West-Berlin

Den Auftritt hätte sie sich und den anderen am liebsten erspart. Bisher hatte es Hilde Schramm, grüne Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses, sorgfältig vermieden, eine Sitzung des Stadtparlaments zu eröffnen. Als die Reihe an sie kam, bat sie den Abgeordnetenhaus-Präsidenten, den Eröffnungsakt selbst vorzunehmen und später über eine neue Prozedur nachzudenken. Er reagierte jedoch nicht. So warb sie vor Beginn der Sitzung um Verständnis für ihre Verweigerung: „Zu einer Zeit großer Hoffnungen auf weitergehende Entspannungspolitik“, beschwor sie von ihrem Präsidiumsplatz die Kollegen im Saal, „kann ich es nicht mit meinem politischen Gewissen vereinbaren, die Sitzungen des Abgeordnetenhauses mit einer Formel aus dem Kalten Krieg zu eröffnen.“ Sie plädierte für einen zeitgemäßen Text.

Die Formel, „Mahnworte“ genannt, wurde von Willy Brandt 1955 zum ersten Mal benutzt und 1962, nach dem Mauerbau, ergänzt. Da auch die SPD längst Probleme damit hat, hören heute nur noch die CDU und die Republikaner den Schwur im Stehen. „Ich bekunde unseren unbeugsamen Willen, daß diese Mauer fallen und daß Deutschland mit seiner Hauptstadt Berlin in Frieden und Freiheit wiedervereinigt werden muß.“

Noch in den Tumult der aufgebrachten Oppositionspolitiker hinein setzte Hilde Schramm ihre Erklärungsbemühungen fort: „Selbstverständlich wünsche ich, daß die Mauer abgebaut wird, aber dieMahnworte zur Wiedervereinigung widersprechen der täglichen Politik, die auf der Akzeptanz der Zweistaatlichkeit basiert.“

„Skandal“, rief der Kanzler aus dem fernen Bonn, und Oppositionsführer Eberhard Diepgen forderte die 52jährige Ex-Lehrerin und habilitierte Soziologin schriftlich auf, „auf solche provokativen Aktionen“ zu verzichten.

Hilde Schramm, verheiratet und Mutter von zwei Kindern, hat nichts von einer Provokateurin, sie ist ernst und eher zurückhaltend. Ihre Kollegen von der AL hatten sie für den Vize-Posten nominiert, weil sie auch im „bürgerlichen Lager“ ankommt und das Talent besitzt, sogar Reizthemen in verbindliche Worte zu Heiden. Sie selbst hält sich für kompromißbereit und höflich, „aber“, setzt sie schnell hinzu, „auch für entschieden, wenn es sein muß“.

Sie hat auf einer mondänen cremefarbenen Couch Platz genommen. Wie die dunkelbraune Schrankwand, Schreibtisch und Veloursteppich stammt das Stück in der Amtssuite auf der Beletage des Schöneberger Rathauses von ihrer CDU-Amtsvorgängerin Gabriele Wichatzek. Bisher hat die neue Vizepräsidentin noch keine Zeit gefunden, sich bei der zuständigen Leihfirma eine passende Möblierung auszusuchen. Vielleicht weiß sie auch immer noch nicht, wie sie es sich in ihrem Amt einrichten soll.