, stehen wir Gott aufkeimen, sein Werk ist gottheit gebärend. Nach einem Oratorium, einer Kantate oder einer Passion muß er existieren. Sonst wäre das gesamte Werk des Kantors eine zerreißende Illusion."

Solche Kleinodien des Atheismus im Christentum oder des gläubigen Unglaubens sind bei Blumenberg nicht mehr, wie bei Bloch, auf geistige und materielle Befreiung hin zusammengenommen; sie sind auch nicht mehr, wie bei Thomas Mann, mit dem er kokettiert, verwoben in abgründig-ironische Erzählkomposition; sie sind auch nicht mehr, wie bei Kafka, Chiffren eines die Subjektivität atemberaubend einschnürenden Weltzustands. Sondern sie werden ausgebreitet, meditativ, assoziativ, humorig umspielt und schließlich verspielt durch eine Darstellungsweise, die so etwas wie aphoristisch-narrrative, sich von der begrifflichen Verknöcherung lösende Philosophie sein will. Was aber herauskommt, ist Philosophie im grandseigneuralen Plauderton, und wir erleben das Kunststück, wie die ernsthaftesten Paradoxien von Glaube und Unglaube, von Rettung und Verderben aufs Geistreichste ins Medium gepflegter Konversation übertragen werden, mit der ein saturierter Skeptiker in jedem philosophischen Salon glänzen kann.