Manchmal konnte einen schon die schwärzeste Verzweiflung anfallen am Wochenende, wenn es wieder mal nichts zu lesen gab. Kein Fack, kein Odin, kein Reich, nichts von jener wassersüchtigen Schwerdenkerei, für die unsereins die Frankfurter Allgemeine schätzt. Im Feuilleton kein Schreiber, der karnickelschnell zur Sache gekommen wäre, kein Adam, der von deutscher Kultur dröhnte, und vorne fehlte sogar der sonst alle vier Wochen neu aufgelegte Leitartikel Stürmers, in dem er Deutschlands zentrale Lage in Mitteleuropa postuliert hätte.

Aber es gibt noch Höhepunkte. Unterstützt vom Sperrfeuer aus dem Lokalteil, wo einen Tag zuvor ein NPD-Stadtrat die Juden zum Frankfurter Unglück und Weizsäcker zum „Lumpen“ erklärt hatte, durfte Karl Schlögel in der Tiefdruckbeilage seinen Renegaten-Kampf gegen Kreuzberg ausfechten. Wie ein Frührentner, die Ellbogen aufs Kissen gestützt, lehnt er sich aus dem Fenster, bemümmelt den Niedergang des Abendlandes und daß die Straßenkämpfer keine Schäferhunde mögen, daß sie betteln statt sich nach Arbeit umzusehen. Mit der rhetorischen Brillanz der Else Stratmann schwadroniert er von der „Selbstbeschränkung, der die Polizei sich unterwirft“ oder der „pädagogisch und therapeutisch gewordenen Kultur“, die kein zoon politikon mehr zulasse.

Da mag er recht haben, aber was will er eigentlich? In seinem hochgradig verwirrten Text wird nur eins klar: ’s ist Krieg in Kreuzberg. Pflastersteine fliegen, Scheiben gehen zu Bruch, und das Blech scheppert nicht wenig, wenn Schlögel mit Machiavellistischer Präzision zur Feinanalyse des Street fighting man ansetzt: „Er ist ein Machtmensch, auch wenn er sein Bier nur aus der Blechdose trinkt.“

„Nicht auszudenken, was in diesem Kreuzberg alles möglich wäre“, seufzt der resignierte Revolutionär, seufzt mit ihm die sympathisierende FAZ, zumal ja neue, noch weit gefährlichere Gefahr droht, und wie früher schon kommt sie aus dem Osten. Schlögel und seine aufrechte Zeitung, sie wollen rechtzeitig gewarnt haben vor dem Sturm, der aus Asien hereinfegt, „wenn sich die vitalen und virilen Immigranten ihren Weg bahnen werden“. O, ach, ächz, jetzt aber schnell die Kinder von der Straße geholt, die Fenster zu, das Kissen nicht vergessen, und alle Ritzen verstopft und verrammelt mit dem festen Papier der FAZ-Wochenendbeilagen. Finis