Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, Ende Mai

Der Mann, der Moskau an diesem Montag abend von einem Alptraum befreit, könnte die Rolle des Erlösers bei den Oberammergauer Passionsspielen spielen: mit dunklem, sorgfältig gebändigtem Vollbart, mit sanften, klaren Zügen und einem weichen Timbre in der ruhigen Stimme. Von einem der wenigen Mikrophone im Saal bietet Alexej Kasannick, Dozent aus dem sibirischen Omsk, an, auf seinen eben errungenen Sitz in der Nationalitätenkammer des Obersten Sowjet zu verzichten. Boris Jelzin solle seinen Platz einnehmen – Jelzin und kein anderer. Das müsse ausdrücklich garantiert werden, bevor er sein Mandat niederlege.

Der Volksdeputiertenkongreß zur Uberführung des Sowjetstaats vom kompromittierten Partei- und Plansystem zu einer "zivileren" Präsidentschaft mit indirektem Volksmandat und direkten Vollmachten für den neuen Staatschef war seit Donnerstag live über den Bildschirm gelaufen. Noch nie in der Geschichte Rußlands und der Sowjetunion hatten Millionen Bürger so direkt Zeugen sein, Partei ergreifen können für oder gegen den Aufbruch zu parlamentarischen Formen. Noch nie hatten sie die höchsten Führer ihres Landes in solchen Kreuzverhören erlebt; noch nie hatten sich diese so unsicher und suchend zwischen Paragraphen und Prozeduren, Management und Manipulation bewegt.

Entsprechend abrupt schwankten Stimmung und Atmosphäre. Das Barometer fiel auf Sturm, als der von der Partei verstoßene Boris Jelzin, den die Moskauer im März mit fast neunzig Prozent zum neuen Volkszaren erkoren, am Sonnabend von dem (zu zwei Dritteln konservativen) Volkskongreß nicht in das neue ständige Parlament, den Obersten Sowjet, gewählt wurde. Am Lenin-Stadion wurde noch am Sonntag die schwarze Flagge der Anarchie gehißt. Neben der weiß-blau-roten Fahne des vorrevolutionären Rußlands und den Flaggen vieler nichtrussischer Republiken wehte sie über 70 000 Demonstranten, die ihre Fäuste mit Rufen wie "Schande" und "Mißtrauen dem Obersten Sowjet und seinem Vorsitzenden" in den Himmel reckten.

Zwischen diesen enttäuschten, radikalen Reformanhängern auf der Straße und der "aggressivgehorsamen Mehrheit" (Jurij Afanassjew) der Konservativen im Kongreßpalast, die eine Abschaltung der Fernsehübertragungen verlangten, war Michail Gorbatschow bedrohlich in Bedrängnis geraten, als Alexej Kasannick seinen Verzicht zugunsten Jelzins anbot. Ohne eine Sekunde zu zögern, griff der bereits am Donnerstag, zu Beginn des Kongresses, mit 95,6 Prozent gewählte Staatspräsident zu: "Ich bin selbst kein großer Jurist, aber im Prinzip unterstütze ich einen solchen Vorschlag." Doch um sich abzusichern, forderte er die Juristen im Saal zu Stellungnahmen auf. Die äußerten Bedenken.

Da trat der estnische Deputierte W.A. Palm, Lehrstuhlinhaber in Tartu, ans Mikrophon: "Es gibt doch gar kein Problem. Wenn jemand aus dem Obersten Sowjet ausscheidet, rückt der nächste auf der Liste nach. Das ist unter den Delegierten der Russischen Föderativen Republik ohnehin Boris Jelzin." Eilig rief Gorbatschow in den Saal: "Können wir den Antrag des Genossen Palm übernehmen? Wer ist dagegen? ... Wer ist dafür?" Und noch ehe die Deputierten ihre Arme erhoben hatten, streckte er einmal mehr seine weiße Stimmkarte in den Raum. "Das ist die überwältigende Mehrheit. Danke." Damit ist Boris Jelzin, der 1987 auch von Gorbatschow wegen "Schädigung der Einheit" verstoßene Partei-Outlaw, Mitglied des neuen Obersten Sowjet, in den am Sonnabend nur wenige Reformanhänger gewählt worden waren. Am Montag abend gab es keine verbitterten Demonstranten mehr. Jubelnde "Jelziniten" trugen ihr breitschultriges, silberhaariges Idol – wie einst das Gefolge einen am Zarenhof erfolgreichen Bojaren – durch die Straßen zum Puschkin-Platz. Und der ebenso autoritäre wie emotionale Populist äußerte neues Vertrauen in Gorbatschows multidimensionales Spektakel, das nach wenigen Tagen so ziemlich alle Kulissen der Sowjetgeschichte eingestürzt hat: "Es hat sich gezeigt, daß der Kongreß demokratischer wird. Wenn sich diese Tendenz fortsetzt, erwächst immer mehr Hoffnung, daß er die Erwartungen erfüllt." Weniger emphatisch liest sich der Leserbrief des Studenten Andrej Polikarpow, den die Komsomolskaja prawda am Dienstag veröffentlicht: "Alle, die geheim gegen Jelzin gestimmt hatten, votierten nun öffentlich für ihn. Unehrliche Menschen..."