Im 19. Jahrhundert gehörte Tee zum guten Ton, wie umgekehrt der gute Ton zum Tee gehörte. Heinrich Heine spöttelte: „Sie saßen und tranken am Teetisch,/ Und sprachen von Liebe viel./Die Herren, die waren ästhetisch,/ Die Damen von zartem Gefühl...“ Das war 1822.

Vier Jahre später weilte Heine auf der ostfriesischen Insel Norderney und lernte Tee als Arme-Leute-Getränk kennen. „Sind sie auch auf ihren Schiffen sogar nach den südlichen Ländern gekommen“, notierte er zu den Einheimischen, „so sehnen sie sich wieder zurück nach ihrer Sandinsel, nach ihren kleinen Hütten, nach dem flackernden Herde, wo die Ihrigen, wohlverwahrt in wollenen Jacken, herumkauern und einen Tee trinken, der sich von gekochtem Seewasser nicht wesentlich unterscheidet.“

So war der Tee denn beides: Ausdruck gehobener Lebensart und bitterer Armut. Als Luxusgetränk wurde er in Porzellantäßchen zu Munde geführt und gleichzeitig als revolutionärer Bodensatz beargwöhnt. Das friderizianische Berlin witterte Aufruhr, als die Untertanen in der fernwestlichen Provinz Ostfriesland zunehmend dem Tee verfielen. Indigniert mahnten Preußens – 1779 war’s – in Aurich an, wieweit es mit der „in Vorschlag gekommenen Abstellung des übermäßigen Teetrinkens“ gediehen sei...

Die Antwort, natürlich abschlägig, zeugt von friesischer Beharrlichkeit: „Der Gebrauch des Tees ist hier zu Lande so allgemein und tief eingewurzelt, daß die Natur des Menschen gleichsam durch eine schöpferische Kraft müßte umgekehret werden, wenn er diesem Getränk auf einmal gute Nacht sagen sollte.“

Die Natur ist bis heute nicht umgekehret worden. In diesen Tagen hat in Norden/Ostfriesland das erste europäische Teemuseum seine Pforte geöffnet, und die Ostfriesen sind im Teetrinken nach wie vor Weltspitze.

Auf 3000 Gramm pro Kopf und Jahr bringt es der Ostfriese, wohingegen ein Bundesbürger (Ostfriesen schon einbezogen) gerade mal 252 Gramm schafft. Mehr Tee als die Ostfriesen trinken nur die Iren – 4000 Gramm jährlich.

Der Tee kam Mitte des 17. Jahrhunderts mit den Schiffen der Holländisch-Ostindischen Compagnie nach Ostfriesland. Er war ein Segen für das kleine Land am Meer, dessen Bevölkerung sich bis zum Exzeß geistigen Getränken hingab. „Der Ostfriese trinkt kein Wasser, jedenfalls nicht in seiner reinen Gestalt“, staunte ein zeitgenössischer Reisender.