Von Gerhard Spörl

Brüssel, Ende Mai

Am Ende saßen sie einträchtig nebeneinander und wehrten gemeinsam die zudringlichen Fragen nach den Gewinnern und Verlierern des Nato-Gipfels ab. Hans-Dietrich Genscher griff gerade zum Glas, um einen Schluck Wasser zu trinken, als Helmut Kohl die „besonderen Verdienste des deutschen Außenministers“ beim Ringen und Gelingen hervorhob. Die Tagung von Brüssel: ein Arbeitserfolg wider Erwarten. Die Deutschen: erleichtert über die Wendung zum Guten. Die Bonner Regierung: gefestigt, fürs erste.

Genscher gehört sicherlich zu den Gewinnern von Brüssel, nicht zu den Verlierern. Mit der Skepsis, ja dem tiefen Mißtrauen, das ihm von vielen Seiten entgegenschlagt, muß er leben. Und auch das weltweite Rätselraten, welche Beweggründe ihn neuerdings treiben mögen, wird wohl anhalten. Dabei ist die Anwort so schwer nicht.

Genscher ist 61 Jahre alt und seit nunmehr fünfzehn Jahren Außenminister. Er hat drei Kanzler erlebt und zwei Koalitionen geprägt. Er hat mit fünf amerikanischen Präsidenten zusammengesessen und vier sowjetische Parteichefs kennengelernt. Wie kaum ein anderer hat er die Höhen und Tiefen eines Politikerdaseins ausgemessen. Was bleibt von seinen Leistungen in den Geschichtsbüchern?

Seine Mitarbeiter haben an ihm seit Monaten eine Unlust an seiner früheren Lieblingsbeschäftigung beobachtet, dem unentwegten Werkeln an Kompromissen. Daß seine Unlust zunimmt und ihn zu schroffem Durchhaltewillen verleitet, hat Helmut Kohl zu spüren bekommen, und die Amerikaner mußten es verblüfft zur Kenntnis nehmen. Beim Versuch, die Nato zu einer anderen Ost-West-Politik zu bewegen, hat Genscher sich und dann die ganze Bonner Regierung auf geradezu unerhörte Weise festgelegt. Das dürre Wort von der „aktiven Entspannungspolitik“ gibt die Selbstradikalisierung nur vage wieder.

Innerhalb der Allianz ging dies mit einer gewissen Emanzipation der Mittelmacht Bundesrepublik von der Vormacht Amerika einher. Auf dem Weg nach Brüssel wurde der Gegensatz zwischen den Deutschen, die den Zweiten Weltkrieg angezettelt und verloren haben, und den drei siegreichen Westmächten wieder deutlich – auch ohne daß Margaret Thatcher ausdrücklich darauf hinwies. Genscher ist vor dieser Kluft nicht zurückgeschreckt. Das war neu.