In Moskau ist der Zucker rationiert und das Klopapier knapp. Besucher des Hotels "Kosmos" können sich aber glücklich schätzen: Davon merken sie nichts. Das Hotel erscheint ihnen wie eine Bastion des Westens mitten in der sozialistischen Welt. Direkt in der Eingangshalle, gleich links, springt Las Vegas dem Ankömmling ins Auge. Ein Dutzend einarmiger Banditen wartet auf Spielernaturen. An der Kasse werden vier tokens für einen Dollar ausgegeben. Jede andere Währung ist willkommen, bloß Rubel nicht und dergleichen Weichgeld.

Die Bars und Restaurants sind zur Hälfte Devisenschwemmen. Heinecken Bier ist in der Landeswährung ausgezeichnet, aber nicht für solche zu erstehen. Eine Schachtel Camel kostet vier Deutsche Mark. In den Bars wird der alleinreisende Geschäftsmann oder Tourist alsbald von reizenden jungen Damen angesprochen, die ihm schnell zu verstehen geben, daß 150 Dollar das Ende seiner Einsamkeit bedeuten würden. Mit deutschen Männern dauern die vorbereitenden Gespräche naturgemäß etwas länger, weil sie erst Auskunft über ihren Wohnort geben müssen. Die an sich feine Differenz zwischen, sagen wir, Erfurt und Essen schlägt sich ja gewaltig in der Brieftasche nieder. Ob M oder DM – das ist der einzige kleine Unterschied, für den sich die Damen wirklich erwärmen können.

Bemerkenswert ist der abendliche Zimmerservice im "Kosmos". Der auf sich gestellte Mann darf sich nicht wundern, wenn ihn nacheinander drei Frauen anrufen, um sich teilnahmsvoll nach seinen Wünschen zu erkundigen und diskret ihre Bereitschaft andeuten, zu allem bereit zu sein. Beileibe nicht alle Damen in den Bars wollen die Zimmernummer wissen; einige möchten im Taxi Ausflüge in die nähere Umgebung unternehmen, um dem Gast ihre Wohnung zu zeigen. Auf Nachfrage teilen sie im Flüsterton mit, daß "der KGB" ihre Anwesenheit in den oberen Stockwerken nicht goutiere. Ob die jungen Männer also, die noch spät in der Nacht in der Halle unauffällig in ihren weiten, offenen Trenchcoats umherschlendern, in geheimen Diensten stehen?

Gewiß im staatlichen Auftrag handeln jene Polizisten in Fellmützen und dicken Mänteln, die, schwere Holzknüppel schwenkend, gegen Mitternacht die Bars aufsuchen, um einige der Damen nach ihren Papieren zu fragen. Wer nicht die richtigen hat, muß gehen.

Der Besucher aus Deutschland, dem bei aller Liebe nichts besseres einfällt, als seine Frau zu Hause anzurufen, kann im "Kosmos" auf kein Entgegenkommen hoffen. Man hat ja nicht grundlos im Telephonverzeichnis, das auf den Zimmern dieses internationalen Hotels ausliegt, vergessen zu erwähnen, wie ein Auslandsgespräch zu führen ist. Also die Rezeption anrufen, was Geduld erfordert, denn die Leitung ist oft besetzt. Aha, über Nummer 9 sei die Fernvermittlung zu erreichen.

Was aber, wenn sich dort, an drei Tagen nacheinander, niemand meldet? Dann, rät die Rezeption, nun schon hörbar verärgert, müsse man es eben länger klingeln lassen. Erst persönliches und beharrliches Erscheinen am Tresen führt schließlich zur Auskunft, daß die 9 seit längerem außer Betrieb sei. Wer an dieser Stelle nicht aufgibt, kann, unter günstigen Umständen, die sechsstellige Nummer erfahren, unter der dann tatsächlich ein Fräulein vom Amt zu erreichen ist. Eine Verbindung allerdings, heißt es morgens um neun, könne vor Mitternacht nicht hergestellt werden.

Nun weiß der Gast, was im "Kosmos" knapp ist. Er verläßt das Hotel im Gefühl, nicht eine Bastion des Kapitalismus von innen gesehen zu haben, sondern die sowjetische Vision einer solchen. Der Gast beschließt, nach seiner Rückkehr in den Westen bei nächster Gelegenheit ein gut geführtes Hurenhaus zu dem einzigen Zweck aufzusuchen, von dort aus ein Ferngespräch nach Moskau zu führen. Man wird seinen Wunsch pervers finden. Aber man wird ihn erfüllen. Ulrich Stock