Espelkamp – Sowjetdeutsche am Ort der Verheißung

Von Roland Kirbach

Johann Epp hat die Begriffe in der letzten Zeit mal gesammelt und aufgeschrieben. "Wer bin ich?" fragt er und liest vom Blatt: "Aussiedler? Umsiedler? Spätaussiedler? Deutschstämmiger? Wolgadeutscher? Russe? Russischer Bürger deutscher Zunge?" Und so weiter. Vor allem "Russe" kränkt ihn; in der Lokalzeitung stand das Wort, und gemeint waren Menschen wie er. "Auch ‚Aussiedler‘ ist mir peinlich", sagt Epp. In der Sowjetunion wußte er zeitlebens, wer beziehungsweise was er ist: "Dort bleiben Sie immer Deutscher, ob Sie wollen oder nicht." Hier in der Bundesrepublik weiß er nun nicht mehr, woran er ist. "Heimkehrer wär’ ich gern", sagt er leise und legt sein Blatt aus der Hand. Seit dreizehn Jahren lebt er in Deutschland; "seit zwei, drei Jahren’, sagt er, "spüre ich diese Feindseligkeit".

Johann Epp stammt "noch aus dem vorigen Jahrhundert", wie er sagt; er ist Jahrgang 1898. Doch die 91 Jahre sieht man ihm nicht an. Geboren und aufgewachsen ist er in einem Dorf am Dnjepr in der Ukraine. Als die Deutschen das Land überfielen, übernahm Epp die Verwaltung der Wehrmacht in seinem "Rayon", seinem Bezirk. Und als die Wehrmacht das Land wieder verließ, gingen er und seine Familie mit. Bis Leipzig kamen die Epps. Dort waren bereits amerikanische Besatzungstruppen und übergaben den Sowjets, ihren damaligen Verbündeten, die Flüchtlinge. In ihre Heimat in der Ukraine durften sie jedoch nicht zurück; die Epps wurden in den Nord-Ural verbannt und standen fortan unter Aufsicht.

Johann Epp wurde wegen "Verrats der sozialistischen Heimat" verurteilt und inhaftiert. Kurz nach Stalins Tod kam er 1954 frei; zwei seiner Brüder sind im Lager umgekommen. "Wir wollten immer nur raus, raus", sagt er. Gleich nach seiner Entlassung stellte er den ersten Ausreiseantrag – vergeblich. Sein dritter Antrag hatte zwei Jahrzehnte später schließlich Erfolg: 1976 durfte Johann Epp mit seiner Frau die Sowjetunion verlassen.

Wohin sie gehen wollten, hatte für die Epps immer festgestanden: nach Espelkamp. Der Name dieser Stadt im nördlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens im Kreis Minden-Lübbecke ist bis in den hintersten Winkel der Sowjetunion ein Begriff. Den in Kasachstan und Kirgisien lebenden Deutschen bedeutet er Verheißung, das Ziel ihrer Wünsche.

"Hast du schon mal versucht, sonntags morgens einen Parkplatz zu finden?" fragt abends beim Bier im städtischen Jugendzentrum von Espelkamp der 29jährige Peter. Rund um Espelkamps Kirchen sei dann alles zugeparkt – "und alles dicke Schlitten". Die Versicherungen räumten den Aussiedlern sofort einen Beitragssatz von nur vierzig Prozent ein, obwohl die meisten der Neuankömmlinge mit den hiesigen Verkehrsverhältnissen überfordert seien. Er, Peter, parke sein Auto zum Beispiel nicht mehr draußen bei Allkauf, dem Supermarkt vor der Stadt. Das Auto seiner Mutter sei dort schon zweimal gerammt worden.

Je mehr Aussiedler in die Stadt kommen, desto aggressiver wird die Stimmung. Der Einzelhandel hat sich auf die Bedürfnisse der neuen Bürger eingestellt, das heißt, im Vordergrund steht die Grundversorgung. "Ein nobles Damenmodengeschäft hat sich nur drei Monate gehalten", berichtete Friedrich-Wilhelm Grevel von der Aussiedler-Beratungsstelle des Diakonischen Werks. "Der Mittelstand kann hier seine Bedürfnisse nicht befriedigen." Die Aussiedler wiederum reagieren aggressiv auf die Tatsache, daß in der Stadt auch Türken und andere Ausländer leben. Um die Situation zu entschärfen, bekommt Espelkamp seit einiger Zeit keine Asylbewerber mehr zugewiesen.

