Trotz des Baustopps lebt der Widerstand in Wackersdorf weiter

Von Judith Reicherzer

Landrat Hans Schuierer demonstriert fast jeden Sonntag nachmittag vor dem Bauzaun in Wackersdorf gegen die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA). Da plaudert er dann mit den Bekannten und Freunden aus der Oberpfalz oder erzählt den WAA-Touristen aus Dortmund und Berlin Geschichten vom Widerstand. Er kennt viele davon. Der Landrat war dabei, als in den Jahren 1985 und 1986 die Auseinandersetzungen am Bauzaun von extremer Brutalität begleitet waren, und er hat auch einige Widerständler zu ihren Prozessen nach München begleitet.

Schuierer nimmt auch jetzt, im Mai 1989, noch immer an den Demonstrationen vor dem WAA-Gelände teil. Rund vierhundert Menschen protestieren etwa am Sonntag nach Pfingsten noch, obwohl selbst die CSU-Politiker in München offen vom Ende der Wiederaufarbeitungsanlage reden. Und auch an den nächsten Sonntagen wollen viele Kritiker der Anlage vor Ort demonstrieren, obwohl die Versorgungsunternehmen den Bau inzwischen gestoppt haben.

In den Hochzeiten des Widerstandes waren es allerdings Tausende, die an den Sonntagsspaziergängen um den Bauzaun teilnahmen. Doch die große Masse sei mittlerweile abgestumpft, klagt ein Student: "Erst haben die aufgehört, mit den Füßen Widerstand zu leisten, immer weniger sind an den Zaun gekommen. Jetzt wehren sie sich auch mit dem Kopf nicht mehr." Nur die Oberpfälzer, die jetzt noch demonstrieren, lassen sich vom Baustopp nicht beirren. Der harte Kern kämpft weiter.

Kaffee, Tee und Schokoladenkuchen haben die jungen Radikalen vom Info-Büro in Altenschwand zum Bauzaun geschleppt. An einem sommerlichen Tag wirkt die Demonstration fast wie ein Familienausflug. Wenn nicht die Polizeiwagen hinter dem Wall auf dem Baugelände so offensichtlich lauern würden. Eine ältere Dame spannt den mitgebrachten Sonnenschirm auf, damit ihr Dackel, "inzwischen ein richtiger Demo-Hund", nicht zu sehr schwitzt. Einige unermüdliche Protestler und ein paar Bauzaun-Greenhorns versuchen, die drei "Diskuss-Bullen" zu überzeugen, die die Polizei, wie jeden Sonntag, vor dem Eingang zur Baustelle postiert hat – psychologisch geschult für das Gespräch mit aufmüpfigen Bürgern.

Skeptisch sind die Oberpfälzer geblieben. Wenn diese WAA wirklich nicht nach Wackersdorf kommen sollte, ist La Hague für sie keine Alternative. "Das wäre doch nur das Florians-Prinzip", höhnt ein Widerständler, nach dem Motto: Heiliger Sankt Florian, schütz unser Haus, zünd andere an.