Amerikaner drin, Russen draußen, die Deutschen klein – bleibt dies der Endzweck der Nato?

Von Theo Sommer

Der Kalte Krieg ist vorüber. Noch nicht alle Staatsmänner haben es begriffen. Viele drehen weiterhin auf dem alten Tanzboden ihre Runden und merken gar nicht, daß die Musik schon lange aufgehört hat. Aber John le Carré begreift es, der Thriller-Autor, der den Kalten Krieg mit Smiley und Karla literaturfähig gemacht hat. Sein neuester Roman – „The Russia House“ – ist ein bitter-süßer Abgesang auf die zurückliegenden Jahrzehnte der Feindseligkeit zwischen Ost und West. Und der Ex-Geheimdienstler David Cornwell alias le Carré schätzt auch die gegenwärtigen Schwierigkeiten der Nato ganz richtig ein: „Ihr Problem ist es, wie sie Gleichschritt halten soll, wenn sie nicht mehr dauernd auf dem äußeren Feind herumhacken kann.“

Vor vierzig Jahren, als die Nato gegründet wurde, war alles ganz einfach. Die Staaten Osteuropas stöhnten unter Stalins Joch. Die Blockade Berlins, die erst vier Wochen nach dem Gründungsakt beendet wurde, steckte dem Westen tief in den Knochen. Als im Juni 1950 die Nordkoreaner über Südkorea herfielen, ging allenthalben die Furcht um, nun sei als nächstes Opfer sowjetischer Expansion Westeuropa an der Reihe. Die Spaltung Deutschlands vertiefte sich zusehends. Stalins Agitprop-Leute versuchten mit Trommelfeuer aus allen Rohren, das kriegsgeschwächte Westeuropa sturmreif zu schießen. Den Zweck des Bündnisses zwischen den Vereinigten Staaten und Westeuropa definierte der erste Nato-Generalsekretär Lord Ismay mit britischer Unverblümtheit: „to keep the Americans in, to keep the Russians out, and to keep the Germans down“.

Heute, im Zeitalter der Entsimplifizierung, ist alles viel schwieriger. In Osteuropa regt sich neuer Freiheitsdrang; anders als früher lassen ihm die Sowjets freien Lauf. Berlin ist durch das Viermächteabkommen ruhiggestellt. Die Spaltung Deutschlands hat sich verfestigt, aber das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten ist besser geworden. Die sowjetische Führung holt in den Außenbastionen der Dritten Welt die Flagge ein und konzentriert sich auf die Revitalisierung ihres zurückgebliebenen Reiches. Den Moskauer Ideologen ist die Munition ausgegangen. Die Nato, der Feind und Feindbild abhanden gekommen sind, muß sich fragen, was von der alten Maxime noch gilt: die Amerikaner drin, die Russen draußen und die Deutschen klein zu halten.

Die Amerikaner in Westeuropa halten: gewiß. Die Einflechtung der Vereinigten Staaten in den Schicksalsstrang der Alten Welt war die Voraussetzung unseres Überlebens in Freiheit. Nur sie verfügen über das abschreckende Drohpotential, um expansionistische Abenteurer im Kreml ins nukleare Schach zu stellen; und gegenüber der konventionellen Übermacht des Ostens waren die 326 000 US-Soldaten in Westeuropa – davon 220 000 in der Bundesrepublik – ein wirksames Unterpfand der gemeinsamen Sicherheit. Auch heute und in nächster Zukunft bleibt Amerikas Engagement in Europa vonnöten: als Rückversicherung gegen ein mögliches Scheitern jener Systemöffnung im Osten, die wir derzeit erleben.

Realistische Denkmöglichkeit