Die Stadt steht auf dem Gelände einer ehemaligen "Munitionsanstalt" der Nazis, kurz "Muna" genannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden hier Sprengstoff- und Giftgasgranaten hergestellt und Munition gelagert. Im März 1945 weigerte sich der damalige Kommandant, Hitlers Befehl auszuführen und die "Muna" zu sprengen. Unabsehbares Unheil für die in Barackenlagern lebenden Arbeiter wurde so abgewendet. Unversehrt kam die Anlage in die Hände der Briten, die nun ihrerseits die "Muna" zerstören wollten, denn nach den Entmilitarisierungsbestimmungen des Potsdamer Abkommens waren alle Kriegsanlagen zu vernichten.

Auf Drängen des Evangelischen Hilfswerks von Westfalen und der Evangelischen Kirche verzichtete der britische Militärgouverneur jedoch auf die Zerstörung und willigte ein, aus der "Muna" ein "zweites Bethel" mit Heimen und Pflegeanstalten zu machen. Später wurde der Plan zugunsten einer "industriellen Siedlung" aufgegeben. Arbeitsplätze und Wohnungen für Vertriebene und Flüchtlinge sollten nun hier entstehen. Gemeinsam gründeten die Evangelische Kirche und das Land Nordrhein-Westfalen die "Aufbaugemeinschaft Espelkamp". Ihr Ziel: "Ein Beispiel zu schaffen, wie eine bisher Kriegszwecken dienende Liegenschaft friedlichen, vom Geist des Christentums der Tat getragenen Zielen zugeführt werden kann." Stadtdirektor Horst Eller (SPD), seit 1967 im Amt, nennt Espelkamp "ein überzeugendes Beispiel für die aus dem Christsein erwachsene Hilfe".

Binnen kurzem wuchs auf dem sechzig Hektar großen Gelände der "Muna" mit seinen 130 Gebäuden und einem 20 Kilometer langen Straßennetz eine über 10 000 Einwohner zählende Stadt. Zahlreiche Industrie- und Handwerksbetriebe siedelten sich an, Einzelhandelsgeschäfte folgten. Die neue Gemeinschaft formierte sich aus Schlesiern, West- und Ostpreußen, Pommern, Sudetendeutschen, Balten, DDR-Flüchtlingen und mehr und mehr Westfalen. Gemäß einem Gemeinderatsbeschluß tragen die Straßen fast ausschließlich Namen ehemals ostdeutscher Städte.

Mittlerweile ist Espelkamp an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit gelangt. Die "Aufbaugemeinschaft", die immer noch existiert und heute eine gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft des Landes, des Diakonischen Werks und der Evangelischen Kirche ist, beschloß soeben den Bau von mehreren hundert Aussiedlerwohnungen; in einem neuen Übergangsheim wurde kürzlich Richtfest gefeiert. Weitaus gravierender jedoch sind die sozialen Folgen des starken Aussiedler-Zustroms. Der Geschäftsführer der "Aufbaugemeinschaft", Marko Ciauder, formuliert es so: "Die Alteingesessenen haben mit den Neuankömmlingen noch nicht ihren Frieden gemacht."

Diejenigen Einwohner, die Espelkamp 1945 und danach mitaufgebaut haben, nennen sich heute – wiewohl selbst Vertriebene oder Flüchtlinge – "Einheimische" und empfangen die "Neubürger" – so die städtische Sprachregelung – mit ungeheurer Feindseligkeit. "Wir haben alles aufgebaut, uns wurde nichts geschenkt, und denen wird alles nachgeworfen", lautet der Tenor. Geschäftsführer Ciauder berichtet, daß Landwirtschaftsangehörige Anspruch auf ein sogenanntes Siedlungsdarlehen haben, bis zu maximal 200 000 Mark bei nur zweieinhalb Prozent Zinsen. Wer nachweisen kann, daß er in der Sowjetunion in Lagerhaft saß, hat zudem Anspruch auf "Häftlingshilfe-Entschädigung". Viele der Aussiedler nehmen daher ziemlich rasch den Eigenheimbau in Angriff. Mehr als die Hälfte der Häuser in Espelkamp, sagt Ciauder, sind Wohneigentum: "Die monatliche Belastung liegt oftmals nicht über 700 Mark."

