Unabhängigkeitsbewegung im Baltikum

Von Ina Navazelskis

Wilna, im Mai

Am Ostersonntag wurden die Uhren in Moskau, Leningrad und den meisten Westregionen der Sowjetunion um eine Stunde vorgestellt, wie jedes Jahr um diese Zeit. Doch die Zeiger der Bahnhofsuhr am Hauptbahnhof von (Wilna), der Hauptstadt der Sowjetrepublik Litauen, wurden nicht verdreht, ebensowenig wie die irgendeiner anderen Uhr in der baltischen Republik. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gingen die Uhren in Wilna anders als in Moskau.

Für litauische Staatsbürger bedeuten Glasnost und Perestrojka, daß sie sich nicht mehr automatisch an Moskau anpassen müssen. Das gilt auch für wichtigere Angelegenheiten als das Umstellen der Uhrzeit. Und Wichtiges gibt es genug zu regeln zwischen dem Zentrum und der Republik am Rande. Da ist zunächst die Verurteilung der stalinistischen Vergangenheit, dann das Anliegen, die eigene Wirtschaft selber zu kontrollieren und dem neuen litauischen Grundgesetz den Vorrang gegenüber der Verfassung der gesamten Union einzuräumen. Die Botschaft der letzten Monate an Moskau ist eindeutig: Litauen ist nicht Rußland.

Ende Januar erließ die litauische Regierung eine neue strenge Verordnung, in der Litauisch zur offiziellen Staatssprache der Republik erklärt wurde. Zwanzig Prozent der 3,6 Millionen Einwohner sind keine Litauer – diejenigen, die keine ausreichenden Kenntnisse der Umgangssprache haben, erhielten die kurze Frist von zwei Jahren, sich diese anzueignen.