Welch ein Andrang, welch eine Vorfreude, was für ein Kampf um die besten Plätze! Viele hatten ihre Kinder und Kleinkinder mitgebracht, denn der Tag sollte ein Fest werden, ein Fest für die ganze Familie. Der Himmel über Hamburg leuchtete italienisch-blau, die Eisverkäufer boten ihre süße Ware feil, und von der Elbe her wehte ein kühlender Wind. So ein Tag, so wunderschön wie heute! Das Schauspiel konnte beginnen.

In Hamburg feierte man am vergangenen Freitag nicht etwa eine neue Lustbarkeit des Endlos- und Sinnlosspektakels „Hafengeburtstag“. In Hamburg begann auch nicht vorzeitig das große Festival „Theater der Welt“ (das hat Premiere erst in zwei Wochen). In Hamburg, an der Hafenstraße, spielte der Staat Staat, und die Revolutionäre spielten Revolution. Die „Wagenburg“ neben den Skandalhäusern sollte geräumt werden – da wollten wir alle dabeisein!

Gewiß, manch einem unnötig griesgrämigen Stadtbewohner lief an diesem Freitag ein kalter Schauer über den Rücken. Den ganzen Tag lang rasten die Polizeiwagen jaulend durch die Straßen, spielten das Lied vom Bürgerkrieg. Denn wie brutal und gefährlich die Bewohner der Hafenstraße einerseits, wie aggressiv und verbittert die Hamburger Polizisten andererseits sind, lesen wir seit Jahren beinahe täglich. Etwas Schreckliches also konnte geschehen, ein plötzlicher, von niemandem mehr aufzuhaltender Exzeß der Gewalt.

Da bleibt der brave Bürger, denkt man, brav zu Hause, zieht den Kopf ein, tröstet die verängstigten Kinder. Aber nein! Ganz im Gegenteil! Den deutschen Katastrophen-Touristen (ramsteinerprobt, hockenheimgehärtet) drängt es geradezu magisch an Orte, wo Gefahr droht und Gewalt. Und wer weiß, vielleicht fließt sogar ein bißchen Blut, das wäre natürlich schrecklich, was sollen denn die lieben Kleinen denken! Aber wenn es doch zu häßlichen Szenen käme: Ein gemischtes Eis (Schoko, Vanille und Erdbeer bitte!) tröstet auch darüber hinweg.

Natürlich könnte man sich von der gruseligen Szene (hier die brennenden Wohnwagen, dort die netten Hamburger Familien) angeekelt abwenden. Man könnte den Schauplatz mit der Erkenntnis fliehen, daß die „Lust an der Gewalt“ offenbar nicht nur der Dämon finsterer Rebellen ist, sondern auch den braven Bürgersmann (das brave Bürgersweib, das brave Bürgerskind) manchmal gar mächtig kitzelt. Das bringt aber nichts.

Viel besser, man sähe in dem makabren Spektakel den Entwurf, das Vorspiel zu einer hoffentlich friedlichen Zukunft. Und die sähe, sehr grob skizziert, etwa so aus: Die Hafenstraße wird nicht abgerissen, sondern umfunktioniert. Die Hafenstraße wird ein Theater: hart, realistisch, aktuell, wie sonst keines in der Stadt.

Jean Genets Traum von der Revolution als Schauspiel und Maskenfest wäre endlich Realität. Und es würde schließlich nur vollendet, was lange schon begonnen hat. Lange schon wirken die Akteure an der Hafenstraße (auf beiden Seiten der Barrikaden) sonderbar unwirklich. Die Schauspieler des Staates gestikulieren bloß (weil sie nicht wissen, wie sie agieren sollen), die Protagonisten der Hafenstraße führen noch immer ihr kaputtes Märchen von der schöneren Welt auf.