"Meine Eltern hatten’s nicht so leicht", sagt der neunzehnjährige Gerd im Jugendzentrum, das in einem Flachdachbau der alten "Muna" untergebracht ist und beklemmende Assoziationen an Kommandantur auslöst. Die Jugend der Stadt trifft sich hier, das heißt, nur die der "Einheimischen"; Kinder von Aussiedlern, insbesondere von Mennoniten, sind hier noch nicht gesehen worden. "Meine Eltern sind schwer dagegen, daß die jetzt alle kommen", sagt Gerd.

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Die überwältigende Mehrheit der Neuankömmlinge in Espelkamp sind Deutschstämmige mennonitischen Glaubens aus der Sowjetunion. Schon 1948 waren aus den USA die ersten Mennoniten nach Espelkamp gekommen. Einige Zeit später waren ihnen Glaubensbrüder aus Paraguay und Uruguay gefolgt – Deutschstämmige aus der Sowjetunion, die mit der Wehrmacht das Land verlassen hatten und aus Furcht vor Rückführung weiter nach Südamerika geflohen waren. Dort zwangen die harten wirtschaftlichen und klimatischen Bedingungen sie jedoch bald zur Aufgabe ihrer Existenz. In Espelkamp fanden sie ihre neue Heimat.

Ihnen folgten Verwandte, nicht nur aus Südamerika, sondern vor allem aus der Sowjetunion. Deren Vorfahren waren vor 200 Jahren nach Rußland ausgewandert, nachdem Zarin Katharina II. ihnen Religionsfreiheit und Freistellung von allen "gewöhnlichen und außerordentlichen Diensten" zugesichert hatte; in Deutschland waren sie von ihren Fürsten wegen ihres Glaubens unterdrückt worden. Als Folge des deutsch-französischen Krieges und der Gründung des Deutschen Reiches wurden die ihnen "auf ewige Zeiten" gewährten Rechte aber wieder aufgehoben; 1874 wurde zum Beispiel die Wehrpflicht auch auf Deutsche ausgedehnt, und mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde aus der Politik der Russifizierung offener Deutschenhaß. Die Rußlanddeutschen wurden zu inneren Feinden erklärt, ihre Sprache und ihre Gottesdienste wurden verboten. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie zu Hunderttausenden nach Sibirien und Zentralasien deportiert. In Lagern zusammengehalten, starben viele an Hunger, Kälte und der Schwerstarbeit.

In jenen Jahrzehnten gab ihr Glaube den Sowjetdeutschen Halt. Heimlich hielten sie in ihren Wohnungen Gottesdienste ab, pflegten ihre Kultur. "Die Gemeinde ist uns sehr wichtig", sagt Johann Epp. "Sie hielt uns zusammen, durch sie haben wir überlebt." Dabei waren für sie "Deutschtum und Christentum identisch", sagt der evangelische Espelkamper Pastor Dieter Lohmeyer. Mit rund 5000 Mitgliedern bilden sie knapp hinter den Protestanten inzwischen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Espelkamp. Seit Abschluß des deutsch-sowjetischen Vertrags von 1970 dürfen sie in größerer Zahl aus der UdSSR ausreisen, und viele von ihnen gehen nach Espelkamp. Längst prägen die Mennoniten das Stadtbild mit.

Zu Beginn ein Gebet

Ihr Rigorismus bereitet Pastor Lohmeyer auch Sorge: "Die nehmen die Bibel wörtlich", sagt er. Frauen müssen Kopftücher tragen, weil bei Apostel Paulus geschrieben steht, die Frau habe sich bedeckt zu halten. Alkohol ist ihnen verboten, ebenso Tanzen oder Theaterspiel. Ihre Kinder dürfen am Aufklärungsunterricht nicht teilnehmen. Neulich begann die SPD, die in Espelkamp zusammen mit den Grünen regiert, eine Informationsveranstaltung für Sowjet-Aussiedler mit einem Gebet.

"In der Sowjetunion war für sie alles klarer und eindeutiger", sagt Pastor Lohmeyer. "Der Außendruck hat sie zusammengeschweißt. Hier ist alles offen; jeder darf sagen und machen, was er will." Fast nichts hierzulande entspricht ihren Erwartungen. Lohmeyer: "Die reißen Ohren, Mund und Nase auf, was wir mit ihrem Christentum angefangen haben. Das ist ihnen alles zu verweltlicht." Neulich hat Lohmeyer einer mennonitischen Predigt zugehört. "Das war ein einziges Wettern gegen Bildung", sagt er. "Bildung bedeutet für sie Verweltlichung, Pluralismus, Auflösung der reinen Lehre." Oder wie der alte Johann Epp es ausdrückt: "Das kirchliche Leben hier ist lau. Die Demokratie ist mir zu demokratisch."

