Seit einem Jahr quält ihn die Frage: War es richtig, den getunten schwarzen GTI mit den extrabreiten Schlappen aufzugeben und auf den Hundertneunziger umzusteigen? Denn erstens haben die Lackierung aller Chromteile, die Spoiler und der extra Kühler ein Heidengeld gekostet, zweitens wäre ein 3er BMW günstiger gekommen, und drittens nimmt ihm immer noch keiner den erfolgreichen Designer ab. Warum eigentlich nicht? Es stimmt doch alles. Das Armani-Parfum, die Cornelliani-Lederjacke, das Fendi-Köfferchen und die Gucci-Schuhe. Der Haarschnitt ist Fremdenlegion, die Brille Wim Wenders, die Uhr eine Swatch, und die Zinsen sind unglaublich. Vier Kredite bei vier verschiedenen Banken. Entweder schläft die Schufa, oder man hielt seinen Job für unkündbar. War er nicht. Warum also glaubt ihm keiner den Designer? Was wollen die noch? Sind die zu blöd, um diese Zeichen zu deuten? Wenn er mal einen Tramper einlädt und ganz beiläufig fragt, was er, der Tramper, denn raten würde, was er, der Fahrer, von Beruf sei, dann tippen die immer auf Industriekaufmann, Außendienstler oder Polizist. Polizist, das muß man sich mal vorstellen. Haben vermutlich gar keine Ahnung, was das überhaupt ist, ein Designer. Wenn einer sich schon durch die Landschaft schnorrt, was weiß der dann von Fendi?

Aber eigentlich ist es ohne Fahrgast auch schöner. Da zieht das Geschoß noch griffiger durch. Wozu stehen die großen Zahlen am Tacho, wenn die Nadel sie nicht erreicht? Geschlafen wird im Bett, und geparkt wird auf der rechten Spur. Zweieinhalb Liter sind eine Verpflichtung. Möglichkeit zu Leistung ist Aufforderung zu Leistung. Alles bis hundertzwanzig ist geparkt.

Da, ein Fahrer mit Hut. Ja gibt’s denn das noch? Wurden die nicht von der Genfer Konvention verboten? Ford Granada von 82. Wackelhund im Heck. Bestimmt ist die bestrickte Klorolle gerade in der Inspektion. Will die linke Spur nicht frei machen. Mann, stell deinen Toaster woanders ab, andere Leute haben heut noch was vor! Meint wohl, der Rest der Welt könne auch mit hundertzwanzig zufrieden sein. Der kriegt ’ne Fahrstunde. Hallo Schnarcher, so sieht Halogen im Rückspiegel aus. Ach was, Rückspiegel, weißt du nicht, was das ist, wie? Und so klingt eine extra eingebaute Sechshundert-Mark-Lastwagenhupe. Hörst du auch nicht? Hast die Oberkrainer zu laut gedreht? Ja, merkst du denn gar nicht, daß ich schon seit einer Viertelstunde deinen Aufkleber lese? „Wieder ein Ford von Autohaus Gähn und Kriech.“ Paß mal auf, Papi, kannst noch was lernen. Jetzt, ja jetzt, mußt du mal kurz nach rechts schauen. Hallihallo, wo komm ich denn her? Hähä. Schauen!!! hab ich gesagt, nicht rüber ziehen!!!

Na, bitte, so sehen Polizisten aus. Gestutzter Schnurrbart, irgendwie unweigerlicher Gesichtsausdruck und dieses holprige Auftreten. So was in der Mitte zwischen Spießer und Rocker. Die haben alle den Wohnküchenblick. Die wissen noch, was das Wort Trevira bedeutet. Die halten Carpaccio für ’ne Landschaft. Und dann dieser Richter. Den müßte man doch wegen Befangenheit ablehnen können, dem sieht man doch das Modell auf hundert Meter an: Omega, Scorpio, Audi achtzig. Jede Wette. Eine Kiste Asti Spumante, daß er mit Hut fährt! Aus diesem Mund ist das Urteil eine Ehrenerklärung. Kann man sich einrahmen und an die Wand nageln. Daß diese rührenden Typen nicht langsam aussterben. Pudelbesitzer, Pitralon-Benutzer, Partykeller mit Lichtorgel und Verwandte in der DDR. Irre. Und der Typ von der Leasingbank: Versandhauskrawatte, Versandhausanzug, Versandhaus-Haus, Versandhaus-Frau, Versandhausgehalt.

Na ja, nichts gegen kleine Gehälter. Für die nächste Zeit muß es wohl erst mal ein gebrauchter Manta mit Boss-Aufkleber tun. Hosenträgergurte und Heckjalousie kann man sich ja zum Geburtstag wünschen.

Herb ist allerdings die Rückkehr in das Zimmer bei den Eltern. Das war doch eigentlich abgehakt. Reihenhaussiedlung, Gartenschlauchparty, „Junge steh auf, das Mittagessen wird kalt...“, das hat was von Pech beim Monopoly. Die Braun-Stereoanlage ist wenigstens nicht pfändbar. Bis das blöde Gipsgestell vom Hals kommt, kann er nach Herzenslust Musik hören. Aber dann wird sie verkauft. Man darf nicht an materiellen Dingen hängen, wenn die Aufnahmegebühr für die Designerschule ansteht. Man muß jederzeit von vorn anfangen können.

Außerdem hat der 3er BMW einen schärferen Appeal. Irgendwie bissiger. Bis zum Bitter-Cabrio ist noch ein weiter Weg. Aber was soll’s? Wo war denn Colani mit einundzwanzig?

Thommie Bayer