Von Dieter E. Zimmer

Ein neuer Roman von Gabriel Gabriel Märquez ist, was im Kulturbetrieb ein Ereignis heißt. Wir, deren charakterisierende Geste ein abgebrühtes Abwinken ist, können uns nur schwer vorstellen, mit welcher Zuneigung und Erwartung das spanischsprachige Lateinamerika, seit dem Nobelpreis zumal, an diesem Autor hängt, der den Subkontinent wie kein anderer zur Sprache gebracht und ihm in der ganzen Welt zu achtungsvoller Aufmerksamkeit verholfen hat.

Hat er ihm mit dem „magischen Realismus“ nicht sogar einen eigenen literarischen Stil erfunden? Inmitten einer Romanliteratur, die die Schwierigkeiten des Schreibens zum Thema macht, die philosophiert und moralisiert und politisiert, die indiskret in tiefste Seelentiefen vordringt, ist seine Sache das Konkrete, und er erzählt von ihm ohne jede Aufgeregtheit auch angesichts der haarsträubendsten Vorkommnisse, aber so farbig und hyperbolisch und irgendwie vergrößert, daß es wirkt wie die Geschichten, die man in der Kindheit gehört hat und die sich lebenslang eingeprägt haben. Mit ihm hat Garcia Márquez noch einmal das Kunststück vollbracht, von den ausgefuchsten Intellektuellen für voll genommen und vom Leservolk geliebt zu werden.

Aber auch Ereignisse der Liebe müssen organisiert werden und brauchen ihre Logistik.

Seit Jahren ging nur das Gerücht, „Gabo“, wie ihn der Kürze halber inzwischen nicht nur seine Freunde nennen, schreibe einen Roman über Simon Bottwar, den „Befreier“, unter dessen Führung sich die kreolische Oberklasse im gesamten Norden Südamerikas Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in zwanzigjährigen Kriegen aus der spanischen Kolonialherrschaft löste. Mancher Autor spricht nicht gern über Unfertiges; in Gabos Fall wirkt diese Verschwiegenheit wie ein Stratagem: Sie heizt Neugier an.

Jetzt ist das Buch da. Es heißt „El general en su laberinto“ (Der General in seinem Labyrinth), ist unverkennbar „garciamarquesisch“, so sehr, daß einige Kritiker fanden, er wiederhole sich nun langsam selber (ein dreister Vorwurf aus einem Konsumentenpublikum, das seine Autoren einerseits als Markenartikel will, andererseits aber übersättigt verlangt, daß sie mit sechzig Jahren die Literatur für sich noch einmal neu erfinden). Trotzdem ist es auch ganz anders: Gabos erster historischer Roman.

García Márquez hat drei Jahre lang recherchiert und Scharen von Fachleuten für Bolivar und seine Zeit konsultiert, hat sechs Entwürfe und neun Vor-Fassungen geschrieben, am Computer („Es ist, als schriebe man wieder mit der Hand – man kann zerreißen, wegwerfen, umstellen... Der Computer ist das Beste, was für den Schriftsteller je erfunden wurde“). In dem kleinen Verlag seines Sohnes in Mexiko-Stadt wurde der Text typographisch bis zur Druckreife gebracht. Ende Februar erhielten die vier Verlage, die den Roman zum 6. März, dem 61. Geburtstag des Autors, etwa gleichzeitig herausbringen sollten, die Disketten. Beim Verlag Oveja Negra in Gabos Heimat Kolumbien, dem Land, in dem Bolivar starb, machten sich auf der Stelle vier Korrektoren über den Text her; fünf Stunden lang klärten sie per Telefax mit dem Autor in Mexiko ihre Zweifelsfragen.