Da heißt es: „Das Volk der Dichter und Denker, das sich auf dem Gebiet der Philosophie und des Wissens wie kaum ein anderes ausgezeichnet hat, schien immer dort, wo Hellsichtigkeit am nötigsten gewesen wäre, von Blindheit geschlagen: im Bereich der Selbsterkenntnis.“

In dieser Behauptung gipfelt die Ansicht des spanischen Publizisten Heleno Sana vom deutschen Volkscharakter. Für ihn sind die Deutschen ein in vieler Hinsicht bewundernswertes Volk, haben aber als Nation immer wieder versagt. Der 59jährige Spanier lebt seit dreißig Jahren unter Deutschen und müßte sie kennen. Er kommt aus der spanischen Arbeiterbewegung, wurde vom Franco-Regime verfolgt und übersiedelte 1959 in die Bundesrepublik. Von hier aus schreibt er seitdem für spanische und lateinamerikanische Zeitschriften, übersetzt Werke deutscher und Schweizer Autoren (Max Frisch, Günter Grass, Martin Walser) und hat mehrere sozialkritische und kulturhistorische Bücher geschrieben.

In seiner Analyse der „Seelenlage der Deutschen“ geht er von der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands aus, und er untersucht vor allem das Bild, das die Deutschen von sich selber haben. Dabei geraten die typisch „deutschen Tugenden“ wie Fleiß, Gründlichkeit, Disziplin und Ordnungsliebe, auf die wohl die meisten Bundesbürger Wert legen und sogar stolz sind, ins Zwielicht: Aus dem Fleiß wird – so sieht es Heleno Sana – nur allzu oft Rastlosigkeit, die Gründlichkeit wird zum Perfektionismus, die Disziplin tötet die Zivilcourage, und ihre geradezu manische Ordnungsliebe verführt die Deutschen immer wieder zur Herrschsucht über andere, die – weil weniger ordentlich – von ihnen als Störenfriede empfunden werden. Und so haben die Deutschen es im Gegensatz zu vielen ihrer weit weniger begabten Nachbarvölker nie zu einer sie befriedigenden nationalen Daseinsform gebracht und sind auch heute mit ihrem Dasein unzufrieden, obwohl es ihnen hervorragend geht.

„Ohne so viel Ordnung, Fleiß und Tüchtigkeit wäre die Bundesrepublik zweifellos kein so wohlhabendes, gut funktionierendes und leistungsfähiges Land; aber vielleicht wären die Bürger, die darin leben, ausgeglichener, entkrampfter, gelassener, humorvoller, zufriedener, als sie es in der Regel sind.“ Die Unzufriedenheit der Deutschen mit sich selber, die Verdrängung der Ursachen und ihre daraus resultierenden Minderwertigkeitskomplexe lösen bei ihren Nachbarn Ängste aus, die den Deutschen jedoch unbegreiflich bleiben, weil es diesen an der Fähigkeit zur Selbsterkenntnis fehle.

Sanas Buch ist ohne Zweifel einseitig, ungerecht, zuweilen polemisch. Streckenweise wirkt es wie eine Ergänzung zu Lea Fleischmanns berühmt gewordenem Buch: „Dies ist nicht mein Land“. Die Alltagsbeobachtungen der nach Israel ausgewanderten jüdisch-deutschen Lehrerin werden hier durch kulturhistorische Vergleiche und sozialkritische Hinweise auf ihre Bedeutung untersucht und vielfach bestätigt. Anders als bei seiner israelischen Kollegin erwächst die Kritik des Spaniers allerdings nicht aus persönlich erfahrenen Kränkungen oder emotionellen Ressentiments. Im Gegenteil. Sana ist im Grunde vermutlich eher ein Freund der Deutschen. Seine Kritik wurzelt zum einen in seiner mediterranen Herkunft und zum andern in seiner politischen Einstellung. Und hier liegt die Schwäche seines Buches.

Heleno Sana ist ein radikaler Sozialist. Und das bestimmt erkennbar viele seiner Wertungen, zum Beispiel seine scharfe Kritik am mechanischen Antisowjetismus der deutschen Nachkriegspolitik (ohne nach den Ursachen zu fragen) und seine absolute Verurteilung von Adenauers „einseitig prowestlicher Haltung“ (ohne die damals bestehende politische Situation der Bundesrepublik zu berücksichtigen). Das wird auch deutlich bei seinem uneingeschränkten Lob des „anderen Deutschland“.

Dennoch wäre es gut, wenn möglichst viele sein Buch läsen. Nicht um ihm zuzustimmen, aber um darüber nachzudenken. Denn hier sagt ein Ausländer, wie wir auf ihn und sicherlich auf viele andere unserer Nachbarn wirken. Das zu wissen, könnte nützlich sein.

Peter Grubbe