Nachdem ich ungefähr einen Monat in Marcourt verbracht hatte, brach ich mit großem Bedauern auf, um nach Lüttich zu fahren, wo mich einer meiner Brüder erwartete und wo ich mich weiterbilden wollte. Ich machte mich mit dem Schiff auf den Weg. In Vennes stieg ich aus und nahm ein kleines Boot bis Lüttich. Ich bat den Bootsmann, mich zur nächsten Herberge zu bringen, die ihm bekannt war, und er führte mich zu Herrn Le Gros an der Maas.

Während ich darauf wartete, daß man mir ein Zimmer richtete, führte man mich in einen großen Raum, in dem sich viele Flamen befanden. Ich glaubte zunächst, daß es Patrioten waren. Sie fragten mich nach Neuigkeiten aus Frankreich, und ich berichtete als gute Patriotin. Als man dann von den Brabantern sprach, erklärte ich, daß ich ihre Sache gerecht fände, und sagte ihnen dasselbe, was ich bereits dem kaiserlichen Offizier in der Nähe von Saint-Hubert gesagt hatte. Als ich jedoch sah, daß sie nicht meiner Meinung waren und nicht wie anständige Menschen diskutieren konnten, zog ich mich zurück.

Am nächsten Morgen kam mein Bruder, den ich von meiner Ankunft benachrichtigt hatte, und führte mich zu dem Gasthaus „La croix blanche“ in dem Dörfchen La Boverie, etwa eine halbe Meile von Lüttich. Solange ich in diesem Haus wohnte, traf ich keine Bekannten und besuchte in Lüttich weder öffentliche Gesellschaften noch Versammlungen.

Ich bezahlte für Unterkunft und Essen 5 Kronen [etwa 30 Livres] im Monat. Nachdem ich dort zwei Monate verbracht hatte, zog ich zu dem Bauern von Fräulein Ilias um, die in demselben Dorf und in demselben Haus wohnte. Bei dem Bauern bezahlte ich für Unterkunft und Essen 1 Louis [24 Livres] monatlich und lebte weiterhin in äußerster Zurückgezogenheit. Wenn ich nach Lüttich fuhr, ging ich nur zu dem Buchhändler Dessort, um die Gazette und andere Zeitungen zu kaufen.

Nach einer gewissen Zeit jedoch begann ich mich auf dem Land zu langweilen. Einen Augenblick lang hatte ich Lust, nach Brabant zu fahren, und besorgte mir dafür sogar einen Reisepaß. Meine Brüder aber überzeugten mich, weiter in La Boverie zu bleiben. Ich hatte nicht genug Geld, um meine Abgeschiedenheit aufzugeben, ohne meinen Brüdern Unrecht zu tun. Denn ich hatte bereits mein diamantenes Halsband verpfändet und sah mich gezwungen, einen monatlichen Vorschuß von 4 Louis [96 Livres] aufzunehmen, die mir von meinem Bankier zugeschickt wurden. Da ich nicht die Mittel gehabt hatte, einen Teil meiner Sachen aus dem Pariser Pfandleihhaus auszulösen, wurden sie verkauft; das half mir auch viel.

Als ich in La Boverie war, hatte ich ein ziemlich merkwürdiges Erlebnis. Wenn ich auf den Wiesen am Ufer der Maas spazierenging, traf ich manchmal brabantische Patrioten. Da ich tags zuvor Kanonendonner gehört hatte, brachte mich die Neugierde dazu, sie zu fragen, wer denn gesiegt habe. Da ich immer in derselben Gegend spazierenging, wurden sie auf mich aufmerksam und glaubten, daß ich eine kaiserliche Spionin sei. Deshalb wurde ich, als ich eines Tages dort entlangging, festgenommen und nach Tileur gebracht, wo ich ihnen ohne Probleme die Augen öffnen konnte. Als ich ihnen jedoch meine Meinung über Van der Noot sagte, wollten sie mich nach Namur schicken.

Aber mein älterer Bruder und die netten Leute, bei denen ich wohnte, holten mich noch am selben Tage ab. (Der belgische Advokat Van der Noot galt als Führer der brabantischen Revolutionäre, die für die Loslösung von Österreich kämpften und sich für die Wiederherstellung der alten Ständeverfassung einsetzten.)