Pastor Lohmeyer erlebt die Probleme der Aussiedler hautnah mit. Er ist Anstaltspfarrer und Geschäftsführer des Ludwig-Steil-Hofs in Espelkamp, einer Stiftung, die nach dem im KZ Dachau ermordeten Pastor der Bekennenden Kirche, Ludwig Steil, benannt ist. Der Hof ist in den Verwaltungsgebäuden der ehemaligen "Muna" untergebracht. Ohne ihn könnte die Stadt Espelkamp vermutlich gar nicht funktionieren. Er beherbergt Förderschulen für Aussiedlerkinder, von der Hauptschule bis zum Gymnasium, außerdem die einzige Lernbehinderten-Sonderschule für Aussiedlerkinder in der Bundesrepublik. Hinzu kommen Sprachintensivkurse und verschiedene Berufsbildungsmaßnahmen. Auch Alten-, Pflege- und Kinderheime gehören zur Stiftung sowie sechs Internate.

Vor drei Jahren mußte eines der Internate geschlossen werden. Zum erstenmal in der Geschichte Espelkamps schien der Zustrom von Aussiedlern abzuebben, schien die Stadt zur Ruhe zu kommen. Da schnellten die Zahlen im Jahr darauf so hoch wie noch nie: 1987 kamen 472 Aussiedler nach Espelkamp, 1988 waren es 1571 und in den ersten vier Monaten dieses Jahres 520.

Keine heile Welt

"Eine Herausforderung für die ohnehin heterogene Gesellschaft" Espelkamps nennt zurückhaltend Stadtdirektor Eller diese Entwicklung. Neben der täglich zu leistenden Arbeit komme es darauf an, "ein Konzept zu finden, die auseinanderstrebenden Kräfte auf ein gemeinsames Ziel hin zusammenzuführen". Was kann das sein? Eller weiß zumindest, was es nicht sein kann: "Der Begriff ‚Vertriebenen-Stadt’ kotzt mich an!" Auch als Modell einer "einzigen großen christlichen Gemeinde" könne Espelkamp nicht bezeichnet werden. Die Menschen hier seien "keineswegs nach ihrer Konfession ausgesucht" worden, und "auch die Schwere ihrer Erlebnisse hat sie nicht alle so gewandelt, daß hier nun eine ‚heile Welt‘ entstehen würde".

"Neustadtprojekt mit regionaler Entwicklungsfunktion" nennt Eller seine Stadt gern. Er ist bemüht, Espelkamp ein modernes, ideologiefreies Image zu geben, und verweist auf die starke Wirtschaftskraft. Rund 10 000 Arbeitsplätze gibt es in der Stadt, davon sind über 4000 von Pendlern besetzt. Eine Hamburger Werbeagentur erhielt unlängst den Auftrag, in Anzeigenserien und Broschüren dieses zeitgemäßere Bild unter die Leute zu bringen. Unter dem Signet "Wir sind stolz auf Espelkamp" erfahren die Leser etwa der Neuen Westfälischen nun: "Unsere Unternehmen exportieren in 148 Länder der Welt – von Alaska bis Feuerland."

Johann Epp findet, Espelkamp sei die richtige Stadt für ihn. Hier wohnt seine Cousine. Das ist gut, zumal seine Frau im vergangenen Oktober gestorben ist und er nun allein wohnt. Hier hat er auch seine Kirchengemeinde. In der Sowjetunion gehörte er der fitesten Mennoniten-Gemeinde des Landes an: "Sie feiert dieses Jahr ihr 200jähriges Auswanderungsjubiläum." Espelkamp, sagt Epp, sei "eine gute Stadt für alte Menschen. Das einzige, was hier fehlt, ist ein Krankenhaus."

Daß die Aussiedler zunehmend angefeindet werden, "ja, das ist menschlich", sagt Johann Epp milde lächelnd. Nur, daß die polnischen Aussiedler sich schon bei der Ankunft im Auffanglager Unna-Massen aufführen, "als seien sie die besseren Deutschen, das ist nicht schön".