Köln

Die Kölner „Photokina“ ist stets überfüllt, nur im Restaurant des Messeturms kann man für einen Moment ausruhen. 1980, am ersten Messetag, aber sorgte ein Flugblatt des Kölners Sammy Maedge für Aufregung: „Liebe Messebesucher! Bitte beachten Sie, daß in diesen Messehallen in der NS-Zeit ein Außenlager des KZ Buchenwald untergebracht war, durch das viele Menschen in den Tod geschickt wurden.“ Die offizielle Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Messe übergehe diese Tatsache, nicht einmal eine Gedenktafel weise auf die Opfer des Nationalsozialismus hin.

Ein Jahr später enthüllte Kölns Oberbürgermeister Norbert Burger die Gedenktafel – klein und unscheinbar auf der Rückseite des Messeturms. Damit war das Thema erst einmal erledigt.

Wer der Vergangenheit auf die Spur kommen wollte, mußte weite Wege in Kauf nehmen. 1987, auf der Suche nach Zeitzeugen in der Sowjetunion, fand der Kölner Lehrer Christian Welke, Kopf einer Initiative, die das Schicksal Tausender von Zwangsarbeitern im Köln der NS-Zeit aufklären will, kaum Zwangsarbeiter – aber immer wieder ehemalige Häftlinge des Buchenwalder Konzentrationslagers, die in den Kölner Messehallen untergebracht waren.

Im selben Jahr stieß WDR-Redakteur Ludwig Metzger, der den Wandinschriften in den Folterzellen des ehemaligen Kölner Gestapo-Hauptquartiers nachgeht, auf eine Spur. Er flog nach Usbekistan und erfuhr dort, daß der frühere Zwangsarbeiter Askold Kurow in einem Lager auf dem Messegelände interniert war – ebenso wie Robert Dornbusch aus Nörvenich bei Köln, von dem der Autor Martin Stankowski hörte, daß er in einem Bombenräumkommando eingesetzt war.

Welke, Metzger und Stankowski gründeten zusammen mit anderen Kölnern die „Projektgruppe Messelager“. In einem Warschauer Archiv zur Aufklärung der NS-Verbrechen entdeckte Welke die Häftlingslisten des KZ Buchenwald, in der die Kölner Häftlinge mit dem Vermerk „Köln/Messe“ aufgeführt sind. Immer mehr Zeitzeugen und Dokumente spürte die Projektgruppe nun im vergangenen Jahr in Polen, der Sowjetunion, der DDR und in Westeuropa auf.

Es zeigt sich, daß das inmitten der Stadt gelegene Messegelände in der NS-Zeit viel mehr Funktionen erfüllte, als der Öffentlichkeit bisher bekannt war. Diese wußte vor allem, daß unterhalb des Messeturms nach dem 20. Juli 1944 rheinische Politiker der Weimarer Republik in einem Gestapo-Lager interniert waren. Der prominenteste war der frühere Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der nur knapp der Deportation nach Buchenwald entgangen war.