Trabantenstädte dürfen nicht noch einmal aus dem Boden gestampft werden

Noch vor drei Jahren standen neu gebaute Wohnungen leer – vorwiegend in den jüngsten Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus, etwa im Berliner Märkischen Viertel, in der Hamburger Siedlung Steilshoop und im Kölner Stadtteil Chorweiler. Sie waren zu teuer für jene, die kaum eine Wahl auf dem Wohnungsmarkt haben, zu weit draußen, falsch geschnitten oder schlicht zu häßlich für den Geschmack der jungen Leute mit hohem Einkommen, die sich ihre Wohnung auf dem Markt aussuchen können. In den Stadtverwaltungen und Ministerien diskutierten Experten teure Investitionen zur Aufwertung, ohne daß sie allerdings viel Vertrauen in deren Erfolg hatten, aber auch den Abriß ganzer Siedlungen, wie er in England und Holland schon praktiziert wurde. Eine vernünftige Lösung für die Sanierung dieser Neubauviertel schien einfach nicht denkbar. Für die einen war der Preis der Wohnung der Grund dafür, daß sie sie nicht mieten konnten; Lage, Grundriß und Gestaltung war der Grund für die anderen, daß sie sie nicht mieten wollten.

Neben dem Preis war also auch der Gebrauchswert der Wohnungen ein Grund für ihre Ablehnung. In den sechziger und siebziger Jahren sollten schnell viele Wohnungen gebaut werden. Das geht am besten, wenn man Standardtypen mit industriellen, rationalisierten Produktionstechniken erstellt, gewissermaßen die Wohnung von der Stange. Zweifel daran, wie eine Standardwohnung für einen durchschnittlichen Haushalt aussehen solle, schienen überflüssig. Denn seit Beginn einer staatlichen Wohnungspolitik nach dem Ersten Weltkrieg war die Familienwohnung für die Planer die einzig denkbare Wohnform geworden: Wohnzimmer, Elternschlaf- und Kinderzimmer, Küche, Bad.

Dieses Leitbild ist millionenfach gebaute Wirklichkeit: Zwei Drittel der heute vorhandenen rund 26 Millionen Wohnungen sind seit 1949 dementsprechend errichtet worden. Aber die damit ermöglichte und erzwungene Haushaltsform ist eine historisch vergleichsweise junge, durchaus besondere Form des Wohnens. Ihre Einheitlichkeit erweckt den Eindruck, als gäbe es keine sozialen wie auch kulturellen Unterschiede, und sie ist nicht darauf eingerichtet, sich den im Lebenslauf wandelnden Notwendigkeiten und Bedürfnissen anzupassen. Wenn heute neue Mietwohnungen geplant werden, dürfen die Fehler der sechziger Jahre nicht wiederholt werden. Neben dem quantitativen Aspekt der Wohnungsversorgung (siehe „Eine Frage des Preises“ in DIE ZEIT vom 25. Mai 1989) ist dies der qualitative, die Frage also, für welche Zukunft gebaut wird.

Die soziale Einheit des Wohnens, der Haushalt, ist heute immer seltener eine Familie. Die Zahl der Ein-Personen-Haushalte hat sich von 1950 bis heute verdreifacht. In den Großstädten sind Kleinfamilien mit Kindern längst eine Minderheit. Vierzig Prozent aller Haushalte in Städten mit mehr als hunderttausend Einwohnern sind Ein-Personen-Haushalte. Im Jahr 2000 werden es in Hamburg voraussichtlich 56 Prozent aller Haushalte sein. Bereits im Jahr 1982 lebten in den Großstädten in über siebzig Prozent, in West-Berlin in über achtzig Prozent aller Haushalte nur noch eine oder zwei Personen.

Hinter der statistischen Kategorie des Ein-Personen-Haushalts verbergen sich allerdings sehr unterschiedliche Lebensformen: Rentner stellen einen großen Teil, zunehmend aber auch, neue Haushaltstypen von Jüngeren, und zwar nicht nur Singles, sondern auch unverheiratet zusammenlebende Paare und Wohngemeinschaften. Die Zahl der unverheiratet Zusammenlebenden hat sich innerhalb von zehn Jahren vervierfacht. 1985 waren es in der Bundesrepublik bereits 1,2 Millionen Haushalte. In Wohngemeinschaften leben heute eine halbe Million Menschen, vorwiegend jüngere in der Ausbildung. Zu den neuen Haushaltstypen gehören auch die eine Million alleinerziehenden Mütter oder Väter mit ungefähr 1,3 Millionen Kindern.

Die Zahlen wie die möglichen Ursachen (wachsende Selbständigkeit der Frauen, Wohlstand, Wertewandel und Liberalisierung rechtlicher Regelungen) deuten auf eine länger anhaltende Entwicklung hin. Der Prozeß, in dessen Verlauf sich die moderne Kleinfamilie aus den vorindustriellen Lebenszusammenhängen herausgelöst hat, setzt sich heute offensichtlich weiter fort. Es entstehen verschiedene Haushaltstypen, die auf die sehr unterschiedlichen Ansprüche der einzelnen sozialen Gruppen und Altersstufen ausgerichtet sind. Dabei wächst die Zahl derer, die in einer Art experimenteller Lebenshaltung ganz verschiedene Wohnweisen bewußt ausprobieren: allein leben, in einer Wohngemeinschaft, als Paar, in einer selbstgewählten Hausgemeinschaft.